Fussballgötter auf heiligem Rasen
13. Juni 2008, 09:54Fussball hat viel mit Glaube und Aberglaube zu tun. Und manchmal wird er gar zur Religion. Ein «geistiger Match» zum Freitag, dem 13.
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Von Thomas Schmidt-Lux*
So hatte sich das Bruder Walfried nicht gedacht. Als der Mönch der St. Marys Church in Glasgow 1887 eine Fussballmannschaft ins Leben rief, wollte er den Ärmsten etwas Unterstützung zukommen lassen und nicht zuletzt seiner Kirche zu Popularität verhelfen. Schon nach dem ersten Spiel wurden jedoch seine Spieler von einem lokalen Bauunternehmer überzeugt, künftig als eigenständiger Klub aufzutreten. Damit verlor die Gemeinde ihre eben gegründete Mannschaft, die fortan aber als Celtic Glasgow berühmt werden sollte.
Dies war kein Einzelfall. Mehr als ein Viertel aller englischen Fussballvereine um 1900 hatte seine Wurzeln in kirchlichen Gemeinden, und auch Borussia Dortmund ging aus der katholischen Jugendgruppe Dreifaltigkeit hervor.
Diese Ausgliederung kirchlicher Fussballgruppen bedeutete einerseits die Loslösung des Fussballs von der Religion. Andererseits wurde diese Trennung nie vollständig vollzogen. Stattdessen fand im Laufe der Zeit eine geradezu religiöse Aufladung des Fussballs selbst statt. Auf den ersten Blick scheint dies allein mediale Behauptung zu sein, wenn überall vom «heiligen Rasen» die Rede ist und noch der ungelenkste Abwehrspieler zum «Fussballgott» erklärt wird. Tatsächlich jedoch hat diese religiöse Qualität am und im Fussball viele Formen.
Spieler, die sich am Spielfeldrand bekreuzigen oder unter dem Trikot christliche Botschaften tragen, lassen sich noch traditionellen Religionen zuordnen - auch wenn man über die spirituelle Qualität von Slogans wie «100 Prozent Jesus» streiten mag.
Darüber hinaus existiert eine Reihe von Phänomenen, die religionssoziologisch am besten als Magie, umgangssprachlich als Aberglauben zu verstehen sind. Spieler binden sich stets den gleichen Schuh zuerst, um Glück beim Torschuss zu haben, Trainer tragen die ewig gleiche Jacke, um die Siegesserie nicht reissen zu lassen. Der afrikanische Fussballverband verbot erst 2004 die Tätigkeit von Zauberern und Voodoo-Priestern im Rahmen offizieller Spiele, was bis dahin gängige Praxis war. Ob Mittel wie Löwenfett oder Zebrahufe, die üblichen Äquivalente zum hiesigen Glücksräppler, individuell weiter eingesetzt werden, bleibt allerdings offen. Solche Beispiele finden sich in Mengen, unabhängig von Kontinent oder Spielklasse. An die Kraft der Rituale glaubt der Profi und der Grümpi-Fussballer - zur Not lags an der stärkeren Zauberkraft der Gegner.
Rituale, Symbole und Geheimwissen
Am interessantesten sind die Momente, in denen Fussball selbst zur Religion wird. Damit rückt vor allem die Fankultur in den Blick, die tatsächlich mehr ausmacht als nur Gegröle. Stattdessen steckt sie voller Rituale, Symbole und geheimem Wissen. Im Zentrum dieser Religion steht selten der Fussball allgemein, sondern ein spezifischer Verein und alle, die zu ihm gehören - nicht zuletzt die Fans selbst. Sie feiern den Klub und sich selbst, erleben dabei rauschhafte Momente (sei es durch Siege oder Niederlagen), kreieren Mythen und Gesänge, tragen und schützen die Zeichen des Vereins. All dies macht den Kern vieler, wenn nicht aller klassischen Religionen aus. Diese Hingabe an den Verein geht weit über die Zeit im Stadion hinaus. Bei vielen bestimmt der Spielplan auch die Urlaubsplanung, und nicht umsonst heisst der Titel eines lesenswerten Fussballbuches: «Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen».
Der Glasgower Bruder Walfried sah den Fussball noch als profanes Mittel für religiöse Zwecke. Doch mitunter ist heute der Fussball selbst zum eigentlichen Lebensinhalt geworden: Während Vereine wie Schalke oder Barcelona Trauungen in der stadioneigenen Kapelle anbieten, offeriert der FC Everton konsequenterweise gleich die Möglichkeit, sich neben dem Spielfeldrand beerdigen zu lassen.
* Thomas Schmidt-Lux ist Kultursoziologe mit Spezialgebiet Religion und doziert an der Universität Leipzig.
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