«Beim FCZ ist jeder Tag ein Kampf»
16. Juli 2008, 20:34Der FC Zürich startet am Sonntag in Neuenburg in die Saison. Für Trainer Bernard Challandes kann sein Team nur im besten Fall ein Meisterkandidat sein.
Mit Bernard Challandes sprachen Peter Bühler und Ueli Kägi, Zürich
Bernard Challandes, der FC Zürich besiegte am Samstag Aston Villa 2:1. Und wer den Sechsten der Premier League schlägt, der dominiert die Super League locker ...
Das wäre schön, aber so einfach ist Fussball nicht. Wir haben gegen Aston Villa gut gespielt, die Partie hatte gutes Super-League-Niveau. Aber Test bleibt Test.
Ist der Sieg wenigstens gut für die Moral?
Ja. Wenn wir spielen wie gegen Aston Villa, haben wir gegen jede Schweizer Mannschaft gute Chancen.
Wenn der FCZ Meister würde, dann hätten Sie einen Teil der Vorgabe Ihres Präsidenten erfüllt: Ancillo Canepa fordert, dass der Klub um den Titel spielt, den Cupfinal und die Gruppenphase des Uefa-Cups erreicht.
Die Kommunkation eines Präsidenten und eines Trainers unterscheiden sich immer. Das ist normal. Der FCZ hat Ambitionen, also äussert sich der Präsident auch entsprechend offensiv. Ich akzeptiere Canepas Zielsetzungen selbstverständlich, aber als Trainer muss ich zurückhaltender sein. Auch Basel, YB, Sion und GC wollen Meister werden.
Aber Sie werden an diesen Zielen gemessen. Wenn der FCZ nach acht Spielen erst sechs Punkte hat, steht es nicht gut um Sie.
Mit so wenigen Punkten ist jeder Trainer schlecht dran. Für mich steht nur eines fest: Wenn wir guten Fussball spielen, stellen sich auch die guten Resultate ein.
Wie wollen Sie positive Ergebnisse erreichen? Die Mannschaft hat im Frühling schwach gespielt und wurde nun nicht verstärkt.
Ja, aber warum waren wir nicht gut? Tihinen war nie fit, Djuric, Eudis, Alphonse und Chikhaoui haben so gut wie nie gespielt. Rochat und Okonkwo sahen Rot. Wir hatten viele Probleme. Nun stehen abgesehen von Chikhaoui (er fällt noch einige Wochen aus) mehr oder weniger alle Kaderspieler zur Verfügung. Es sind zwar die gleichen Spieler wie vorher, aber sie haben die Vorbereitung mitgemacht, und der Konkurrenzkampf ist grösser.
Das Kader ist mit 28 Spielern sehr breit.
Das Kader ist zu gross, und nicht alle sind gut genug für einen Spitzenklub der Super League.
Der FCZ hat 13, 14 gute Super-League-Spieler und der Rest ist Durchschnitt.
Das würde ich nicht so ausdrücken. Wir haben auch sechs junge Spieler neu aufgenommen. Sie brauchen Zeit.
In den beiden letzten Testspielen gegen Donezk und Aston Villa standen die Jungen alle im Aufgebot, dafür verzichteten Sie auf Spieler wie Kondé, Vergara, Vasquez, Tahirovic und Silvio. Spielen diese Leute in Ihren Überlegungen keine Rolle mehr?
Der FC Zürich hat schon immer die Philosophie gehabt, auf Junge zu setzen. Ich habe einem Jungen wie Adrian Nikci eine Chance gegeben, und er hat sie genutzt. Dafür muss halt jetzt ein Älterer zuschauen. Das ist ganz einfach und regelt sich über kurz oder lang von selbst. Die Leute, die jetzt nicht spielen, müssen Geduld haben. Falls diese fehlt, müssten sie sich einen neuen Klub suchen.
