Leuenberger holte sich in Solothurn viele Lacher
04. Mai 2008, 16:52 Von Martin EbelDie 30. Literaturtage von Solothurn boten viel Neues. Den Vogel schossen aber die grossen Alten ab.
- Artikel zum Thema
- Buchpreis: «Ein Gesetz muss her!»
- Solothurner Literaturtage eröffnet
Blauer Himmel über Solothurn. Herrliches Wetter, viel zu schade, um drinnen zu hocken? So wird ein Literaturfreund nie denken, wenn ihn, wie bei diesem Schweizer Gipfel- und Hügeltreffen, viel versprechende Lesungen aller Art erwarten. Weiss er schliesslich: Durch das geschriebene und hier zu Gehör gebrachte Wort kann er in viel aufregendere Klimazonen transportiert werden, dazu in die Vergangenheit und tief hinein in ein anderes Ich. Insofern schlägt die Literatur jedes Wetter, und deshalb waren die verschiedenen Säle des Landhauses, wo das Festival hauptsächlich stattfindet, fast immer voll.
Dabei ist es keine geringe Anstrengung, Stunde um Stunde kunstvolle Prosa allein übers Ohr aufzunehmen (Literaturfreunde sind halt Augenmenschen) und dazu auf harten Stühlen auszuharren, hin- und hergerissen zwischen Bewegungsdrang und einem kleinen Ermüdungsnickerchen. Aber das Solothurner Publikum ist eben hart im Nehmen, dankbar im Aufnehmen und spendabel mit Zustimmung. Es wurde viel gefragt, und es wurde viel geklatscht bei diesen 30. Literaturtagen. Best und Silver Ager weiblichen Geschlechts prägten das Publikum, wie meistens bei derartigen Veranstaltungen.
Der beste Neuling ist Buschauffeur
Ein ausgesprochenes Jubiläumsprogramm war es nicht, man blickte nicht zurück (ausser, was die Galerie der Festivalplakate anging, die in einem Saal aufgehängt waren), sondern eher nach vorn, in die mögliche Zukunft der Schweizer Literatur. Etliche Debütantinnen und Debütanten waren eingeladen, aus ihrem ersten Roman zu lesen. Die darf man keinesfalls über einen Kamm scheren (vor allem, wenn man, schon durch die Parallelveranstaltungen bedingt, niemals alles hören kann). Dennoch drängen sich einige Gemeinsamkeiten auf. So befassten sich gleich drei junge Autorinnen (Annette Hug, Lea Gottheil und Susanna Schwager) mit dem Lebensschicksal einer älteren Frau, sei es, dass eine Enkelin ihre Grossmutter befragt, sei es auf Grund von Recherchen im Altersheim.
Daraus lässt sich eine gewisse Sehnsucht nach «echtem Leben» entnehmen (als welches das weiter zurückliegende und also exotische erscheinen mag) und überhaupt das Bedürfnis nach einem schon vorliegenden, recherchierbaren und bearbeitungsfähigen Stoff. Die Umsetzung führt dann allerdings leicht zu einem Eins-zu-eins-Realismus, der nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Details unterscheiden kann, also einer gewissen Flächigkeit der Umsetzung. Ausserdem wird sprachlich oft zu wenig gewagt, findet die Sorge um Lebenstreue ihren Niederschlag in einfachen Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen. Manchmal schlägt sich der Duktus der Auskunftgeber auch in der Kunst-Prosa unvermittelt nieder, was dann zu treuherzigen Sätzen führt wie «Diese Frau trat durch die Tür, und es war um mich geschehen.» oder «In ihr war ein solches Sehnen nach diesem Mann.».
Nicht immer ist das so, ein Maurizio Pinarello etwa lässt in seinem Roman «Das Gedächtnis der Steine» die Sätze weit ausschwingen und so etwas wie einen epischen Atem spüren. Und der gebürtige Rumäne Marius Daniel Popescu, der in Lausanne als Buschauffeur arbeitet, nach meinem Eindruck der interessanteste Debütant dieses Solothurner Jahrgangs (allerdings ein Romand), hat seinen absatzlosen, stark vom Rhythmus lebenden Roman im Prinzip ins Unendliche geschrieben; «La sinfonie du loup» hat nur aus den leidigen Herstellungszwängen seine Beschränkung auf 400 Seiten, ja überhaupt seinen Abschluss gefunden. Aus dem Debütantenreigen heraus stach auch Anja Jardine mit einer Zimmermädchen-Geschichte, die ihren Stoff mit Sinn für Proportionen und Ökonomie präsentiert – Qualitäten, die man im Journalismus lernen kann; diesen Beruf übt die Autorin auch hauptsächlich aus.
