ZÜRCHER PROTOKOLLE: STEFAN PUCHER, REGISSEUR
«Das Schlimmste wäre, aus diesem Stück so ein Moral-Ding zu machen»
20. Februar 2008, 18:14War Shakespeare Antisemit? Seine Figur des Juden Shylock provoziert die Frage. Stefan Pucher, der den «Kaufmann von Venedig» am Schauspielhaus inszeniert, gibt Antwort.
Aufgezeichnet von Peter Müller
«Klar haben wir die Meldung auch gesehen, dass ein Mann in Zürich auf offener Strasse mit dem Messer als Jude attackiert worden ist. Robert Hunger-Bühler, mein Shylock, hat sie mitgebracht und spielerisch gleich in seinen Text eingebaut. Das brauchte Selbstironie: Hunger-Bühler ist, was ich vorher gar nicht wusste, Jude.
Aber im Kaufmann von Venedig geht es nicht einfach um einen Juden, sondern um Ausgrenzung, um das Fremde. Da beziehen sich zum einen die Christen in der Gerichtsverhandlung gegen Shylock auf ein fremdenfeindliches Gesetz: Wenn ein Fremder einem Bürger des Staates Venedig nach dem Leben trachtet, fällt sein ganzer Besitz an den Staat. Andrerseits, wenn Shylocks Tochter Jessica mit ihrer Zustimmung von jungen Christen entführt wird – auf wessen Seite steht man da? Dieses Haus ist die Hölle, sagt die Tochter, die allein mit dem verwitweten Vater zusammenleben muss, dem orthodoxen Juden Shylock, der jede Art von Vergnügen untersagt. Na, viel Spass! Da ist man doch auf Seite der Tochter.
Shylock ist nicht nur ein Opfer, er hat die Grösse eines Richard III. Er will Rache. In seinem berühmten Monolog im dritten Akt entdeckt er sich als einer, der den Christen gleich ist, als Mensch und damit auch als Rächer: Wenn wir in allem andern sind wie ihr, wollen wir euch auch darin gleichen. Der grosse Fritz Kortner hat den Monolog für die Schallplatte aufgenommen. Und er schreit das Rache heraus! Wahnsinnig beeindruckend.
Aber eigentlich fallen einem beim Lesen des Stücks gar nicht Juden ein. Nehmen wir nochmals Jessica: Sie haut mit jungen Christen ab und klaut dabei die ganze Kohle des Vaters. Natürlich denkt man da sofort an ein 15-jähriges türkisches Mädchen in Deutschland, das etwas mit einem Deutschen hat. Und vielleicht steht ihre Sippe dann wegen Fememord vor einem deutschen Gericht, für ein Delikt, das in unserer Kultur gar nicht vorgesehen ist. Wie geht man damit um? Haben wir es da mit gescheiterter Integration zu tun oder sitzt das Problem tiefer?
Bei Shylocks Prozess ist es im Grunde dasselbe. Er verlangt, vertragsgemäss seinem Schuldner Antonio ein Pfund Fleisch aus dem Leib schneiden zu dürfen, da dieser den Kredit nicht pünktlich zurückbezahlt hat. Natürlich kann er damit nicht durchkommen vor einem zivilisierten Gericht. Ein Pfund Menschenfleisch! Wo sind wir denn? In der Barbarei? Aug' um Auge, Zahn um Zahn, das geht nicht. Also wird Shylock vernichtet und geht ab mit dem Satz: Entschuldigung, mir ist nicht gut.
So komplex ist das. Der Kaufmann von Venedig ist kein antisemitisches Stück, sondern eine unglaublich genaue Reflexion über alle Facetten von Ausgrenzung, Fremdenhass, auch den unbewussten, dem man auch hier in der Schweiz oft begegnet. Wenn die Tochter mit einem Schwarzen nach Hause kommt ... Shakespeares venezianische Gesellschaft merkt gar nicht, wie rassistisch sie ist. Und das ist ganz normal. Wir merken unser Unbehagen gegenüber dem Fremden meist auch nicht.
Wir hatten uns gefragt, ob wir den Juden Shylock durch einen Muslim, einen Fundamentalisten ersetzen sollten. Aber dann wären wir sofort im Internet zur Hatz ausgeschrieben worden! Denken Sie an die Oper Idomeneo in Berlin - ein Mohammed-Kopf auf der Bühne und schon wird sie abgesetzt. Oder kürzlich die Demonstration einer islamischen Minderheit gegen den Tatort! Das ist doch eine imaginierte Gewaltandrohung! Wo bleibt denn da die Redefreiheit? Shakespeare treibt einen an Grenzen.
Das Schlimmste wäre, aus diesem Stück so ein Moralding zu machen. Meine Inszenierung soll auf keinen Fall geradlinig werden. Wenn Shylock sich weigert, mit den Christen essen zu gehen, ist das natürlich ein Riesenaffront. Schliesslich lebt man in der gleichen Gesellschaft. Shylock soll sich assimilieren – genau das, was wir von Immigranten auch verlangen. So fordert das Gericht, dass er sich taufen lässt. Beide Aspekte sind in dem Stück drin: Das Fremde als Provokation und Bedrohung und der Rassismus der Mehrheit.
Klar, ich inszeniere als Deutscher den Kaufmann von Venedig und kann die Bühnengeschichte des Stücks nicht ignorieren. Seit 1945 ist das Stück ein anderes. In Deutschland wird Shylock darum als tragisches Opfer gespielt. Nur ist er das nicht, es ist alles viel komplizierter. Ist es eine Tragödie, ist es eine Komödie? Der christliche Kaufmann Antonio hat ja auch ein Stigma. Er ist schwul. Und beide erleiden Verluste: Shylock verliert Jessica, die Tochter, Antonio seinen Geliebten, Bassanio. Ein Happy End ist da nicht möglich.»
Premiere des «Kaufmann von Venedig» ist heute, 20 Uhr, im Schauspielhaus Zürich.
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