Es gibt doch Spannungen, wenn ein Vasquez, Tahirovic oder Silvio spüren, dass sie keine Chance haben.
Das ist so, das ist für mich allerdings Fussball-Alltag. Damit muss ich als Trainer leben können, damit müssen die Spieler fertig werden. Sie haben Verträge, der Klub bezahlt ihnen das Gehalt und überweist das Geld jeden Monat rechtzeitig. Es kann doch niemand einen Stammplatz verlangen.
In der vergangenen Saison kamen beim FCZ nicht viele neue Junge zum Zug, und Sie wurden dafür kritisiert.
Ich nehme das Beispiel Marco Schönbächler. Die Leute fragten in der vergangenen Saison: Weshalb spielt Schönbächler nicht? Aber wie oft kam Schönbächler unter Lucien Favre zum Einsatz? Zweimal. Das bedeutet doch nicht, dass er in der folgenden Saison dann Stammspieler ist.
Sie pflegten jeweils zu sagen: Schönbächler ist nicht Messi.
Vielleicht ist er Messi, der Messi der Super League. Nun stand er in der vergangenen Saison 14-mal in der Startformation und kam insgesamt 20-mal zum Einsatz, das ist sehr viel für einen 18-Jährigen. Abdi hatte unter Favre auch nicht immer gespielt, vor ihm standen Margairaz, Inler, Dzemaili und Cesar. Das Gleiche galt für Barmettler. Wir haben vielleicht nicht mit neuen Jungen gearbeitet. Aber wir haben mit den Jungen, die schon unter Favre zu Einsätzen kamen, einen nächsten Schritt gemacht.
Auch Kollar hat vereinzelt gespielt. Dann aber verpflichtete der Klub den routinierten Kondé und lieh Kollar aus. Machte das Sinn?
Es ist völlig falsch, so zu denken. Wenn ich einem jungen Spieler nicht mehr Einsatzzeit geben kann, ist das für ihn schade. Kollar war deshalb auch unzufrieden. Kondé akzeptiert seine gegenwärtige Rolle als Ersatz, er ist trotzdem gut gelaunt. Solche Spieler sind wichtig für die Mannschaft. Tahirovic wiederum ist da ganz anders. Wenn er nicht aufgestellt wird, ist er total niedergeschlagen und missmutig. Er verliert jede Motivation. Das schadet ihm und der Mannschaft. Das kann ich nicht akzeptieren.
Weshalb hat Canepa Tahirovic definitiv von Lille übernommen, obwohl Sie und Sportchef Bickel ihn nicht haben wollten?
Das müssen Sie den Präsidenten fragen.
Zu einer Belastung könnten die Afrikaner werden. Chikhaoui ist dauerverletzt, Okonkwo kehrt regelmässig zu spät aus den Ferien zurück.
Wenn sie da und spielfähig sind, habe ich als Trainer mit ihnen keine Probleme.
Dafür haben Sie das Problem, dass der FCZ vor Ihrer Zeit mit Favre zweimal Meister wurde. Die Ansprüche sind sehr hoch, obwohl das heutige Team mit den Meistermannschaften nichts mehr gemeinsam hat.
Lucien Favre hat sehr gute Arbeit geleistet, das ist klar. Wir haben vor der letzten Saison Dzemaili, Inler, Margairaz und Santos verloren. Dies wäre noch zu verkraften gewesen. Aber dann kamen im Lauf der Saison Von Bergen, Cesar und Raffael dazu. Hätten wir diese drei Spieler halten können, hätten wir sehr gute Chancen auf den Titel gehabt. Davon bin ich überzeugt. Raffael, Chikhaoui und Alphonse haben für uns 80 Prozent der Tore geschossen.
Und nun ist nur Alphonse da.
Ja, aber er ist immer wieder leicht verletzt. Wir haben in den Testspielen viele Tore nach Standardsituationen erzielt, wenige aus dem Spiel heraus.