Starke Nichtschweizer
Das Nebeneinander von Neuem und Bewährtem ist selbst ein bewährtes Prinzip in Solothurn; «sichere» Werte wie Rolf Lappert, Jörg Steiner oder Paul Nizon überzeugten auch diesmal mit ihren Lesungen. Nizon allerdings machte es sich insgesamt zu leicht. Seine Journaltexte sind, auch nach eigener Einschätzung, zum «Warmschreiben» gedacht, Anlauftexte für das Eigentliche. Aber so klingen sie trotz etlicher hübscher Beobachtungen dann immer wieder, und nicht alles, was den Weg aufs Papier gefunden hat, muss ihn auch weiter zum Leser (oder auch nur bis zum Buchbinder) gehen.
Dass auch Nichtschweizer Autoren in Solothurn lesen, ist glücklicherweise seit langem nicht mehr umstritten, auch auf die Gefahr hin, dass sie den Einheimischen die Show stehlen. Aber alles ist besser als die Selbstbeschränkung auf literarische Wohnzimmerheimeligkeit. In die weite Welt führte ein jugendliches Publikum die Chinesin Huang Beijia, deren jüngster Roman über den Horror von Schulprüfungen in ihrer Heimat eine Million Mal verkauft wurde. Den Schweizer Schülern wurde mulmig zu Mute, als sie von 70-Kinder-Schulklassen hörten und von dem Druck, den Eltern, Grosseltern und ein durch Korruption noch zusätzlich belastetes, unbarmherziges Auslesesystem auf die armen Einzelkinder ausüben.
Ales Rasanau, der Dichter aus Weissrussland, verzauberte seine Zuhörer mit grossen Gesten, einer Deklamationsweise, die jeden Konsonanten aus dem Sprachstrom plastisch herausmodellierte, und einer Emphase, die die Wörter in den Raum stellte, als seien es lebendige Wesen.
Grossen Eindruck machte in der Abendlesung Monika Maron mit ihrem Roman «Ach Glück». Der souveräne Umgang mit allen Schattierungen der Ironie war eine Wohltat, ebenso die Fähigkeit, ellenlange Sätze zu bauen, die sich mühelos aufnehmen lassen und wie selbstverständlich demonstrieren, dass sie genau so sein müssen. Ulrich Peltzer, der mit «Teil der Lösung» den intelligentesten politischen Roman dieser Jahre geschrieben hat, erreicht damit endlich das grosse Publikum, das er verdient, wie auch der Zulauf in Solothurn zeigte.
Der heilige Zorn des Adolf Muschg
Noch grösser war das Gedränge freilich bei Bundesrat Moritz Leuenberger, der mit Peter Stamm über das Schreiben diskutierte und sich dabei erneut als grosser Kommunikator erwies. Schon nach wenigen Worten hatte er das Publikum in der Hand und holte Lacher um Lacher heraus, und zwar ohne alle billigen Effekte. Was Ironie ist und wie schwer sie funktioniert, das sagte er nicht nur, sondern demonstrierte es gleichzeitig mit Anekdoten und allerlei Verweisen, deren Subtext im Saal (wo die SVP sichtlich wenig Sympathie genoss) verstanden, goutiert und beklatscht wurde. In der schönsten Anekdote ging es darum, was ein fauler Kompromiss ist, sie soll den Lesern nicht vorenthalten werden: In Bern stritt man erbittert, ob der Schnellzug Zürich–Bern in Olten halten solle oder nicht. «Der Kompromiss: Wir fahren ganz langsam durch.»
Mein Auffahrtserlebnis in Solothurn war aber der von heiligem Zorn inspirierte Auftritt von Adolf Muschg, der beim Podium über die Literaturkritik den Zeitungen und dem Zeitgeist die Leviten las. Für Goethe musste eine Kritik drei Fragen beantworten: Was hat sich der Künstler vorgenommen, ist es ein vernünftiges Vorhaben, hat er es eingelöst? Heute lauteten die Fragen an das Kunstwerk vielmehr: Liegt es im Trend? Fügt es diesem einen neuen Aspekt hinzu? Liest es sich auch süffig? In erschreckendem Masse habe die Fähigkeit abgenommen, mit Sprache differenzierte Sachverhalte wahrzunehmen (geschweige denn, darzustellen). Der Markt setze sich überall massiv durch, auch im kulturellen Bereich, und bewirke Barbarisierung und Verdummung. Solothurn, so Muschg, sei dagegen geradezu eine Versammlung von Partisanen, die auf der Fähigkeit, zu lesen und aus den Dingen mehr herauszulesen, als sie an der Oberfläche verraten, bestehen. Sein Rat: Mehr Selbstbewusstsein, auch mehr Mut, auf dem Schwierigen, dem schwer Zugänglichen zu bestehen. In jedem Ökonomen steckt auch ein Lyriker. Den müsse man nur hervorlocken. Da ging den Partisanen im Saal die Sonne auf.





























