Erinnerungen an eine jugendliche Liebe, die tragisch endete
12. Mai 2008, 17:55 Von Ulrich BaronSiegfried Lenz erzählt in «Schweigeminute» komplex und abgründig von der Liebe und den Hoffnungen der Jugend.
Wieder einmal ist es ein jugendlicher Held, den uns Siegfried Lenz in seinem jüngsten Buch vorstellt, aber die Liebe, an die sich der 18-jährige Christian während der titelgebenden «Schweigeminute» erinnert, hat ihn mit seiner Englischlehrerin Stella Petersen verbunden.
Schauplatz dieser tragischen Geschichte ist eine fiktive Hafenstadt an der norddeutschen Ostseeküste, in einer Gegend, in welcher der 1926 in Masuren geborene Lenz nach dem Verlust seiner ostpreussischen Heimat schon vor Jahrzehnten eine neue gefunden hat.
Anders als seine geschätzten Kollegen Martin Walser und Philip Roth hat Siegfried Lenz über die Liebe stets sehr dezent geschrieben. Ein doppelter Abdruck im Kopfkissen, dann fällt der Vorhang auch hier, und überhaupt bleibt hier manches verborgen. So plastisch die Küstenwelt beschrieben ist, in der Christian mit seinem Vater als «Steinfischer» Findlinge aus dem Meer herausholt, um eine neue Mole zu bauen, so schwer fassbar sind deren räumliche und zeitliche Umgebung. Frikadellen und Kartoffelsalat haben hier noch nicht der Currywurst und der Pizza weichen müssen. Was an Schlagern und sonstigen Alltagserscheinungen auftritt, liesse sich durchweg der ersten Lebenshälfte des Autors zuordnen. Auch Stella selbst erscheint fassbar und unfassbar zugleich. Mit nixenhafter Anmut schwimmt und taucht sie im Meer, das sie eines Tages töten wird, und doch weist ihr Vorname Stella – Stern – auf etwas zugleich Strahlendes und Unerreichbares hin. Und so bemerkenswert wie dieses Changieren ist auch die erzählerische Konstruktion.
Kurzer Sommer der Liebe
Erstaunlichweise haben viele Rezensenten Siegfried Lenz, der auch in «Schweigeminute» auf Autoren wie Faulkner und Orwell hinweist, immer wieder wohlwollend, aber auch ein wenig herablassend als einen eher naiven und geradlinigen Erzähler hingestellt. Das trifft nun für «Schweigeminute» überhaupt nicht zu, weil diese Liebesgeschichte sehr komplex – und abgründig inszeniert ist.
Das Erzählen beginnt mit einem Rückblick auf die schulische Gedenkstunde, die der toten Stella gewidmet ist, und der Erzähler, der sich hier erinnert, wird sich bald als Christian vorstellen. Aber wie weit jene Stunde inzwischen zurückliegt, und aus welchem Anlass Christian sich jenes Gedenkens erinnert, erfährt man nicht. Stattdessen wechselt der Erzähler im zweiten Absatz aus der Vergangenheit in die Gegenwart und spricht die Tote persönlich an. Bald darauf wird er weiter in die Zeit zurückgehen, in jenen kurzen Sommer ihrer gemeinsamen Liebe.
Immer wieder jedoch drängen sich die Ansprachen und Eindrücke jener Gedenkstunde dazwischen und unterbrechen die Beschwörung des Vergangenen. In die Klänge der Orgel mischt sich ein Leier-kasten draussen vor dem Fenster. Ganz ungebeten drängt sich schliesslich auch der Kunsterzieher, Herr Kugler, aufs Podium, um die Verstorbene nun seinerseits direkt anzusprechen. «Warum, Stella?», fragt er, «warum musste das geschehen? Hat es keinen anderen Ausweg für dich gegeben?»
Nur ein Wunschtraum?
Nach dieser mehr als kollegialen Zuwendung erscheint Kugler nicht nur als möglicher Nebenbuhler Christians, seine Version der Geschichte steht auch in Widerspruch zu dem, was dieser erzählt. Kugler unterstellt, dass Stella gestorben sei, weil sie keinen anderen Ausweg gesehen habe. Das deutet auf Selbstmord und eine Notlage hin, während sie in Christians Version durch ein Schiffsunglück stirbt. Worin aber könnte die ausweglose Situation bestanden haben? In der Liebe einer Lehrerin zu ihrem Schüler? In der Liebe einer Lehrerin zu einem Kollegen? In einer fatalen Dreiecksbeziehung?
Oder hat Herr Kugler sich Stellas tragische Verstrickung nur eingeredet, weil er insgeheim wünscht, darin eingeschlossen gewesen zu sein? Wer aber garantiert überhaupt dafür, dass Christian die wahre Geschichte erzählt und dass die Liebes-beziehung zu Stella kein blosser Wunschtraum war? In der Literatur der Moderne sind alle Zweifel an der Zuverlässigkeit eines Ich-Erzählers nur allzu berechtigt. Und wozu sollte Christian jene Geschichte noch einmal erzählen, wenn es nicht darum ginge, sie so zu erzählen, dass er als ihr Überlebender damit leben könnte?
Wer wollte hier sagen, wo die Grenzen zwischen Erinnern und Begehren liegen, zwischen Vergangenheit und Fantasie? Und eine Fantasie ist «Schweigeminute» ja ohnehin, nämlich die Fantasie des 81-jährigen Siegfried Lenz, der – anders als seine Kollegen Walser und Roth – weniger die Vitalität der Jugend beschwört als vielmehr ihre Unschuld und ihre Hoffnungen.
Siegfried Lenz: Schweigeminute. Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 128 S., ca. 28 Fr.
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