Drei Schwarzenbach-Biografien und ein Plagiatsvorwurf

06. Mai 2008, 16:06 – Von Alexandra Kedves

Ein Zürcher Podium mit einer französischen Annemarie-Schwarzenbach-Biografin wurde kurzfristig abgesagt. Vorwurf: Sie habe abgeschrieben.

Wem gehören die Toten? Wem gehören die Quellen? Und wie geht man mit ihnen um? Um den Nachlass von Kultfiguren und um das letzte Wort über ein berühmtes Leben – die gültige Biografie – gibt es häufig hässliche Streitigkeiten. Jetzt auch bei Annemarie Schwarzenbach, der Zürcher Schriftstellerin und Journalistin aus bestem Hause, einem zarten, zerbrechlichen und zugleich wilden Geschöpf mit dem «schönen Antlitz eines untröstlichen Engels» (Roger Martin du Gard).

Beflügelte Unschuld?

Nach ihrem frühen Tod 1942 haben die Mutter und die Grossmutter einen grossen Teil ihres Nachlasses vernichtet. Nun, zu ihrem 100. Geburtstag am 23. Mai, haben gleich drei Experten eine Annemarie-Schwarzenbach-Biografie erarbeitet: Der Berner Historiker Andreas Tobler hat seine noch nicht abgeschlossen. Der Grossneffe der Dichterin, Alexis Schwarzenbach, hat seine im Rahmen der Strauhof-Stellung «Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen» aus der Taufe gehoben. Und der Zürcher Ammann-Verlag hat eben die Übersetzung der Biografie von Dominique Laure Miermont herausgegeben. Es ist die zweite Schwarzenbach-Biografie aus der Feder der Pariserin, die ausserdem die Werke der Autorin ins Französische übersetzt hat. Die erste Biografie veröffentlichte Miermont gemeinsam mit Nicole Müller 1989. Die zweite, «Annemarie Schwarzenbach ou le mal d'Europe», erschien 2004 beim Westschweizer Verlag Payot. Nun liegt das Buch unter dem Titel «Eine beflügelte Ungeduld» vor. Drei Biografien zur gleichen Zeit, das ist eine Steilvorlage für einen wissenschaftlich-sachlichen Wettkampf. Im Moment allerdings gestaltet sich dieser schwierig.

Am 8. Mai hätte im Literaturhaus Zürich, im Rahmen der von Alexis Schwarzenbach kuratierten Annemarie-Schwarzenbach-Ausstellung, ein Podiumsgespräch zum Thema der Biografie stattfinden sollen. Geladen waren Dominique Laure Miermont und Andreas Tobler; moderiert hätte die Journalistin Ina Boesch. Die Veranstaltung wurde kurzfristig abgesagt. Es stehen Plagiatsvorwürfe im Raum.

Erhoben werden sie von Alexis Schwarzenbach und der Rechtsanwältin Areti Georgiadou, selbst eine Schwarzenbach-Biografin. Georgiadou: «Ich habe 1996 im Campus-Verlag die Biografie über Annemarie Schwarzenbach mit dem Titel ‹Das Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke› veröffentlicht. Bei der Lektüre des Buchs von Frau Miermont musste ich feststellen, dass sie grosse Teile meiner Arbeit kopiert hat. Dies geht teilweise bis ins Wortwörtliche, ohne dass auch nur eine Fussnote auf meine Arbeit verweist. Ganz besonders ärgerlich ist dabei, dass Frau Miermont in ihrem Buch auch den Anschein zu erwecken sucht, Gespräche – etwa mit Frau von Opel oder mit Suzanne Öhman – geführt zu haben, die ich geführt habe und auf denen ein Teil meiner Arbeit basiert.»

Georgiadou betont, dass sie sogar ihre Deutungen wiedererkannt habe. Sie verständigte den Verleger Egon Ammann, der nach Frankfurt fuhr und sich die Belege anschaute. «Nach genauer Prüfung des Sachverhalts und nach dem Vergleich der zwei Texte musste Herr Ammann mir zustimmen und schrieb Frau Miermont, dass es ‹frappierende› Ähnlichkeiten mit meinem Text gebe», resümiert Georgiadou. Auch Alexis Schwarzenbach kritisiert das Fehlen diverser Quellenangaben scharf, und er fügt hinzu, dass Laure Miermont bei anderen Büchern ähnlich verfahren sei, etwa bei ihrer Anfang 2008 herausgegebenen Ausgabe von Briefen zwischen Annemarie Schwarzenbach und Claude Bourdet. «In den Fussnoten zu einzelnen Briefstellen nutzt Frau Miermont zwar eindeutig die Arbeit anderer Forscher, macht dies aber wiederum ohne jeglichen Verweis auf die Herkunft der von ihr verwendeten Informationen.»

Gewaltiger Fehler

Weil Areti Georgiadou für die Zürcher Veranstaltung ihr Kommen angekündigt hatte, befürchtete Andreas Tobler eine Art öffentliche Inquisition. Er zog seine Teilnahme zurück. Zu den Plagiatsvorwürfen äussert er sich nicht. Ina Boesch sah nach Toblers Absage für sich keine Rolle als Gesprächsleiterin mehr. Auch sei der Vorwurf des zumindest unsauberen Arbeitens nicht ganz von der Hand zu weisen.

Egon Ammann sagt freimütig: «Laure Miermont hat einen gewaltigen Fehler gemacht, den wir im Verlag nicht erkennen konnten: Sie hat die Quellen nicht angegeben.» Sie berufe sich darauf, dass der Verlag Payot die Angaben nicht gewollt habe. «Aber sie hätte uns das für die Übersetzung mitteilen müssen.» Ansonsten stehe er zu dem Buch: «Es ist kein Plagiat.»

Bei den inkriminierten Stellen geht es vor allem um Interviews mit Augenzeugen. Dazu sagt Ammann: «Ich gebe zu, eine gewisse Nähe, eine paraphrasierende Nähe, zu Gregoriadous Interviews ist feststellbar. Aber es ist sehr gut möglich, dass die Interviewten allen Interviewern immer das Gleiche sagten.» Morgen trifft sich Ammann mit seiner Autorin zu einer Aussprache, die Klärung bringen soll. Die beiden Lesungen von Dominique Laure Miermont in Affoltern am Albis (7.5.) und in Hamburg (21.5.) sind jedenfalls nicht abgesetzt: «Die Veranstalter halten daran fest, und zurzeit ist nichts erhärtet», sagt Ammann. Der Verlag sei gerne bereit, Korrigendum-Zettel mit den fehlenden Quellenangaben in die Bücher zu legen. Nach der Aussprache wisse man mehr.

Wie immer der Streit um die wissenschaftlichen Ehren auch ausgehen mag: Es ist wie damals, als sie noch lebte – Annemarie Schwarzenbach betört, verwirrt, macht alle verrückt.

Details zu den Lesungen: www.ammann.ch

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