Schweiz

Der Weltbürger aus der Provinz

22. Juni 2008, 15:36

Er arbeitete 33 Jahre in der Lampenfabrik und ist nie aus Niederbipp herausgekommen. Dennoch ist Gerhard Meier einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren geworden. Heute starb der Weltbürger aus der Provinz.

Von Irene Widmer

Gerhard Meier hat den Petrarca-, den Fontane-, den Hesse- und den Keller-Preis bekommen. Für die breite Leserschaft blieb der in Fachkreisen Hochgeachtete aber wohl «der bekannteste Unbekannte der deutschsprachigen Literatur», wie es die Jury des Heinrich-Böll- Preises 1999 ausdrückte.

Das mag an seinen unspektakulären Stoffen liegen, an seiner «Faszination des Gewöhnlichen», der Schlichtheit und Lebensnähe seines Werks.

Gerhard Meier wurde am 20. Juni 1917 in Niederbipp geboren. Sein Vater war Psychiatriepfleger, die Mutter stammte von der Insel Rügen und soll einen fürchterlichen Mischdialekt gehabt haben. Vielleicht sei das mit ein Grund für sein geschärftes Sprachgefühl, sagte Meier einmal.

«Bude» als Universität

Mit knapp zwanzig Jahren gründete Meier eine Familie und trat in die Lampenfabrik AKA ein. Die «Bude» sei seine Universität gewesen, sagte er später. Um der ökonomischen Notwendigkeit willen verordnete er sich Lese- und Schreibabstinenz.

Mitte der fünfziger Jahre, während einem Kuraufenthalt in der «Heiligenschwendi», erwachte wieder die poetische Sehnsucht seiner Jugendzeit, und er veröffentlichte erste Lyrikbände. 1971 wagte er den Sprung zum freien Autor. Seine Frau Dorli ermöglichte ihm das, indem sie als Kioskfrau die fünfköpfige Familie ernährte.

Längere, zunächst lyriknahe Prosatexte wurden möglich: «Kübelpalmen träumen von Oasen» (1969), «Es regnet in meinem Dorf» (1971). «Der andere Tag» (1974), «Der Besuch» und «Der schnurgerade Kanal» (1976) und «Papierrosen» (1977) markieren den Übergang zur Romanprosa, mit der Meier berühmt wurde.

«Wind ist beständiger als Zellulose»

Das schon in «Der Besuch» erprobte Verfahren des fiktiven Dialogs perfektionierte Meier in seinem Hauptwerk, der Tetralogie um Baur und Bindschädler. Passieren tut nicht viel.

In «Toteninsel» (1979) spazieren die beiden durch Olten. In «Borodino» (1982) besucht Bindschädler den Freund in Amrain - dem literarischen Niederbipp. In «Die Ballade vom Schneien» (1985) begleitet Bindschädler Baur durch dessen letzte Lebensnacht, und in «Land der Winde» (1990) besucht er sein Grab und hört dem Toten zu.

Baur und Bindschädler reden über die lebenden und toten Leute aus Amrein/Niederbipp, über Kunst, Pflanzen und immer wieder den Wind. «Der Wind ist beständiger als Zellulose», und deshalb schreibt Baur sein Werk in den Wind. Seine besten Bücher habe er beim Wandern in den Wind geschrieben, sagt auch der Autor.

Sanftmut des Konjunktivs

Zeitform ist bei Meier häufig der Konjunktiv - sei es wegen der indirekten Rede oder wegen der unausgelebten Phantasie. Das gibt seinen Werken etwas Geheimnisvolles, das Kritiker immer wieder fasziniert.

«Seine Texte arbeiten 'insgeheim'», schrieb Werner Weber. Er «begegnet dem Klartext mit der Sanftmut des Konjunktivs», meinte Peter von Matt.

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