Ein Nichtschwimmer im kalten Schwimmbecken des Lebens
17. März 2008, 16:37 Von Christoph SchneiderIm Hanser-Verlag, einer der vornehmsten Adressen für deutsche Belletristik, ist der dritte Roman des Schweizers Rolf Lappert erschienen: «Nach Hause schwimmen».
Das ist die Geschichte von Wilbur McDermott, der gut darauf verzichten könnte, zu leben. Das Leben, soweit es diese Romanfigur betrifft, ist etwas, in das man geworfen wird wie in ein Schwimmbecken mit kaltem, von vielen existenziellen Ausscheidungen verschleimtem Wasser. Darin schwimmt man, oder man geht unter, und auf dem Boden des Beckens sind in Stein die Namen toter Nichtschwimmer eingelassen.
Man könnte sagen, das Leben, wie Wilbur es sieht, habe immer schon jenem Hallenbad im irischen Cork geglichen, das von einem in Neuseeland ausgebildeten Rettungsschwimmer eigenhändig erbaut worden war im Namen des Herrn und eines gesunden Lebenswillens (der Mann weihte sich sozusagen dem sadistischen Herzensbedürfnis, irische Kinder ins Wasser zu werfen im Kampf gegen eine von der untätigen Politik beförderte Nichtschwimmerei).
Einmal als Kind hatte Wilbur sich auf den Beckenboden sinken lassen, nicht weil er sterben wollte, sondern einfach weil er den Sinn des Schwimmens nicht einsah. Das Dasein konnte ihn nicht von seiner Notwendigkeit überzeugen. Der Rettungsschwimmer hatte ihm diesen Nihilismus aber nicht erlaubt, was nur dazu führte, dass ein eher experimenteller Lebensunwille noch verstärkt wurde durch eine wirkliche Panik vor allem Flüssigen. Sodass Wilbur sich seither selbst beim Duschen fürchtet und Getränke nur mittels eines Plastikröhrchens in kontrollierten Dosen zu sich nimmt. Und das alles zusammengenommen und ergänzt durch weitere Symptome einer Phobie vor dem Fliessenden und eines Hangs zum Ertrinken bildet nun die schöne, grosse Metapher, unter der Wilburs Existenz in «Nach Hause schwimmen» steht.
Zu leben muss man sich trauen
So weit, so abgekürzt. Lapperts Fabulierfreude ist damit kaum angedeutet. Denn «Nach Hause schwimmen» ist auch die Geschichte von Wilbur McDermott, der schon leben will, wenn man ihm hilft, sich zu getrauen. Und die der Menschen, die sich getraut haben, ihm zu helfen. Und die derer, die sich besser nicht getraut hätten. Und die Geschichte derer, die sich hätten getrauen müssen, es aber nicht konnten. Es ist ein reicheres und ehrgeizigeres Buch, als dass es sich auf einen einzigen metaphorischen Punkt bringen liesse.
Es beginnt in Todesnähe, in einem amerikanischen Spital, wo Wilburs altes, nicht schwimmendes, zwanzigjähriges Ich, das man wieder einmal aus dem Wasser gezogen hat, gegen das Sterben nichts hätte. Es endet am Lebensanfang eines neuen Ichs, den das alte sich verdienen und gewissermassen ersterben musste. Und zwischen dem Anfang, der ein Ende, und dem Ende, das ein Anfang ist – ein alter literarischer Trick; es schadet also nicht, ihn zu verraten –, entfaltet sich der Reichtum.
Da erfahren wir beispielsweise, wie dieser Wilbur zu früh geboren wurde und dass die Mutter dabei starb («sie schloss für immer die Augen, als er seine zu ersten Mal öffnete», und wie zur Strafe dafür habe ihn bereits der Arzt auf den Hintern gehauen). Dass er – in Amerika, in Irland und wieder in Amerika – immer zu kurz geraten durch die Welt musste (drei Zentimeter kleiner als Roman Polanski und wenig grösser als Danny DeVito, wie er als Filmliebhaber einmal feststellt; und das ist wirklich klein für einen, der hart und stark werden wollte wie Bruce Willis und sich wünschte, «irgendwann nichts mehr fühlen zu müssen»). Wie er aufblühte unter der Liebe der irischen Grossmutter und einen Freund gewann, indem er ihm die Nase brach, und dass er dann wieder gewissermassen schrumpfte unter der Fuchtel einer Pflegemutter (einer Frau, «die unter der Last, Gutes zu tun, müde und verbittert geworden war»). Auch von einer Liebe, die in der Psychiatrie wächst, lesen wir und vom verschwundenen Vater, den Wilbur, der nebenbei ein Cellovirtuose geworden war, lange suchte, womöglich um ihn zu erschiessen. Und wir erfahren noch viel mehr und fast zu viel.
Eine immense Lebensfülle breitet sich aus. Rolf Lappert, mal im Tonfall eines eloquenten Wilbur-Ichs, mal als wortmächtiger Erzähler, ist da ungemein generös. Das fliesst dahin und verästelt sich in Schicksale. Erzählerische Nebenflüsschen werden plötzlich wahre biografische Ströme. Vergangenheiten umklammern jede Gegenwart und Vorvergangenheiten alle Vergangenheit. Wunderbar lakonisch ist dieser Roman oft, und oft schäumt er die Lakonie zur ausgedehnten Sentenz auf. Wer es gut meint, redet in solchen Fällen gern und mit Recht von einer «ungebremsten Erzähllust».
Allerdings gleicht die Lust hier manchmal einem epischen Suchtverhalten. Will heissen: in den psychologischen Geografien dieser Romanlandschaft kann ein Leser ein bisschen wirbelig werden, und der lange epische Atem unterscheidet sich nicht von der Langatmigkeit. Einmal beschreibt Lappert (als Wilbur) einen Trödlerladen. Er sei, heisst es, ein Museum der Träume, Erbschaften und Diebesgüter, voller Tragödie und Bedeutungslosigkeit. Die Dinge dort seien bestaubt mit dem «Charme des Unnützen», und sie röchen nach Kostbarkeit und «vergeblicher Mühe» und «nach schnellem Geld und langsamem Untergang».
Auch bluffen will gekonnt sein
Es ist eine feine Stelle; aber eigentümlich, wie sie auch auf dieses Buch passt: nämlich dort, wo es einem Kabinett des wahllos Angesammelten und mit Liebesmüh Konstruierten gleicht; und wo es weniger nach einer wirklichen Romanwelt riecht als nach dem Willen, einen Roman zu schreiben, der auf der Beletage der Epik besteht. Der zarte Verdacht, bei «Nach Hause schwimmen» spiele ein wenig literarischer Bluff mit, ist nicht ausgeräumt. Aber natürlich, das Bluffen will so hervorragend auch erst einmal beherrscht sein.
Rolf Lappert: Nach Hause schwimmen. Roman. Hanser, München 2008. 544 S., 41.30 Fr.





























