Christoph Bangert, Irak
30. April 2008, 02:34 Von Barbara BastingNach wie vor vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht Nachrichten von Anschlägen gegen Soldaten wie Zivilisten aus dem Irak erreichen.
Eine aus unserer Sicht vielleicht ermüdende Routine ist daraus geworden; und wohl noch den letzten Falken in der amerikanischen Regierung ist mittlerweile klar, dass der 2003 begonnene Feldzug ein einziges Debakel geworden ist – humanitär, politisch, finanziell.
Nach den vielen Sensationsbildern vom Sturz der Saddam-Statuen über Saddams Versteck bis zu Falludjah und Abu Ghraib, die am Anfang dieser unseligen Kampagne um die Welt gingen, gibt es auch hier Abnützungseffekte: Was will man noch zeigen, was sehen? Ist nicht jedes Bild inzwischen fast zwangsläufig eine Wiederholung des traurig Ewiggleichen?
Nicht, wenn man sich dem zerrissenen Land wie der 1978 geborene deutsche Fotograf Christoph Bangert nähert, dessen Aufnahmen auch schon im «Tages-Anzeiger» veröffentlich wurden. Bangert, der zu Beginn des Krieges 2003 noch studierte, nahm im Frühling 2005 seine Arbeit als Fotograf für die «New York Times» im Irak auf; im selben Jahr konnte man ihn auch in der Ausstellung «reGeneration» im Lausanner Musée de lElysée begegnen, die 50 wichtige junge Fotografen vorstellte.
Sein nun erschienenes Fotobuch «Irak – Schweigendes Land» besticht durch den Blick für die grausamen Absurditäten, aber auch die ausweglos scheinende Verzweiflung, die den Alltag im Irak längst bestimmt. Bangert zeigt die Opfer der entfesselten religiösen Konflikte – Tote und Verletzte, manche schlimm zugerichtet - ebenso wie die einst als «Befreier» angereisten amerikanischen Täter als gleichermassen ratlose Gefangene einer völlig verfahrenen, ausweglosen Situation.
Nicht wenige Bilder sind fast unerträglich, obwohl Bangerts Farbfotografien nie reisserisch, sondern geradezu auffällig unauffällig wirken und zum genaueren Hinschauen zwingen.
Denn fast nie zeigt er die allgegenwärtige Gewalt, während sie direkt verübt wird, sondern macht sie als latent vorhandene Bedrohung dingfest. Er zeigt sie in den Spuren der Zerstörung, die sie hinterlässt, auf Gesichtern, Körpern, in Gebäuden, Landschaften. Das letzte Bild des Buches – unsere Abbildung – zeigt den «Geflügelten Mann», eine Statue in der Nähe des Hauptkontrollpunktes beim Flughafen von Bagdad, die an einen ikarusgleichen, vermessenen Nationalhelden erinnert, der aus eigener Kraft fliegen wollte.
«Die Statue zum zweiten Mal zu sehen, bedeutet, dass man den Aufenthalt im Irak überlebt hat – und auch die Fahrt über die Strasse, die eine Zeit lang als die gefährlichste der Welt galt», schreibt Bangert in seinen Anmerkungen zu seinen Bildern.
Bangert blieb noch bis Ende 2007 im Irak. Der Fotograf fliegt zurück, wir klappen das Buch zu. Aber die Geschichte der Gegensätze, die darin mit leiser Wucht aufeinander prallen, wird uns noch lange beschäftigen.
Christoph Bangert: Irak – Schweigendes Land. Mit einem Vorwort von Jon Lee Anderson. Deutsche Ausgabe Fackelträger-Verlag, Köln 2008, 124 S., ca. 50 Fr. Engl. Originalausgabe: PowerHouse, 2007.




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