Schweiz

Vielen Dank, liebe Retter der Euro 2008

22. Juni 2008, 21:55 – Von Thomas Knellwolf

Mit rauschenden Auftritten machten die Holländer den tristen Schweizer EM-Auftakt vergessen. Der Abschied von den Lieblingsgästen fällt schwer.

Eine friedliche Demonstration in Orange auf dem Berner Bundesplatz.
Keystone Eine friedliche Demonstration in Orange auf dem Berner Bundesplatz.

Sie reisen ab. Der orange gekleidete Grossvater, an dessen Ohren Karotten bammeln. Die Grossmutter im orangen Löwenkostüm. Ihre Kinder, ihre Kindeskinder, alle von oben bis unten oranje. Sie verlassen Basel, wo ihr Team am Samstag unerwartet ausschied. Am Bahnhof stehen die letzten Prachtexemplare von Holland-Fans. Ihr Köpfe sind am längsten Tag des Jahres chamäleonartig orange (andere würden sagen rot) geworden vom vielen Bier und von der Sonne. Zehntausende reisen ab. Auch Van Nistelrooy, Van der Sar und Van der Vaart fahren zu früh in die Ferien.

Uns Euro-08-Gastgebern bleibt die schöne Pflicht, Dankeschön zu sagen dafür, ...

... dass ihr die Schweiz vor einer drohenden nationalen Depression bewahrt habt. Das Ausscheiden des helvetischen Teams nach etwas mehr als 180 gespielten Minuten und die langen Tage Regenwetter zum Turnierstart nagten an der kollektiven Seele. Doch ihr mit eurem tollen Tempofussball – gegen den Weltmeister und den Vizeweltmeister – und mit manchem überbordenden «Voetbalfeest» brachtet uns die Freude an der Kickerei zurück.

... dass wenigstens ihr die ganze tolle Infrastruktur beansprucht habt, welche wir in mühsamer Kleinarbeit für die Euro 08 aufgestellt haben. Wegen euch langweilte sich kein Zivilschützer, weil er im Dienst für das Vaterland ausnahmsweise ein Fancamp bewachen musste. Auch die temporär importierten blonden Polizistinnen vor den deutschen Kastenwagen freuten sich am Samstag in Basel, dass sie permanent mit euch posieren durften. Nur verständlich, dass ihr euch bei dieser Gelegenheit gleich noch im «Abbusserln» geübt habt, das in Österreich sehr beliebt sein soll. Kurz: Obwohl eure Kussattacken harmlos waren, hat sich definitiv jeder Rappen der 180 Millionen Franken gelohnt, die wir für die Sicherheit aufgeworfen haben.

... dass ihr unsere Grünanlagen nicht nur zum Pinkeln, sondern auch zum Schlafen benutzt habt. Und dass ihr euer «Nachtlager sauber aufgeräumt verlassen» habt, wie die Basler Polizei erleichtert meldet.

... dass ihr nach eurem Ausscheiden gleich auch noch die etwas überheblich gewordenen Schweizerischen Bundesbahnen mit auf den Boden der Realität zurückgeholt habt. Eine kleine Anekdote vom Samstagnachmittag: In einem ziemlich orangen Zug von Zürich nach Basel meldeten die Lautsprecher drei Minuten Abfahrtsverspätung «wegen technischer Störung». Ihr habt den Bluff durchschaut: Wegen so einer Lappalie macht man keine Durchsage. Diese fand nur statt, um zu zeigen, dass unsere SBB auch bei grösstem Andrang pünktlich Höchstleistungen erbringen. Nach eurem Aus habt ihr den stolzen Bähnlern aber gezeigt, dass sie so perfekt nicht sind. Kollektiv wolltet ihr Basel schnellstmöglich verlassen und einen Zug nach irgendwo nehmen. Doch da standen viel zu wenige Wagen bereit. Die Basler Bahnhöfe platzten aus allen Nähten. Die Eingänge mussten verrammelt werden. Die eineinhalb, zwei Stunden Verspätung auf dem Nachhauseweg machten uns aber nichts aus, ehrlich.

...dass ihr den Baslern bewiesen habt, dass man für eine «Druckete» in der Altstadt nicht unbedingt Mitten in einer Winternacht aufstehen und ein paar kleinen Querflöten und marschierenden Trommlern zuhören muss. Euren orangen Morgenstraich wird die Stadt nie vergessen. Die Zürcher, welche «Drucketen» von der Street Parade auch bei Tageslicht gewohnt sind, hätten euch auch noch gerne begrüsst. In ihrer Fanzone hätte es noch ein bisschen Platz gehabt.

... dass ihr auch Bernern gezeigt habt, dass nicht nur viele Menschen in und um die Lauben sein können, wenn einmal im Jahr exzessiv Zwiebeln verkauft werden. Die Stadtbehörden dankten es euch, indem sie jedem 500'000. Besucher einen Emmentaler überreichten. Guten Appetit.

... dass ihr im Viertelfinal elegant den Russen den Vortritt gelassen habt. Erstens haben diese mehr Reserven für weitere Heldentaten gegen einen lateinischen und möglichen germanischen Gegner. Und zweitens hätten wir es nicht ertragen, wenn wir euch für den Halbfinal nach Österreich hätten ziehen lassen müssen. Da wären wir eifersüchtig geworden. Auf eurem orangen Doppeldeckerbus stand «Wenen via Bern». Wir wissen, dass «Wenen» nicht «Weinen», sondern Wien heisst. Und weinen trotzdem mit Euch.

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