Schweiz

Mozarts Verführer dreht auf Todes-Karussell

28. Juli 2008, 17:14 – Von Thomas Meyer

Die Salzburger Festspiele zeigen zum Auftakt eine gewagte neue Inszenierung von Mozarts «Don Giovanni». Eindrücklich.

Eine Verkehrung steht gleich am Beginn: Nicht Don Giovanni tötet hier den Komtur, dessen Tochter Donna Anna er zu verführen suchte, sondern dieser verletzt Mozarts grossen Antihelden mit seiner Pistole lebensgefährlich. So erleben wir in den folgenden dreieinhalb Opernstunden gleichsam in Echtzeit, wie Don Giovanni seinem letzten Restchen Leben hinterher- rennt, sichtlich geschwächt und doch immer noch von ungemeiner Vitalität, Schläue und Liebesgier getrieben, und wie er schliesslich sterbend in das vom Komtur ausgehobene Grab fällt.

Die Grundidee zu Claus Guths Salzburger Neuinszenierung, die am Sonntagabend im Haus für Mozart Premiere hatte, ist frappant. «Gelb vor Neid» sei er geworden, als ihm Guth von seiner Idee erzählte, so Festivalintendant Jürgen Flimm, der mit Harnoncourt in Zürich ja manch guten Mozart realisiert hat. Das neue Konzept verleiht dem Stück Kohärenz, so dass es nicht in Rezitative und Arien zerfällt, sondern von einem Fluss durch Gefühlslagen erzählt. Es gibt diesem labyrinthischen Wechselspiel der Personen eine Zielstrebigkeit auf den Tod hin.

Zwischen Busstation und Limousine

Das Stück spielt heute zwischen Busstation und Limousine in einem Wald, erinnert so an einen Mittsommernachtstraum oder von ferne gar an Woody Allens «Midsummer Night’s Sex Comedy», an einen Reigen von Personen, die einander verfolgen und einander fliehen. Giovanni ist mal der Gejagte, mal der Jäger. So turbulent das sein könnte, so ist es doch hoffnungslos. Die Drehbühne dreht sich von einer Szene zur nächsten weiter, sie wird so einmal mehr zu einem Symbol für das Theater als Lebens- und Todeskarussell. Am Schluss, im Moment des Todes, dreht sie sich gegen den Uhrzeigersinn.

Die Sänger gehen als Darsteller ganz in diesem Konzept auf: Im Zentrum Don Giovanni, Christopher Maltman, stimmlich und in der Aktion ungemein geschmeidig, ein echter Verführer. Daneben ein nervöser, ebenfalls getriebener, hin und her gerissener Diener, Leporello, drogenabhängig: Erwin Schrott, grossartig. Eine überraschende und überzeugende Lösung auch dies. Wie schon 2006 bei seiner hervorragenden Salzburger Inszenierung von «Le Nozze di Figaro» mit Nikolaus Harnoncourt gelingt es Claus Guth, die Sänger zu führen und die Figuren aus ihrem Spiel heraus neu zu entwickeln. Was damals aber in einem Schlossinterieur mit dem Text zusammenpasste, ja dessen untergründige Inhalte erst aufdeckte, reibt sich hier stärker und geht im Detail nicht immer ganz auf, freilich selbst da auf spannungsvolle Weise.

Unersättlicher Verführer

Was soll etwa Don Giovannis Canzonetta, das Ständchen vor dem Fenster einer Zofe, wenn das Stück im Wald spielt? So absurd das szenisch wirkt, so genau hört man in diesem Zusammenhang doch plötzlich aufs Wort: «Sei nicht grausam zu mir, geliebte Schöne, lindre meine Schmerzen, weigerst du dich, will ich vor deinen Augen sterben!» Dieser Giovanni ist unersättlich gierig nach Frauen und quetscht den letzten Saft aus seinem Leben, aus seinem Körper heraus, bevor er stirbt, ja er instrumentalisiert dieses Sterben noch.

Ein so bis ins letzte grandioser Wurf wie jener Figaro ist es diesmal nicht geworden, aber doch ein spannender Abend, der allenfalls im zweiten Akt ein paar Durchhänger hat. Solche Niedergänge, die von vornherein nur eine Richtung kennen, lassen sich nur bedingt erneuern. Aber das Konzept hilft uns, Mozart anders und auf einer Seite vertiefter zu hören. Das Komödiantische (der Untertitel lautet «Dramma giocoso») wird dabei fast eliminiert. Und Guth verweigert am Ende auch das tröstliche Sextett, das den Überlebenden eine Moral und ein Happy End mitgibt. Dieser Schluss sei wohl, so Guth, «der Versuch Mozarts, uns vor einem Herzinfarkt zu bewahren». Diese Abmilderung umgeht er. Seine Version endet mit Don Giovannis Höllenfahrt. Don Ottavio wird Donna Anna nicht heiraten, diese weicht seinem Begehren aus, verschwindet zwischen den Bäumen und begeht wohl Selbstmord, Donna Elvira irrt verstört durch den Wald. Es gibt keine Hoffnung mehr wie am Ende des Figaros.

Befreit von der Routine

Diese Version geht wahrscheinlich auf Mozart zurück. Der französische Dirigent Bertrand de Billy nämlich hat im Einverständnis mit Guth eine der beiden, seltener integral aufgeführten «Wiener Fassungen» des Stücks gewählt. Mozart überarbeitete das Werk im Mai 1788, acht Monate nach der Prager Uraufführung, für Wien, schrieb einiges um und neu, ersetzte und liess weg, eben vor allem dieses Schlusssextett. Billy zeigt keine aufregende Interpretation, trotz energiegeladener, charaktervoller Momente bleibt sie streckenweise etwas gleichförmig. Ihre Qualitäten liegen eher in den Rezitativen, die, von Cello und Hammerklavier begleitet, zu sprechen beginnen, sich gerade durch das Klavier von aller Continuo-Routine befreien und eine neue Dimension erlangen.

Neben Giovanni und Leporello fällt Matthew Polenzani als leichter, ausdrucksvoller Don Ottavio auf. Dorothea Röschmann ist eine innerlich zerrissene, verzweifelte Donna Elvira, Zerlina (Ekaterina Siurina) singt ein wunderbares «Là ci darem la mano» mit Giovanni. Etwas aufgebauscht wurde im Vorfeld der Auftritt der Senkrechtstarterin Annette Dasch als Donna Anna. Man erwartete von ihr eine solche Glanzleistung, wie sie Anna Netrebko vor sechs Jahren am diesem Ort zum Durchbruch verhalf. Vielleicht hat das zusätzlich Nerven gekostet: Jedenfalls wirkte die Sängerin merklich angespannt.

Das Festival-Motto «Denn stark wie die Liebe ist der Tod» hat damit zu Beginn eine eindrückliche Deutung erfahren. Bis zum 31. August folgen zu diesem Thema Verdis «Otello», Gounods «Roméo et Juliette», «Herzog Blaubarts Burg» von Bartók, geleitet von Peter Eötvös, sowie Dvoráks «Rusalka», womit Franz Welser-Möst erstmals eine Opernpremiere bei den Salzburger Festspielen leitet. Regie führen Jossi Wieler und Sergio Morabito.

www.salzburgfestival.at

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