Der Krieg um Ressourcen ist im vollen Gang
14. Juli 2008, 16:43 Von Alexandra Kedves«Klimakriege» ist eine heiss debattierte, gut fundierte Studie über Klimawandel als Konfliktherd: eine sachliche Apokalypse.
Kein Baum, nirgends. Die Erde spröd wie das ewige Eis, die wenigen Menschen, die auf ihr vegetieren, «klein, mager, ängst-lich und elend», und das Trinkwasser «schlecht, kaum wert, an Bord gebracht zu werden». So sah es aus auf der Osterinsel, als Captain Cook 1774 dort anlegte.
Eine Ökokatastrophe war über die Insel hereingebrochen: Der fruchtbare Dschungel mit 21 Palmen- und 25 Vogelarten war verdorrt, der Boden erodiert, die Bewohner verhungert. In rund zwei Jahrhunderten hatte der Mensch sich buchstäblich den Ast abgesägt, auf dem er sass: Ressourcenkollaps im Paradies. Und das alles, weil er betriebsblind einen Baum nach dem anderen gefällt hatte: Die gigantischen Steinskulpturen, die Statussymbole der Häuptlinge, wurden auf Holzkonstruktionen transportiert. Als der Bau zum Wettlauf eskalierte, musste erst der Wald dran glauben, dann die Tiere, schliesslich der Mensch. Es kam, in der Not, gar zu Kannibalismus unter den Überlebenden. So schildert Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten-Herdecke, den Niedergang der Osterinsel im neuen Buch «Klimakriege».
Töten heute und morgen
Welzer nutzt den Osterinsel-Fall, um ein Szenario der Zukunft unseres Planeten zu zeichnen und zu erklären. Der 50-Jährige, der selbst ein Kind hat, sieht schwarz für die kommenden Generationen. Sein Resümee: Gewalt ist als Handlungsoption auch in der Moderne tief verankert – und sie kommt bei klimatisch hervorgerufenen Notlagen durchaus zum Einsatz.
Die scheinbar gewaltfreien Gesellschaften sind – als Ressourcenverschwender seit der Epoche der Frühindustrialisierung – (Mit-)Verursacher jener Verhältnisse, die in den verwüsteten Gebieten heute zu Not und Gewalt führen. Die Flüchtlinge dieser Gebiete jedoch halten sie sich fern. Vor dem Schengen-Raum entstehen beispielsweise – mit Geldern aus dem Westen – Auffanglager mit unmenschlichen Bedingungen. Gewalt, sagt Welzer, ist ein Markt. Er wird von manchen mit Gewinn bedient, von der EU-Spezialeinheit Frontex, der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Aussengrenzen, genauso wie von afrikanischen Milizionären. In den Kapiteln «Töten heute» und «Töten morgen – Dauerkriege, ethnische Säuberungen, Terrorismus, Auslagerung von Grenzen» leistet Welzer eine unbarmherzige, faktengesättigte Analyse «gewaltförmiger Konflikte» auf unserem Globus.
Die Wüste breitet sich aus: Gewalt im Süden ist vorprogrammiert. In Europa dagegen ist eine Erwärmung zum Teil sogar ein Standortvorteil: agrarisch und touristisch; und etwaige Schwierigkeiten werden besser aufgefangen. So werden die Ungerechtigkeiten, laut Welzer, durch die Klimaveränderung verstärkt. Ein bis zwei Grad mehr bedeutet, in Afrika, viele Anbau- und Weideflächen und Wasserquellen weniger. Die sozialen Folgen sind massiv, der Krieg um Ressourcen ist in vollem Gang, die demokratischen Grundlagen erodieren, und Europa wird zur Festung.
«Klimakriege» ist eine gut begründete Spekulation. Sie fusst auf all den Fakten rund um die Theorie einer Öko-Apokalypse, die seit den Siebzigern durchs Bewusstsein der Öffentlichkeit flottiert. Auf 300 Seiten ballen sich hier drastische Daten: keine obskuren Zahlen, sondern konservative Schätzungen und Gegenwartserhebungen offizieller Organe wie der Uno. Der Wassermangel, die Verwüstung, die Zunahme von Naturkatastrophen und klimabedingten Konflikten sind schon heute statistisch allzu gut erfassbar. Welzer wird durch den Blick in die Zeitung täglich bestätigt. Seine Zukunftsszenarien sind vielerorts bereits Realität.
Anfang Juni 2008 etwa hat, nach dem drohenden Untergang des Inselstaats Tuvalu, auch das Nachbarland Kiribati an Australien und Neuseeland appelliert, die zu erwartenden knapp 100'000 Klima-Flüchtlinge des versinkenden Atolls aufzunehmen. In Afrika wiederum hat der Tschadsee in wenigen Jahrzehnten über 90 Prozent seiner Fläche eingebüsst.
Auch die Katastrophe von Darfur beruht, laut einer Studie des United Nations Environment Programme, auf Umweltproblemen in Verbindung mit der Bevölkerungsexplosion. Die Konflikte werden dann entlang ethnischer Linien ausgetragen. Die Trockenheit trieb die Viehzüchter, die «Araber» (Welzer), nach Süden. Dort aber verteidigten die ansässigen Bauern («Afrikaner») ihre Felder. Die Modernisierung habe die traditionellen Konfliktlösungsstrategien ausgehebelt, und die Regierung gab den Milizen freie Hand zur Flurbereinigung. So wuchs sich der Konflikt zum «Dauerkrieg» aus: ein, laut Welzer, typisches Merkmal des Klimakriegs. Denn die Konfliktursachen – globale Erwärmung, Weidelandverlust, Wassermangel – sind nicht behoben, im Gegenteil. Daher wird Gewalt zum «Gewaltmarkt», zum einträglichen Geschäft. Die Berufung auf Kultur, Religion und Ethnie sei dabei bloss ein Instrument, um den Krieg aufrechtzuerhalten, nicht seine Ursache.
