Schweiz

Die Pflichtlektüre von Bahnreisenden und Linken gibt es nicht mehr

06. August 2008, 19:09 – Von Martin Halter

Dieser Zug ist abgefahren: Das Kursbuch der Deutschen Bahn wandert ins Internet ab, und die Traditions-Zeitschrift «Kursbuch» ist eingestellt.

Was für ein historischer Zufall: Kaum dass das «Kursbuch», das in die Jahre gekommene Flaggschiff der Alt-68er, nach 43 Jahren und 169 Heften abgewrackt wird, will auch die Bahn ihr Kursbuch nach immerhin 163 Jahren ausrangieren. Im Dezember soll zum letzten Mal eine limitierte Luxusausgabe (mit Lesebändchen und Schmuckschuber für 99 Euro) erscheinen. Danach gibt es das Traditionswerk nur noch in digitalisierter Form, als CD-Rom oder im Internet: ein Schicksal, das auch andere gute alte Medien wie das Telefonbuch oder den Brockhaus bald ereilen wird. Nur das Schweizer Kursbuch, das im Gegensatz zum deutschen immer auch alle Busverbindungen enthielt, hält sich derzeit noch wacker auch auf Papier: fast viertausend Seiten, neuerdings in drei Bänden.

Mit dem Zwillingstod von Kursbuch und «Kursbuch» geht eine Epoche zu Ende, in der die Menschen noch wussten (oder wissen wollten), wie man von A nach B kommt. Die Schaffner und Schalterbeamten der Geschichte, die sich hinter ihren Kursbuchfolianten verschanzten, waren vielleicht autoritärer und unfreundlicher als die «Zugbegleiter» von heute. Aber dafür waren sie auch allwissend, und man war ihnen nicht so hilf- und wehrlos ausgeliefert wie den Fahrkartenautomaten.

«Kursbücher schreiben keine Richtung vor,» schrieb Hans Magnus Enzensberger 1965 im Editorial zum ersten «Kursbuch». «Sie geben Verbindungen an, und sie gelten solange wie diese Verbindungen.» Heute tendiert der Kurswert der Utopien gegen Null. In den 60er-Jahren war das «Kursbuch» Pflichtlektüre der Linken: Zentralorgan der APO, Speerspitze der politischen Avantgarde, «Gegenuniversität» (Fritz J. Raddatz) und Schaubühne aufstrebender Intellektueller.

Ständig neue Debatten

Hier wurden ständig neue Manifeste verkündet, Debatten angestossen, revolutionäre Ikonen entdeckt: In Heft 15 stand der Tod der Literatur, in Heft 17 der Aufbruch der Frauenbewegung, in Heft 18 der Triumph des Genossen Castro auf der Tagesordnung der Revolution. Der Suhrkamp-Verlag, Gründer und damals noch Heimat des «Kursbuchs», hat gerade die fünf glorreichen Nummern von 1968 wiederaufgelegt. In den besten Jahren lag die Auflage bei über 50'000, nicht gerechnet die 2001-Reprints, die manches studentische Ikea-Regal zierten.

Aber schon bald geriet das «Kursbuch» aus dem Geleis. Mit immer mehr Ironie und Beliebigkeit und immer weniger Resonanz wurden Zeitgeistphänomene und subjektive «Befindlichkeiten» abgehandelt: Unsere Bourgeoisie, Deutschland, das Glück, Wasser und Feuer. Das «Kursbuch» war immer noch ein Diskussionsforum der undogmatischen Linken; aber die Reiseziele, Abfahrtszeiten und Haltestellen der «Lokomotive der Geschichte» (so Friedrich Engels' Metapher für die Revolution) waren immer weniger klar. «Lies keine Oden, mein Sohn, lies Fahrpläne:/ Sie sind genauer», dichtete Enzensberger 1957.

Dass das «Kursbuch» im Zweifel die wolkige Poesie dem nüchternen Fahrplan vorzog, war seine Stärke; aber der Abschied von den Utopien, der Rückzug der linken Intelligenz ins Private, das Aufkommen des Debattenfeuilletons und der Talkshows entzogen ihm den Boden. Alexander Fest, in dessen Rowohlt-Verlag das «Kursbuch» 2004 gelandet war, ahnte schon damals, dass die Zeitschrift als «Unternehmen einer Generation» nicht mehr zu retten sei. Vor drei Jahren versuchte es die «Zeit» noch einmal; aber auch Michael Naumann konnte die Legende nicht mehr wiederbeleben.

Das Kursbuch der deutschen Bahn hielt länger durch. 1845 hatte ein gewisser Hendschel, seines Zeichens Thurn und Taxischer «Ober-Postamts-Secretair», erstmals seinen «Telegraph für Post-, Eisenbahn- und Dampfschiffverbindungen» herausgegeben. 1850 erschien das erste halb offizielle Kursbuch, 1878 das erste «Reichskursbuch». Das System des Riesenwerks mit seinen spröden Tabellen, Kurswagenverzeichnissen, Geheimzeichen und Nachträgen war immer eine Wissenschaft für sich. Nach der Wiedervereinigung der ost- und westdeutschen Kursbücher befand selbst Bahnchef Heinz Dürr 1994: «Ich kann es nicht verstehen». Der Versuch, das erhaben abweisende, undurchdringliche Geflecht von nummerierten Linien, Orten und Zeiten für den Laien zu vereinfachen, musste scheitern. Die Auflage sank kontinuierlich auf zuletzt 19'000; dafür rissen sich Historiker und Sammler um rare Kursbücher wie das von 1945 mit dem Zusatz «Gilt bis auf weiteres».

Immerhin, wer wollte, konnte alles verstehen und sogar damit fliegen. In Peter Lichtefelds melancholisch-skurrilem Railroad-Movie «Zugvögel - Einmal nach Inari» (1998) will Bierfahrer Hannes (Joachim Król) unbedingt ins nordfinnische Inari reisen, um an der Internationalen Meisterschaft der Kursbuchleser teilzunehmen. Weil für Eigenbrötler wie ihn kein Platz mehr in einer rasenden Gesellschaft ist, wird er in seinem Betrieb wegrationalisiert; weil er im Affekt seinen Chef niederschlägt, gerät er unter Mordverdacht. Aber seine ebenso lange wie langsame Reise ins Kaurismäki-Land zeigt dann, dass der Flucht-Weg manchmal schon das Ziel und die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht immer die beste ist.

Reiseplanung am Computer

Enzensberger hat kürzlich in der FAZ in einem wehmütigen Kursbuch-Nachruf erzählt, wie sein Vater einst mit Band vier («Fremde Länder») des Reichskursbuchs zu «imaginären, aber präzise geplanten Reisen» bis nach Casablanca und Wladiwostok aufbrach. «Jede Generation hat ihre Fortschritte, bei denen es ihren Vorgängern angst und bange wird»: Enzensberger graut vor einer Zukunft, in der es Postämter und Behörden nur noch in einem Netz gibt, das «keinen Unterschied zwischen Service und Überwachung» kennt. Wir können heute mit Computer und Navigationsgeräten Routen bis ans Ende der Welt berechnen, alle «Points of Interest» vorher anschauen, Fahrkarten buchen und ausdrucken. Aber die Züge verkehren nicht mehr, schon gar nicht pünktlich, und die Ziele sind nicht mehr unbekannt: So macht auch die Weltumsegelung auf dem Trockenen keinen Spass mehr.

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