«Sicko»

In Moores Amerika ist selbst der Tod nicht umsonst

10. Oktober 2007, 08:18 – Von Christoph Schneider

«Sicko», der neue Dokfilm von Michael Moore, berichtet vom Elend des amerikanischen Gesundheitswesens.

Der Regisseur Michael Moore hat in seinen früheren Filmen ein paar Mal gelogen oder, wie man vielleicht sagen sollte, die Details der Wirklichkeit korrigiert. Ausserdem soll er kein netter Mensch sein. Fakten und Emotionen wurden sozusagen sentimental gesteuert. Das ist erwiesen, und eine Überprüfung der «Methode Moore» war fällig. Sie wurde etwa geleistet im Dokumentarfilm «Manufacturing Dissent: Uncovering Michael Moore» von Debbie Melnyk und Rick Caine. Es stellte sich allerdings gleich die Frage nach der Legitimität kleiner Lügen zu Gunsten der grossen Wahrheit – und ob einer nicht ein Kotzbrocken sein könne und trotzdem anständig.

Da ging dann das Rechten und Abwägen vor dem ethischen Forum im Zweifel eher wieder für den Angeklagten aus. Sein Engagement und sein Wille zum Anstand wurden ohnehin nicht bestritten, vom Können nicht zu reden. In seinem neuen Film «Sicko» richtet er alle polemischen Fähigkeiten, das satirische Temperament, den Sinn für Kontraste und auch die Penetranz seiner Übertreibungen gegen das amerikanische Gesundheitssystem bzw. seine Ungesundheit. Und das ist ganz der ungenierte und einfach hervorragende alte Moore, der nicht nur ein Filmemacher ist, sondern selbst bereits eine nützliche soziale Institution. Vorausgesetzt, dass man ihn nicht jederzeit beim Wort oder der Lauterkeit der propagandistischen Tricks nimmt. Aber fraglos ist die Richtigkeit der guten Sache. Auch wo es zwischen Satire und einfacher Lüge etwas neblig wurde, haben noch nie die Falschen darunter gelitten.

In «Sicko», dem Drama einer unterversicherten und zum Fürchten unsolidarischen Gesellschaft, hat Moore sowieso ein ganz realistisches Verhältnis zu einer nationalen Wahrheit. Selbst in amerikanischen Ärzte-Serien im Fernsehen wird ja zugegeben, dass hinter dem Glanz der Spitzenmedizin etwas fault im Gesundheitswesen. Es hat dort schon mancher abgetrennte Finger gegen die Spitalvorschriften und um Gottes Lohn wieder angenäht werden müssen.

Aber in der Wirklichkeit kann man sich darauf eben nicht verlassen. Umsonst ist nicht einmal der Tod. Im Gesellschaftsvertrag der USA ist das öffentliche Recht auf Gesundheitsversorgung nicht festgeschrieben. 50 Millionen Menschen leben ohne Krankenversicherung, viel mehr noch haben, wie Moore behauptet und belegt, aus gegebenen Anlässen Grund, ihren privaten Versicherungen nicht über den Weg zu trauen; und gnade Gott allen, wenn sie krank werden. Bei seinen Recherchen sind Michael Moore Fallberichte von abstruser Tragik offenbar nur so zugeflogen. Man weiss jetzt gar nicht, welche real existierende Erbarmungslosigkeit und Absurdität man besonders herausstreichen soll.

Mittelfinger auf der Müllkippe

Womöglich den Fall des unversicherten Schreiners, der sich je ein Stück Ring- und Mittelfinger absägte, worauf das Krankenhaus anbot, ihm das eine für 12 000 oder das andere für 60 000 Dollar wieder anzunähen. Rabatt fürs Zweierpack wurde nicht gewährt. Als verheirateter Romantiker und nicht auf Rosen gebettet entschied der Mann sich für das Schnäppchen mit dem Ringfinger. Den teuren Mittelfinger jedoch frassen wahrscheinlich die Möwen auf einer Müllhalde in Milwaukee (für Moore, den alten Tragikomödianten, natürlich auch ein gefundenes Fressen).

Den stärksten Eindruck macht eine Szene, deren Abscheulichkeit keine zusätzlichen Sarkasmen braucht. Sie zeigt, aufgenommen von einer Überwachungskamera, wie eine verwirrte Frau, bei der offenbar nichts zu holen war, im Auftrag eines Krankenhauses vor der Tür einer privaten Fürsorgeorganisation ausgesetzt wird. Das Taxi immerhin war bezahlt.

Beide Geschichten beschreiben ein in «Sicko» brillant konzentriertes normales Elend. In der zweiten steckt ausserdem eine Art neuer Michael Moore. Natürlich nennt der wie immer Ross, Reiter und ihre Adressen, die Versicherungsgesellschaften, die Pharmaindustrie, eine zur Empathie unfähige Regierung; aber da steht er auch, ernster als sonst und in seiner kritischen Informiertheit fast hilflos, als ein irritierter Trauernder an der Grube, in die für ihn der Gemeinsinn längst gefahren ist.

Natürlich wäre das kein Moore-Film, wenn nicht trotzdem zwischen Schwarz und Weiss scharf und komödiantisch unterschieden würde. Deshalb ist Moore gereist und hat in Kanada, Grossbritannien und Frankreich ein kostenloses gesundheitspolitisches «Nirwana» gesucht – und gefunden. Und die Filmgeschichte wird die grandiose Idee des sentimentalen Patrioten nicht vergessen, eine Reisegruppe aus lauter medizinisch vernachlässigten Helden und Opfern des 11. September nach Kuba zu verschiffen, wo freundliche Ärzte die propagandistische Chance gern gratis wahrnahmen. Die polemischen Prioritäten waren da ganz klar, auf Differenzierung kam es nicht an. Aber der gesundheitlich spürbare Erfolg heiligte die Mittel. Man darf «Sicko» einen Film nennen, mit dem einer bei der Wahrheit bleibt im Bewusstsein, dass Propaganda, auch wo sie Recht hat, halt immer ein wenig lügt.

Sicko (USA 2007); 116 Min. Regie: Michael Moore.

Spielzeiten und -orte, siehe Übersicht im Züritipp .

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