«Die Reibungsflächen für Eltern werden grösser»
14. Mai 2008, 20:58Scheidung ist kein Scheitern mehr, und abwesende Väter sind out: Andrea Maihofer vom Basler Zentrum für Geschlechterforschung spricht über akute Familienthemen.
Mit Andrea Maihofer sprach Alexandra Kedves
Das Thema Familie ist ein Dauerbrenner in Medien und Politik. Warum wurde die Familie zum Problem?
Die Familienstrukturen sind im Umbruch begriffen. Das ist zwar schon seit längerem so. Aber jetzt sehen wir die ersten Elterngenerationen, die sich tatsächlich ernsthaft um gleichberechtigte Partnerschaft bemühen: Beide leisten Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Und sie werden mit Problemen konfrontiert, die man aus den klassischen Konstellationen nicht kennt. Aus den Konstellationen der Fünfzigerjahre, heisst das, und denen der bürgerlichen Familie im 19. Jahrhundert. Da war die Arbeitsteilung und der Ablauf des Alltags klar konventionell geregelt. Allen war klar, was sie zu tun hatten. In Bauernfamilien war die Arbeit der Frauen ja existenziell, und in Kriegszeiten, wenn die Männer fort waren, hing daheim ohnehin alles an den Frauen. Doch die Gesellschaft heute ist nicht auf diese neuen Probleme vorbereitet – in Deutschland nicht und in der Schweiz noch viel weniger.
Welches sind die neuen Probleme?
Ich sehe zwei Bereiche mit einem riesigen Konfliktpotenzial. Erstens: der praktische. Die Betreuungsinfrastruktur in der Schweiz ist für arbeitende Eltern eine immense Hürde. Der Kindergarten ab viereinhalb Jahren, mit Betreuungszeiten von 8 Uhr bis 12 Uhr: Das ist ein Konzept für Mütter, die aufräumen, einkaufen, kochen. Die Tatsache, dass es an den meisten Schulen zudem keinen Mittagstisch gibt, spricht die gleiche Sprache. Für zwei arbeitende Elternteile ist dieses System eine Katastrophe! Eltern müssen einen grossen finanziellen und organisatorischen Aufwand betreiben, wenn sie beide erwerbstätig sind – aber wenn sie es nicht sind, wird das Geld, gerade bei mehreren Kindern, oft knapp. In Ländern mit niedrigeren Löhnen wie Deutschland rutschen viele Familien in die Armut ab. Ausserdem ist die weibliche Arbeitskraft, etwa im Dienstleistungssektor, sehr gefragt.
Und der zweite Konfliktbereich?
Er hängt mit Organisation und Kommunikation zusammen. Wenn beide Elternteile in die Kindererziehung involviert sind, müssen sie sich kontinuierlich darüber austauschen. Das reicht von Detailinfos wie «vergiss nicht, Lara heute den Turnsack einzupacken» bis zu grundsätzlichen Fragen nach dem Motto «bei Papa darf ich das aber». Das ist eine neue Anforderung an Elternpaare.
Welche Folgen hat sie?
Die Reibungsflächen für die Eltern werden grösser. Tatsächlich sind Auseinandersetzungen rund um die Kinder oft auch ein Punkt, der Ehen zerbrechen lässt oder sie zumindest erschüttert. Auf die typischen Retraditionalisierungsprozesse, die vor allem bei den Frauen nicht selten Frustrationen auslösen, sind sie genauso wenig vorbereitet wie auf die emotionalen und kommunikativen Leistungen, die ein Paar erbringen muss, wenn es dieser Rückkehr zur traditionellen Rollenverteilung entgegenwirken will. Hier wäre einerseits eine gute Vorarbeit nötig und andererseits ein Abbau dieser Belastungen durch eine bessere Betreuungsinfrastruktur. Womit wir wieder bei Punkt 1 wären. Hohe Scheidungsraten einerseits – die natürlich nicht allein mit der Kinderproblematik zu erklären sind – und geringe Geburtenraten andererseits sind gesellschaftliche Folgen dieser Schwierigkeiten. In Frankreich und in den skandinavischen Ländern sieht das anders aus, denn der Staat sieht sich hier bei der Betreuung in der Verantwortung.
Was ist zu tun?
Politisch gesehen: bessere Betreuungsstrukturen, bessere Bezahlung der Betreuer sowie bessere Ausbildung und bessere Anerkennung des Betreuungspersonals. Ausserdem wären politische Anreize für mehr Teilzeitstellen gerade auch im Kaderbereich wichtig. Es gibt eine paradoxe Entwicklung: Die meisten hochqualifizierten Männer wollen, wie unsere neue Väter-Studie zeigt, mehr Kontakt zur Familie, zu den Kindern. Aber die Firmen setzen wieder vermehrt auf die Intensivierung der Arbeit: weniger Leute, mehr Vollzeitstellen, und dies mit dem Anspruch permanenter Abrufbarkeit. Arbeit ist entgrenzt, das Büro ist überall, als Palmtop immer mit dabei. Dass Hundertprozenter häufiger krank sind, mehr Burnout-Fälle aufweisen und weniger effizient arbeiten als die Teilzeiter, ist noch nicht durchgedrungen. Das ist, wie unser neues Forschungsprojekt zum Kinderwunsch bei Männern belegt, einer der wichtigen Gründe, weshalb sie sich gegen Kinder entscheiden. Denn kaum einer will heute mehr ein abwesender Vater sein. Wenn schon Vater, dann richtig.
