Reporter auf der Grenze zwischen Moral und Unmoral
28. April 2008, 20:41 Von Eberhard FalckeTruman Capote war ein brillanter Journalist. Seine Porträts und Reportagen sind jetzt in einem Band versammelt. Grossartige Lektüre.
Der blonde Jüngling auf der Chaiselongue blickt über die linke Schulter seinem Publikum entgegen. Grosse Augen in einem androgynen Gesicht. Ein träumerisch-anzüglicher Blick, weicher Samt mit versteckten Reissnägeln. Dieses Autorenfoto erregte zu Beginn von Truman Capotes Karriere fast ebenso viel Aufmerksamkeit wie seine Prosa. Der intime Blick, in aller Öffentlichkeit exponiert – er kann als Wappenzeichen für diesen Autor gelten.
«Ich wusste immer», bekannte Capote (1924–1984), «dass ich Schriftsteller sein wollte, und dass ich reich und berühmt sein wollte.» Noch stärker als seine Romane und Erzählungen zeugen von diesem zweideutigen Ehrgeiz seine Reportagen, Porträts und sonstigen journalistischen Arbeiten. Hier tritt Capote nicht allein mit seinen literarischen Fähigkeiten vor das Publikum, sondern zugleich mit seinen sozialen Errungenschaften.
Stars und Mörder
Er nimmt uns mit zu Marlon Brando, John Huston, Louis Armstrong, Marcel Duchamp, Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Ezra Pound, Tennessee Williams und weiteren Berühmtheiten. Doch er führt uns auch in den Hochsicherheitstrakt von San Quentin zu dem Mörder Robert Beausoleil. Er berichtet, wie er seine schwarze Putzfrau bei ihrem von Marihuana beschwingten Tagewerk in fremden Wohnungen begleitet. Er erzählt von Orten, an denen er lebte und zu denen er reiste und von der fabelhaften Tournee eines amerikanischen «Porgy and Bess»-Ensembles durch die Sowjetunion mitten im Kalten Krieg.
Ausserdem gibt er so offenherzige wie artistisch verspielte Einblicke in sein Innenleben, die Quellen seines literarischen Vermögens: «Der Ursprung lag in mir selbst: meinem unterirdischen, schwierigen Ich, nirgendwo sonst. Diese Erkenntnis machte mich mit einem Schlag frei.»
Das scheue Sexsymbol
Mag sein, dass diese Selbsterfahrung ihn dazu antrieb, hinter den Fassaden mit besonderer Neugier nach geheimen, verheimlichten Wahrheiten zu suchen. Wer waren die Menschen hinter den Konstruktionen von Image und Rolle? Marlon Brando zum Beispiel, den er während der Dreharbeiten zu «Sayonara» in Kyoto besuchte. Im wüsten Durcheinander seiner Hotelsuite bot der Star den dazu passenden Monolog aus Sprunghaftigkeit, Tiefsinn und unermüdlichem Palaver und verriet: «Von allem, was ich sage, meine ich höchstens vierzig Prozent.» Seine Erscheinung hingegen war zweifellos hundertprozentig.
Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe unterschieden sich in allem, doch entdeckte Capote bei beiden eine sehr ernsthafte Einstellung zum Sex und zur Literatur. Das herrische Sexsymbol Mae West verblüffte durch ihr scheues Wesen, sobald sie ausserhalb der Studios «ohne den Panzer der von ihr erschaffenen Filmfigur» auftrat.
Ein Zusammentreffen von André Gide und Jean Cocteau in Sizilien bezeugte Capote wie folgt: «Cocteau war noch immer die gefallsüchtige, schillernde Libelle, die sich dem Frosch nicht nur als Objekt der Bewunderung anbot, sondern sogar als besonderer Leckerbissen.» Hinter dem derben Humor von Tennessee Williams spürte er die Traurigkeit, was den Spass an zotigen Streichen nicht minderte.
Ohne Tonband und Notizen
«Was braucht man für ein Interview? Zunächst einmal ein Gedächtnis, das zuverlässig funktioniert wie ein Aufnahmegerät.» Von Notizblöcken und Tonbandgeräten wollte sich Capote die Stimmung zwischen den Interviewpartnern nicht verderben lassen. Das Aufschreiben erledigte er danach. Immerhin waren seine Ansprüche an die Faktentreue damit bestens vereinbar: «Alles in diesem Buch beruht auf Tatsachen, was nicht bedeutet, dass es sich immer um die reine Wahrheit handelt, aber zumindest um meine grösstmögliche, persönliche Annäherung an die Wahrheit.»
Capote war ein Moralist, der sich für die Unmoral interessierte. Und er war ein Autor, den wenig anderes so sehr fesselte wie die Tatsachen des Lebens. Es drängte ihn zum Journalismus als Kunstform. Die Herausgeberin des Bandes betont, dass Truman Capote dabei die unterschiedlichsten Genres benutzte. Im Übrigen bleibt jedoch, abgesehen vom Personenregister, die Erschliessung dieses Werkkomplexes leider unbefriedigend.
Mit «Kaltblütig» (1966), seiner bis in die Todeszellen ausrecherchierten Non-Fiction-Novel über den Mord an einer Farmerfamilie, hat Capote den Tatsachenroman auf seine Weise neu erfunden. Bei der Beschaffung von Fakten und Informationen erwies sich der Mann, der oft erschien wie der Grösste aller Glitterati, als ein erstaunliches Arbeitstier. Doch schon in der hier abgedruckten Reportage «Die Musen sprechen. Mit Porgy and Bess durch Russland» von 1956 war die Erhebung des Journalismus zur Kunst gelungen. «Ich wollte einen journalistischen Roman schreiben, etwas mit der Glaubwürdigkeit des Faktischen, der Direktheit des Films, der Tiefe und Freiheit von Prosa und der Präzision von Poesie.»
Der Puls des Lesers rast
Zu den Glanzstücken gehört auch «Handgeschnitzte Särge» über eine haarsträubende Mordserie im nicht mehr wilden, sondern schon perversen Westen. Es ist das kriminalistische Satyrspiel zu der tödlichen Tragödie «In Cold Blood». Die Wirklichkeitsbehauptung «Tatsachenbericht über ein amerikanisches Verbrechen» dient in diesem Fall nur als Kostümierung und Stilmittel. So einfach wie raffiniert wird der Leserpuls hochgetrieben: Jetzt tun wir mal so, als wäre das alles wahr – die beisswütigen Klapperschlangen unterm Autositz, der abgetrennte Kopf am Strassenrand, die Ankündigung der bevorstehenden Morde . . .
Schreiben unter Drogen
Capotes Reportagen, Geschichten, Porträts, Dialoge und Selbstgespräche sind eine grossartige Lektüre. Sogar die späten Arbeiten aus den Siebzigerjahren zeigen, dass er das Schreiben nicht verlernt hatte. Obwohl ihn Drogen, Alkohol und Schreibblockaden zerrütteten und es mit seinem grossen Romanprojekt «Answered Prayers» nicht vorwärts ging.
Truman Capote: Die Hunde bellen. Reportagen und Porträts. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Kein & Aber, Zürich 2008. 912 S., ca. 50 Fr.
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