Schriftsteller Gerhard Meier gestorben
22. Juni 2008, 16:05 Von Christine LötscherDie Jury des Heinrich-Böll-Preises nannte ihn 1999 «den bekanntesten Unbekannten der deutschsprachigen Literatur». Heute Morgen starb der Berner Gerhard Meier 91-jährig.
Gerhard Meier gehörte nicht zu den Menschen, die sich über die Kürze des Lebens, den raschen Zerfall und das Alter beklagten. Auch nicht, nachdem seine Frau Dorli 1997 gestorben war, nach über sechzig gemeinsamen Jahren, und obwohl er die proustsche Frage nach dem Traum vom Glück, die ihm sein Freund Werner Morlang für das gemeinsame Buch vorlegte, so beantwortete: «Mit Dorli vereint zu bleiben.» Vielleicht blieb er es ja auch. Er, der in seinen Büchern wie kein anderer alle Grenzen, die so unhinterfragt als gegeben hingenommen werden, zum Verschwinden brachte. Er brauchte sie nicht zu sprengen, denn Gewalt war seiner Art vollkommen entgegengesetzt, nicht einmal verwischen musste er sie. Er schaute die Welt mit einem anderen Blick an.
Innenwelt und Aussenwelt sind in seinen Büchern gleichberechtigt, die Blumen und die Tiere, das Gras und, vor allem, der Wind haben genauso viel zu sagen in ihrer Sprache wie die Menschen, die er reden lässt und die mit ihrer Erinnerung und ihren Gedanken alles zusammenhalten. Vor allem Baur und Bindschädler, die beiden Freunde, die in der gleichnamigen Trilogie im Dialog miteinander stehen. «Toteninsel» entstand 1979, «Borodino» 1982, «Die Ballade vom Schneien» 1985, und 1990 wurde der Zyklus mit «Land der Winde», einem der schönsten Bücher Gerhard Meiers, zu einer Tetralogie ausgeweitet.
Die Kunst, das Leben, die Erinnerung
Danach erschienen noch der schmale Band «Ob die Granatbäume blühen» und eine Sammlung von Gesprächen mit Werner Morlang unter dem Titel «Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche». Dass im Untertitel «Amrain» und nicht «Niederbipp», also Meiers literarischer und nicht sein realer Lebens- und Schreibort genannt wird, bestätigt das Gefühl, das man beim Lesen der Gespräche hat: «Das dunkle Fest des Lebens» kann als fünfter Teil des Baur-und-Bindschädler-Zyklus gelesen werden. Wie Baur und Bindschädler reden Meier und Morlang über die Kunst und das Leben und die Erinnerung und was alle drei mit einem und miteinander anstellen.
Und doch bleibt «Land der Winde» Gerhard Meiers literarisches Vermächtnis. Die Motive aus früheren Büchern kehren wieder, in Variationen, als ob sie der Wind wie bunte Herbstblätter vor sich her triebe, aufwirbelte, zurücktrüge. Kaspar Baur, Gerhard Meiers Alter Ego, ist bereits in «Die Ballade vom Schneien» gestorben, doch er spricht aus dem Grab, hält einen formal perfekten Monolog, als sein Freund ihn auf dem Friedhof besucht. Wer die Sprache der Winterastern hört, wer in der Landschaft die Bilder von Caspar David Friedrich sieht und mit Figuren aus Romanen von Tolstoi, Proust, Claude Simon und Gottfried Keller genauso selbstverständlich lebt wie mit realen Menschen, für den ist die Grenze zwischen Tod und Leben eine mutwillige Sache.
Aus der Müdigkeit
Meiers Verhältnis zum Materiellen war differenziert wie bei kaum einem anderen zeitgenössischen Autor. Er, wie auch sein Kaspar Baur, übte oft Kritik am Materialismus, an der Konsumhaltung der Gesellschaft. Viel eher hielt er es mit den Indianern, die, in Form des letzten Mohikaners oder des Häuptling Seattle, in seinen Büchern auftauchen und die ihm mit ihrer nachhaltigen, animistischen Beziehung zur Natur ein Vorbild waren. Eine alte Liebe, wie er gegenüber Morlang einmal sagte: «In meiner Jugend habe ich den ´Lederstrumpf´ von Cooper gelesen, und das hat mich quasi zum Indianer gemacht.»
