Schweiz

In Leipzig trifft sich der neue Osten

16. März 2008, 18:53 – Von Martin Ebel

Es gibt viele gute Gründe, zur Leipziger Buchmesse zu fahren. Einer davon: Nirgendwo sonst kann man so viel Literatur aus Osteuropa hören.

Die Leipziger Buchmesse, die gestern zu Ende ging, hat Schulklassen aus ganz Sachsen angezogen (und angezogen waren sie vielfach wie ihre liebsten Manga-Figuren, man wähnte sich zeitweise auf einem Kostümball), etliche Preise verliehen (den wichtigsten an den Lokalmatador Clemens Meyer, der in diesen Tagen nicht weniger als acht Lesungen absolvierte) und sich selbst ein bisschen gefeiert. Vor allem hat sie sich gegenüber der grossen Schwester Frankfurt definitiv und gut positioniert: als Lesemesse (1900 Veranstaltungen sollen es diesmal gewesen sein, man wills kaum glauben) und als Fenster nach Osteuropa.

Aus den «Borderlands» Europas

Noch besser ist die Verbindung von beidem. Osteuropäische Autoren lesen an zahlreichen Orten, auf dem Messegelände und überall in der Stadt. Das «Nato» ist ein schummriger Keller, in dem man leicht über abgelegte Mäntel oder leere Bierflaschen fallen kann. Hier stellt György Dragoman seinen Roman «Der weisse König» erstmals vor. Der gebürtige Rumäne schreibt Ungarisch, spricht ein gebrochenes Deutsch und stolpert in einem Affenzahn durch den übersetzten Text.

Aber wenn man sich eingehört hat, ist man zugleich verzaubert und terrorisiert. Die Zuhörer schlüpfen in die Haut eines Zehnjährigen, der erleben muss, wie die stalinistische Diktatur selbst in die elterliche Wohnung eindringt. Vermeintliche «Kollegen» haben den Vater auf eine Dienstreise «mitgenommen», es sind in Wirklichkeit Geheimpolizisten, die jetzt die Mutter drangsalieren und die Welt des Jungen in Scherben schlagen. Suhrkamp-Autor Dragoman gilt als Geheimtipp; bald wird er in aller Munde sein.

An die 100 Autoren aus Osteuropa sind da, aus Litauen und der Slowakei, Rumänien und Slowenien. Die Messe hat ihre Auftritte mit verschiedenen Kooperationspartnern (vom LCB Berlin bis zum Auswärtigen Amt) in Schwerpunkten und Reihen strukturiert. «Stadtansichten» heisst so ein Knotenpunkt, «European Borderlands» ein anderer. Oft zeigen sich die Autoren dabei von einer Seite, die man zu kennen meint und mit osteuropäischem Humor verbindet: skurril und sarkastisch, bilderstark und bitterböse. Dem Elend des Alltags trotzen sie immer noch eine weitere groteske Pointe ab.

In der Erzählung «Die Tage nach Orest» von Vitalie Ciobanu (Moldau) etwa schreibt ein Altwarenhändler jeden Tag aufs Neue auf seine Schaufensterscheibe «Heute keine Zitronen», als ob es die je gegeben hätte. Sein bulgarischer Kollege Alek Popov (mit zwei Romanen bereits auf dem deutschsprachigen Markt vertreten) erzählt von denen, die im Westen ihr Glück zu machen versuchen, und sei es als Hundeausführer in New York. Die Literatur aus den europäischen «Borderländern» – ein Begriff, der auch auf den psychopathologischen Begriff Borderline anzuspielen scheint – sind regional und international, vor allem aber: verrückt gut.

Kroatiens junge Autorinnen

Kroatien ist das Schwerpunktland der Messe 2008, ein Land, in dem nach bleiernen Jahren sich offenbar eine regelrechte literarische Explosion ereignet hat. Eine Vielzahl junger Autoren schickt sich an, die Leser in Ost und West zu erobern, und sie treten in Leipzig nicht unter dem Banner einer Nation an, schon gar nicht mit nationalistischen Ansprüchen, sondern nehmen Kollegen aus den Nachbarländern mit. Autoren – und natürlich Autorinnen!

Eine muntere Runde selbstbewusster junger Schriftstellerinnen im kroatischen «Café Strand» demonstriert, animiert von der bereits prominenten Autorin Slavenka Drakulic, wie in Kroatien mit so genannten Frauenthemen umgegangen wird: elegant, witzig – oder eben gar nicht. «Wir treffen uns ab und zu, die Frau und ich», kommentiert die 29-jährige Serbin Marija Karaklajic die Aufforderung, über ihr «Schreiben als Frau» zu reden.

«Ich spüre nur dann, dass ich eine Frau bin, wenn mir ein Mann gefällt, nicht beim Schreiben», meint Olja Savicevic aus Split, und Ivana Sajko, eine erfolgreiche Dramatikerin, sekundiert: «Von mir sagen die Kollegen: Sie schreibt wie ein Mann. Und sie verstehen es als Kompliment.» Da bricht die gesamte Frauenrunde in fröhliches Gelächter aus.

Sie sind vernetzt und lesen einander

Die Verheerungen der Trennungskriege im ehemaligen Jugoslawien sind nicht vergessen, sie werden auf den Podien auch thematisiert. Aber die jungen Autoren schauen nach vorne. Sie sind vernetzt, sie lesen einander, rufen sich an – über die neuen Staatengrenzen hinaus.

Und sie wollen natürlich nach «Europa», das heisst: in die EU. «Das Balkan-Paradox» nennt das Slavenka Drakulic: erst mit aller Gewalt raus aus dem jugoslawischen Staat, und dann rein in eine neue Grosseinheit, die auch die Aufgabe von gerade gewonnenen Souveränitätsrechten verlange. Nun, das ist den baltischen Staaten vor ein paar Jahren nicht anders ergangen, und sie sind gut damit gefahren. Auch für solchen Erfahrungsaustausch ist die Messe gut.

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