Gewalt, so Welzer, ist immer eine Option. Wie sich die Menschen an Gewalt gewöhnen, sie als notwendiges Übel akzeptieren, legt der Sozialpsychologe dar, indem er auf seine viel zitierte Studie «Opa war kein Nazi» zurückgreift. Beim Nazi-Mitläufer und beim Ruanda-Mörder macht Welzer den gleichen Mechanismus dingfest: «shifting baselines». Menschen definieren unwillkürlich den Status quo als Normalzustand. Der jüdische Nachbar verschwindet – mit der Zeit hat es ihn gar nie gegeben. «Die soziale Katastrophe der Osterinsel beginnt nicht, wenn der letzte Baum fällt, sowenig wie der Holocaust mit der Installierung der ersten Gaskammer.»
Eine «shifting baseline» in Sachen Naturschutz geschah dieser Tage vor den Augen der Weltöffentlichkeit: 2001 hatte Bill Clinton das «Roadless Area Conservation»-Gesetz unterzeichnet, das grosse Teile des öffentlichen Waldes unter Schutz stellt. Präsident Bush, dem das Gesetz seit langem ein Dorn im Auge ist, nutzte nun die Gunst der Stunde: die hohen Ölpreise, über die alle klagen. Er will das Gesetz kippen und neue Ölquellen offshore und in Naturschutzgebieten sprudeln lassen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain, der dies vor acht Jahren abgelehnt hatte, nahm Bushs Forderung jetzt in sein Wahlkampfprogramm auf. «Gefühlte Probleme» bestimmen das Handeln, die Gewaltbereitschaft der Menschen.
Holocaust, 9/11 und Wassermangel
Den Sozialpsychologen interessiert primär unsere Wahrnehmung: Wie einerseits auf «gefühlte Bedrohung» unverhältnismässig reagiert, andererseits eigenes Fehlverhalten als sinnvoll zurechtgebogen wird. Hierzu liefert Welzer eine Theorie postmodernen Terrors. «Mit der Modernisierung weiterer Gesellschaften ergeben sich Freiheitszumutungen für mehr Menschen, besonders dann, wenn die Modernisierung in eine gefühlte Aufteilung der Welt in Gewinner und Verlierer führt. Hier bildet der Klimawandel keine Gewaltursache, wohl aber Gewaltanlässe.»
Kurz: Welzer übersetzt sein Konzept der Klimakriege in eine gesamtgesellschaftliche Theorie. Sie überzeugt nicht überall: Holocaust und Ruanda und Klima, Darfur und 9/11 und vertrocknete Seen – bei Welzer hängt alles mit allem zusammen, und das, bisweilen, nicht durch messerscharfe Schlussfolgerung. Da werden Datenfluten in einen Gedankenstrom gezwungen, in den sie nicht immer passen. Ausserdem ist die Grundvoraussetzung – Ausmass wie Ursache der globalen Erwärmung – nicht völlig geklärt. Und trotzdem: Harald Welzer als Kassandra des Wissenschaftsbetriebs, als Trendsurfer auf der Apokalypse-Welle abzutun, der ebenso auf Grund laufen wird wie die «Waldsterben»-Propheten und die Vogelgrippe-Paniker, wäre verfehlt.
Gewaltanalyse des 21. Jahrhunderts
Er selbst erhebt nicht den Anspruch, naturwissenschaftlich auf dem neusten Stand zu sein. Doch die Ziffern, die er aus unverdächtigen Quellen auflisten kann, sprechen Bände. Die skizzierten Zusammenhänge zwischen den vielen Daten sind zwar nicht alle hieb- und stichfest, aber im Grossen und Ganzen nur zu akkurat. Dass Welzer statt einer monokausalen Theorie zum Klimawandel eher eine kluge, vielschichtige strukturelle Gewaltanalyse des 21. Jahrhunderts gelingt, spricht fürs Buch.
Am Schluss fragt Welzer, «was man tun kann und was nicht». Er lobt an dieser Stelle das Schweizer Verkehrskonzept, das den ÖV stützt, und fordert ein «gestaltungsoffenes Gesellschaftsmodell», in dem über den Tag hinaus gedacht wird. «Man muss die Richtung insgesamt ändern.» Dass Individuen versuchen, Energie zu sparen, ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern, sei schön, aber naiv. Wieso er dann überhaupt so ein Buch verfasst hat? «Die Kinder sind der Grund», antwortet er im Gespräch. «Die eigene Lebenspraxis ändert sich natürlich auch: Ich fliege fast nicht mehr, und an unserem Institut fahren wir die Mobilität zugunsten von Videokonferenzen herunter. Das nützt zwar wenig, aber die Lebensqualität steigt. Ein solches Buch ist erst mal eine Bestandsaufnahme aus kulturwissenschaftlichen Optik. Immerhin: Die Politik reagiert darauf.» Klimaschutz ist in Deutschland derzeit politisch ein Must.
Doch die letzten Sätze des Buches knüpfen an das Bild der zerstörten Osterinsel an: eine Hölle. «Von der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die damit nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit und Unterdrückung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.»
Harald Welzer: Klimakriege. S. Fischer. Frankfurt a. M. 2008. 335 S., ca. 35 Fr.













