Sie und Sportchef Bickel haben einen zusätzlichen Stürmer gefordert. Canepa aber ist der Ansicht, es sei Ihre Aufgabe als Trainer, das Optimum aus dem bestehenden Kader herauszuholen. Sieht so ein Vertrauensbeweis aus?
Es ist ein ständiger Kampf zwischen Trainern und Präsidenten: Der Trainer will immer die besten Spieler, der Präsident muss die wirtschaftliche Machbarkeit überprüfen. Jetzt hoffe ich auf Hassli und darauf, dass Alphonse gesund bleibt.
Kann der FCZ ohne Alphonse und Chikhaoui eine Spitzenteam sein?
Das ist schwierig. Diese Spieler haben am Anfang der letzten Saison den Unterschied gemacht. Jetzt brauchen wir andere Lösungen und Zeit.
Bekommen Sie Zeit?
Nein, als Trainer hast du nie Zeit, das weiss ich, das ist auch kein Problem.
Wie sind Sie in der vergangenen Saison mit der Kritik umgegangen, als die Leistungen nicht mehr gut waren und die Mannschaft so oft verlor?
Ich glaube: Wer den Fussball kennt, kann nachvollziehen, dass es für uns eine schwierige Zeit war. Als Trainer musste ich einen breiten Rücken haben, meine Spieler vor der Kritik schützen und diese Zeit überleben - so sah meine Rolle aus.
Könnten Sie eine ähnliche Schwächephase auch in dieser Saison überstehen? Canepa vermittelt das Gefühl, dass er von Ihnen und diesem Team jetzt Erfolge erwartet.
Das kann ich akzeptieren. Ich bin überzeugt davon: Mit einem oder zwei Transfers könnten wir eine ausgezeichnete Mannschaft haben. Und ich bin auch überzeugt davon: Wenn uns alle Spieler zur Verfügung stehen, haben wir ebenfalls eine starke Mannschaft.
Canepa ist als vollamtlicher Präsident immer wahrnehmbar und oft in den Medien. Kann das für Sie als Trainer und auch für den Sportchef zum Problem werden?
Ich will ganz klar festhalten: Canepa war nie in der Kabine, er hat mir nie gesagt, wie ich aufstellen soll. Es hat zwischen uns nie ein Problem gegeben, und alle Leute im Verwaltungsrat verhielten sich immer sehr korrekt. Ich kann mit hundertprozentiger Unterstützung arbeiten.
Im Frühling hinterliess der FCZ nicht den Eindruck, mit einem klaren Konzept an der Arbeit zu sein.
Wie viel Zeit benötigte Lucien Favre, um seine Mannschaft zu entwickeln und ihr ein Konzept zu geben?
Zwei Jahre ...
Wenn eine Mannschaft über die Hälfte ihrer Spieler verliert, musst du ein neues Konzept entwickeln, aber das geht nicht in einem Monat. Und wenn ich höre: Konzept, Konzept, Konzept, dann sage ich: Als uns im Frühling immer mehr Spieler ausfielen, war das weniger ein Problem des Konzepts als ein Problem der Qualität.
Nun spüren wir bei Ihnen Optimismus, was die nächste Saison angeht.
Ja, diesen Optimismus brauchst du als Trainer auch, sonst bist du schnell erledigt. Über uns scheint nicht nur die Sonne, mit diesem Kader habe ich Probleme, beim FCZ ist jeder Tag ein Kampf. Nur darf es nicht so sein wie im Frühling: Wenn du oft verlierst, hast du auch mehr Verletzte, mehr Rote und mehr Gelbe Karten, mehr Penaltys gegen dich, mehr Probleme mit Schiedsrichtern ...
... und der Trainer muss öfter auf die Tribüne. Wie sieht Ihre Prognose aus: Wie oft sitzen Sie in dieser Saison auf der Tribüne?
(Er lacht.) Nie.
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