Aus Meiers grosser Liebe zu den Naturphänomenen wuchs, ganz organisch, gleichsam vegetativ, das Metaphysische seiner Texte: im Massliebchen, in der Kunst und in der menschlichen Seele steckt das Wesentliche, um das es geht. Seinen Monolog aus dem Jenseits beginnt Kaspar Baur mit einer Art Glaubensbekenntnis, ganz ohne Pathos, dafür mit meierscher Ironie und Bescheidenheit formuliert: «Viele meiner Kollegen waren Macher. Und Gemachtes ist leichter nachzuvollziehen. Ich war ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam. Vielleicht kommt auch das Massliebchen von dort?» Unter Lesern galt Gerhard Meier, geboren am 20. Juni 1917 in Niederbipp, als einer der grössten Gegenwartsautoren, unter Kritikern nannte man ihn _ nach dem Tod von Frisch und Dürrenmatt _ den Doyen der Schweizer Literatur. Und doch wurde er nie ganz berühmt. Zu Recht figuriert er in Werner Morlangs «So schön beiseit» unter den «Sonderlingen und Sonderfällen der Weltliteratur». Ein «Sonderfall» ist er vor allem durch seine untypische Karriere als Schriftsteller: Zwar regte sich die literarische Neigung schon früh, in der Pubertät; doch als Gerhard Meier mit zwanzig Jahren heiratete und später drei Kinder zu versorgen hatte, nahm er sich vor, sich ganz auf die Arbeit in der Lampenfabrik AKA in Niederbipp zu konzentrieren: «Und ich wusste, jetzt gibt es nichts anderes als wie beim Säufer: entweder säuft er oder er säuft nicht. So hielt ich es mit der Literatur. Ich schrieb keinen literarischen Satz mehr, las praktisch kein Buch mehr, und das über zwanzig Jahre hin ganz streng.»
Später Erstling
Seinen «Schwenk in die Literatur», wie er es im Gespräch mit Morlang nennt, machte er erst spät; 1956/57 war er zu einer halbjährigen Ruhepause gezwungen, durch eine Lungenkrankheit, die er im Sanatorium Heiligenschwendi im Kanton Bern auskurierte. Dort wurde er durch eine Radiosendung über Silja Walter angeregt, erneut Gedichte zu schreiben, wobei er sich zuerst Grammtikübungen vornahm. 1964 erschien der lyrische Erstling «Das Gras grünt.»
In Meiers Gedichten war schon vieles, wenn nicht alles angelegt, das später seine wundersame Prosa ausmachen würde. Zum Beispiel in dem, was er «Einem Kind» wünscht: «Wirst dir einige Figuren zulegen / Hans im Glück / zum Beispiel / Mann im Mond / St. Nikolaus / zum Beispiel / und lernen / dass die Stunde sechzig Minuten hat / kurze und lange / dass zwei mal zwei vier ist / und vier viel oder wenig / dass schön hässlich /und hässlich schön ist / und / dass historisches Gelände / etwas an sich hat / Zuweilen / sommers oder so / begegnet dir in einem Duft von Blumen / einiges dessen / das man Leben nennt / Und du stellst fest / dass / was du feststellst / etwas an sich hat.»
Die helle Leichtigkeit von Meiers Sprache war vielleicht nur möglich, weil sich die Wörter so lange gestaut haben in seinen Gedanken, weil sie ganz zeitlos geworden sind, an einem mystischen Rhythmus des Lebens orientiert. Und diese lebt im Blick des Indianers aus Niederbipp weiter, auch wenn seine Augen geschlossen sind.%perl>
Bücher von Gerhard Meier
Gerhard Meier: Baur und Bindschädler. Amreiner Tetralogie: Toteninsel. Borodino. Die Ballade vom Schneien. Land der Winde. 4 Bände. Suhrkamp, Frankfurt 2007. 544 S., ca. 48 Fr.
Gerhard Meier: Ob die Granatbäume blühen. Suhrkamp, Frankfurt 2005. 48S., ca. 23 Fr.
Gerhard Meier, Werner Morlang: Das dunkle Fest des Lebens. Amreiner Gespräche. Zytglogge, Bern 2007. 540 S., ca. 48 Fr.





























