Diese 16 Stunden Fassbinder sind eine tolle Chance

31. Dezember 2007, 07:54 – Von Barbara Schweizerhof

Investieren Sie Lebenszeit! Rainer Werner Fassbinders «Berlin Alexanderplatz» kommt in restaurierter Fassung als Erlebnismarathon ins Kino.

Was hat Alfred Döblins Roman «Berlin Alexanderplatz» mit dem «Guinness-Buch der Rekorde» gemeinsam? Sie sind Schlüssellektüren des 20. Jahrhunderts, jenem Jahrhundert, das den Rekord zum Massstab der Dinge gemacht hat. Rekorde weist Fassbinders Döblin-Verfilmung von 1979 im Übermass auf: von der damals «teuersten Fernsehproduktion» über die «längste Filmerzählung» bis zu ihrem Status als «einem der grossen Quotenflops deutscher Fernsehgeschichte».

Allein schon deshalb lohnt sich der fast 16-stündige Kinomarathon im Filmpodium – zumal von solchen Unternehmungen ein selbstquälerischer Zauber ausgeht. Das wissen nicht nur die Arthouse-Fans, die sich durch Jacques Rivettes 12-stündigen «Noli me tangere» gesessen haben, sondern auch jene Kino-Geeks, die sich jährlich an den Extended Versions der kompletten «Lord of the Rings»-Trilogie ergötzen.

Wäre heute im Fernsehen unmöglich

Dabei ist die blosse Länge noch das Geringste an «Berlin Alexanderplatz». Schon Döblins Roman forderte mit seinen modernen Techniken der Sprach-Collage den Leser, und in ähnlicher Weise verlangte auch Fassbinder dem TV-Publikum einiges ab. Das beginnt bei der Ausdrucksstärke der Schauspieler, die in der Irrealität zwischen Film und Bühne zu schweben scheinen. Möglich wird das unter anderem durch eine Kamera, die sich in oft überraschender Weise bewegt, auf der ständigen Suche nach jenen Durchblicken durch Spiegel und Fenster, die man heute als typisch Fassbinder empfindet. Nichts an dieser Kameraarbeit ist glatt oder elegant, sie wirkt oft geradezu störend artifiziell und ist deshalb besonders effektiv.

Dass dieses anspruchsvolle und experimentierfreudige Kunstkino mit dem Rekordbudget von 13 Millionen Mark tatsächlich in 13 Teilen im Fernsehen gelaufen sein soll, erscheint heute schlicht unmöglich. Die Ausstrahlung war sogar für die deutsche Primetime um 20.15 Uhr geplant, wurde dann aber aus Gründen des Jugendschutzes kurzfristig auf 21.30 Uhr verschoben – was immer noch mutig genug wirkt. Im aktuellen Kontext wäre spätestens nach dem vierten Teil, bei dem die Quoten von 27 Prozent auf 11 Prozent in den Keller gerutscht waren, Schluss gewesen.

Zumal die Zuschauer bei der Ausstrahlung einen technischen Mangel beklagten: Die Bilder waren durchweg sehr dunkel geraten. Was man damals als gewolltes Stilmittel darstellte, erklärte Kameramann Xaver Schwarzenberger anlässlich der Restaurierung zum Verfahrensfehler: Man habe auf 16 mm gedreht und damit von Anfang an nicht die Kontrasttiefe gehabt, die man für die feine Lichtinszenierung gebraucht hätte. Die restaurierte Fassung wurde folglich aufgehellt, und tatsächlich sieht man nun mehr von den Räumen, den Dekors und den Gesichtern als einst bei der TV-Ausstrahlung.

Brandaktuelle Beziehungen

Dennoch hinterlässt der Eingriff ein ungutes Gefühl. Die Tatsache, dass etwas im Nachhinein verschönert und damit auch geglättet wurde, will einfach nicht zu jener Unbändigkeit und Rauheit passen, die man allgemein mit Fassbinder verbindet. An diesem Eingriff entzündete sich im vergangenen Jahr denn auch ein erbitterter Streit, der nie gelöste Konflikte aus der Fassbinder-Umgebung wieder aufbrechen liess: angefangen bei der Frage, ob Fassbinder nun schwul oder bisexuell gewesen sei, bis hin zum Streit, ob seine Werke nun Teamarbeit oder Geniestreiche waren.

«Berlin Alexanderplatz» nun zum Jahreswechsel zu schauen, erscheint als besonders geeigneter Zeitpunkt, weil der Film in doppelter Hinsicht den Blick in die Vergangenheit anregt. Zum einen in die Zeit seiner Entstehung vor knapp dreissig Jahren, zum anderen aber auch in die Zeit seiner Handlung, der Epoche der Weimarer Republik. Fassbinders Version von Döblins Grossstadtroman spiegelt einerseits das vorherrschende Denken der 70er-Jahre wider, das die Weimarer Zeit meist auf den Status der Übergangsepoche zum Faschismus reduzierte. Andererseits wirkt die Leidens- und Abstiegsgeschichte des Franz Biberkopf bei Fassbinder heute zeitloser und persönlicher. Die Grossstadt mit ihrem anonymen Nebeneinander, von der Döblin noch so fasziniert war, kommt bei Fassbinder kaum vor. Und Günter Lamprecht spielt Biberkopf als Abbild des gepanzerten Mannes, der regelmässig im Mantel zur Geliebten ins Bett steigt.

Von den Lippen des Ensembles (Lamprecht, Barbara Valentin, Gottfried John) klingt Döblins Sprache der Sachlichkeit, in der es kein «ich» gibt, sondern nur ein «man», erschreckend düster und emotional: «Wie soll man leben, wenn man nicht sterben will?» Das und die kalte Direktheit, mit der Fassbinder die sexuellen Beziehungen als reine Abhängigkeiten ins Bild setzt, lassen den Film brandaktuell erscheinen – und absolut fernseh-untauglich. Also nutzen Sie die Chance, ihn im Kino zu erleben!

Berlin Alexanderplatz: Do-So, 3.–6.1., jeweils 18 Uhr und 20.45 Uhr im Filmpodium, Nüschelerstrasse 11, Zürich. Weitere Vorstellungen: 10.–13.1. im Stattkino Luzern, 17.–20.1. im Stadtkino Basel, 26.–29.1. Kino Kunstmuseum Bern.

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