Das Rollenverständnis hat sich geändert.
Sehr. Allerdings ist es trotzdem immer noch so, dass das Selbstwertgefühl von Männern am Beruf hängt und nur am Beruf. Das Familienleben hat zwar fürs Wohlbefinden stark an Relevanz gewonnen. Aber ein «Hausmann» ist meistens nicht stolz auf seine Arbeit. Frauen dagegen haben heute zwei Quellen, aus denen sich ihr Selbstwertgefühl speist: den Beruf und die Familie.
Was genau heisst «Familie» bei einer Scheidungsrate von rund 50 Prozent aller Ehen?
Eine gute Frage: Heute bedeutet «Familie» meist nicht bloss eine einzige Familie, sondern gleich zwei oder drei. Politiker und Medien verkünden zwar in regelmässigem Rhythmus eine Rückkehr zu überkommenen Werten. Aber die Zahlen zeigen: Es gibt immer mehr Patchworkfamilien und immer mehr gemeinsame Familienarbeit. Eine moderne Form der Grossfamilie – die ja sonst als Mythos in den Köpfen herumgeistert, denn es gab sie früher, wegen der kurzen Lebenserwartung, viel seltener als gemeinhin angenommen. Die Hochzeit hat einen anderen Status als in anderen Epochen: Es geht nicht um ein ökonomisches Bündnis, sondern wird als Bekenntnis zu einer lebendigen Liebe verstanden. Wenn sie stirbt, wird die Ehe aufgegeben. Elternschaft und Paarbeziehung muss man daher als zwei getrennte Aufgaben begreifen. In der Schule sollte man statt übers Stricken oder Kochen lieber mal über diese Unterschiede sprechen.
Kinder sollten Trennung lernen?
Ja, unbedingt. Eine Scheidung ist kein Scheitern! Die Leute bleiben zunehmend länger zusammen, mittlerweile im Durchschnitt um die 15 Jahre. Früher war die Lebenserwartung viel kürzer, so kam es nicht zu den Konflikten, mit denen eine Langzeitbeziehung konfrontiert ist. Mit vierzig hatte man meist ohnehin keine Perspektive zu einem Neuanfang mehr. Heute lassen sich lange Beziehungen beispielsweise von zwanzig bis vierzig, von vierzig bis sechzig und von sechzig bis achtzig verwirklichen, und daran ist überhaupt nichts Leichtfertiges. Und da brauchen wir eine
Form der Elternschaft, die Kinder bei einer Scheidung nicht in einen Krieg miteinbezieht. Wir brauchen professionelles Familiencoaching wie in den USA, Kurse, Forschungsarbeiten. Zurzeit entwickeln wir ein neues Projekt, in dem wir die Adoleszenzphase in unserer Gesellschaft untersuchen – im Kontext von Patchworkfamilien, von Trennungen und geteilter Familienarbeit. Es ist beispielsweise für meine eigene vierzehnjährige Tochter prägend, dass mein Partner genauso an der Erziehungsarbeit beteiligt ist wie ich.
Das sind alles sehr hohe Ansprüche an eine – oder mehrere – Familien. Zu hohe?
Ein Problem haben wir dabei sogar noch ausgeklammert: Alle Eltern sind ja auch Kinder. Und sie haben eine Versorgungspflicht gegenüber ihren Eltern. Die Senioren können viel helfen, wenn sie etwa Kinderbetreuungsfunktionen übernehmen. Andererseits ist das oft nicht möglich; und unsere Gesellschaft weiss noch viel zu wenig, wie mit den alternden und kranken Menschen umzugehen ist. Wie können sie überhaupt noch in einer bereits vielfach belasteten Familiensituation vorkommen? Mit solchen Fragen muss sich die Wissenschaft jetzt beschäftigen, und in dieser Umbruchsituation gilt für viele Familien Learning by Doing. Es gibt keine Patentrezepte, und die Gesellschaft hinkt mit ihren Strukturen dem Wandel der Bedürfnisse hinterher. Also: Ja, die Anforderungen sind enorm gestiegen. Aber auch die Freiheit, Familienleben zu gestalten!
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Andrea Maihofer
Andrea Maihofer, 1953 in Freiburg im Breisgau geboren, habilitierte sich in Soziologie zum Thema «Geschlecht als Existenzweise». Seit 2001 hat sie in Basel die erste schweizerische Professur für Geschlechterforschung inne. Zudem baute sie das Zentrum für Gender Studies an der Universität Basel auf, der einzigen Deutschschweizer Universität, an der es das Fach als Bachelor- oder Masterstudium gibt. Andrea Maihofers aktuelle Forschung kreist um die Frage «Wieso werden manche Männer Väter, andere nicht? Bedingungen von Vaterschaft heute». Andere Projekte fragen «Wie wohnen Paare? Wandel, Persistenz und Geschlechterverhältnisse» oder «Neue Arrangements von Familie und Beruf?» (TA)
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