Schweiz

Die glutrote Lust, sich schlecht zu machen

05. November 2007, 22:58 – Von Ueli Kägi und Thomas Schifferle

An der internationalen Fussballarena in Zürich wurde über die EM 2008 diskutiert. Die Schweiz tat dabei alles, sich von ihrer pessimistischen Seite zu zeigen.

Simon Greenberg hört lange zu, bis er zum Mikrofon greift und seine Frage stellt: «Wie bereiten Sie sich darauf vor, wenn 100'000 Engländer nach Zürich kommen?» Greenberg ist in diesem Moment nicht der Kommunikationsdirektor von Chelsea, sondern einfach ein Fussballfan aus England, und ganz offensichtlich ist er besorgt darüber, was er von den Diskussionsteilnehmern zum Thema «Anstoss zur Uefa Euro 2008» vernimmt. Denn was Doris Fiala, Alexander Pereira und Benedikt Weibel sagen, FDP-Politikerin, Opernhausdirektor und Delegierter des Bundesrates für die EM, das muss bei ihm die Frage aufwerfen: Ist die Schweiz überhaupt bereit für einen Anlass dieser Grössenordnung?

Die Runde redet an der International Football Arena des Zürcher Spieleragenten Marcel Schmid, einem zur Tradition gewordenen Anlass mit Teilnehmern internationaler Reputation. An diesem Montag am alten Sitz der Fifa gehören Barcelonas Vizepräsident Ferran Soriano, Chelseas Generaldirektor Peter Kenyon und Arsenals früherer Grossaktionär und Vizepräsident David Dein zu den Gästen.

Greenberg also stellt seine Frage, als es dem Ende der Runde zugeht, und Weibel sagt: «Wir haben kleine Stadien, kleine Städte, das ist Fakt. Und wir müssen uns fragen: Was machen wir, wenn nicht 100, sondern 100'000 kommen?» Und dann redet er noch ein wenig weiter, beschreibtdas baulich bedingte Chaos auf Berns Bahnhofplatz. Bloss eine Antwort auf Greenbergs Anliegen findet er keine.

Pereiras Kritik an Zürichs Politik

Weibels ganze Hilflosigkeit drückt sich bei der allerletzten Frage des Moderators aus. Die heisst: Wie wird die Euro? Weibel sagt: «Als Erstes muss ich jetzt den Zürcher Stadtpräsidenten anrufen.»

Weibel, der frühere SBB-Direktor, ist vom Diskussionsleiter ganz am Anfang darauf angesprochen worden, dass im Lande von EM-Euphorie nichts zu spüren sei. Weibel hat nicht dementiert, er hat vielmehr gesagt: «Das ist richtig so.» Und so hat er eine 45-minütige Debatte eingeleitet, die nur verblüfft.

Pereira, gebürtiger Wiener und damit geborener Lamentierer, formuliert Sätze mit markigen Worten und voller Pessimismus. «Die Zürcher Politik unterschätzt, wie viele Leute durch die Euro angezogen werden. Sie denkt wie immer zu klein. Sie hat diese kleine Wiese vor dem Opernhaus, die sie nutzt, um einmal im Jahr einen Schneemann auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Weil das so schön emotional und traditionell ist, denkt die Zürcher Politik, das wäre schön emotional und traditionell für die EM. Das ist alles von solcher Kurzsichtigkeit.»

Auf dem Sechseläuteplatz ist ein Public viewing für 5000 Leute geplant, wo laut Pereira Platz für 50'000, 60'000 sein müsste. Pereira fürchtet um die Auswirkungen auf das Opernhaus und um den Lärm, der von draussen hineindringt und die Vorstellungen stört. Und verkündet: «Wenn so viele Leute auf einem zu kleinen Platz herumtrampeln, gibt es das absolute Chaos.»

Weibel hört zu und vergisst, das Auditorium darüber aufzuklären, dass sich die so genannte Fanmeile bei weitem nicht nur aufs Bellevue beschränkt.

«Wir brauchen keine Visionen!»

Fiala beginnt sich darüber aufzuhalten, dass einst zu Beginn aller Debatten rund um die EM nur immer negativ gedacht worden sei. Sie macht jetzt selbst nichts anderes: Die Sicherheitsfrage würde sie am meisten interessieren. Sie beklagt, dass alternative Konzepte zur Fanmeile «niedergeschmettert» worden seien. Sie rapportiert den Widerstand gegen das Verkehrskonzept mit der Sperrung des Utoquais täglich von 14 bis 5 Uhr. Und fasst für sich zusammen: Man spüre zu wenig, dass man die ganze Sache im Griff habe.

Weibel sagt: «Wir haben ein Sicherheits- und Verkehrskonzept.» Und muss sich gleich selbst eingestehen, dass Zürich eben nicht die Weltläufigkeit von Berlin hat, wo 2006 während der WM der mächtige Boulevard zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule für die Nutzung als Fanmeile gesperrt war.

Ein Zuhörer bemerkt: «Die Berge blockieren in der Schweiz die Visionen.» Weibel enerviert sich: «Wir brauchen keine Visionen! Wir brauchen Projekte!» Um Visionen zu haben wäre ein Technokrat wie Weibel auch der falsche Mann. Das Projekt heisst: mit Gastfreundschaft das Image des Landes verändern. Und so lamentiert man noch ein wenig über die Tücken des Föderalismus. Und ergeht sich notgedrungen im Vertrauen auf das Schicksal, wie das Pereira tut: «Vertrauen wir auf die Kraft des Fussballs. Dann kommt das schon gut.»

Nach den Schweizern sind die Österreicher an der Reihe zu diskutieren: Willi Ruttensteiner, Technischer Leiter beim österreichischen Fussballverband, der Schriftsteller und Zyniker Franzobel und der Autor Johann Skocek. Im Kollektiv sind sie erstaunt ob der Schweizer.

Skocek sagt: «Ich habe gar nicht gewusst, dass die Schweizer die hervorragende Eigenschaft zur Selbstzerfleischung haben. Sie haben die glutrote Lust, sich schlecht zu machen.» Oder Ruttensteiner: «Ich bin erstaunt. Nicht ein Wort haben die Schweizer über ihre tolle Nationalmannschaft gesagt. Auch wir haben unsere Probleme, aber muss man doch nicht nur darüber reden.» Sie sind ja schon froh, wenn sie angesichts der Schwäche ihres Nationalteams die EM mit dem geringst möglichen sportlichen Schaden überstehen. Und Skocek verkündet: «Im Unterschied zur Schweiz sagen wir: Wir werden die EM packen.»

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