Schweiz

«Was mir vorschwebt, ist ein Zentrum für Kultur und Wissenschaft»

16. Januar 2008, 18:45

Vinzenz Hediger (38) wird ab August 2008 die Cinémathèque suisse leiten. Der designierte neue Direktor hat grosse Pläne.

Vinzenz Hediger.
Vinzenz Hediger.

Mit Vinzenz Hediger sprach Florian Keller

Die Leitung der Cinémathèque in Lausanne ist eigentlich ein Traumjob. Aber bei einem Budget von 5 Millionen Franken hat das Filmarchiv ein chronisches Geldproblem.

Sie kennen ja die Zahlen: Die Sammlung umfasst, je nach Zählweise, zwischen 70'000 und 100'000 Titeln. Damit zählt die Cinémathèque zu den grossen Filmsammlungen der Welt. Sie ist etwa doppelt so gross wie das Nederlands Film Museum in Amsterdam, das dreimal mehr Geld zur Verfügung hat und mehr als dreimal so viele Mitarbeiter zählt. Wenn man sich das Potenzial der Cinémathèque ansieht, muss man sagen: Diese Institution ist krass unterfinanziert. Wenn sie ihre Aufgabe erfüllen soll, braucht die Cinémathèque ein viel stärkeres finanzielles Fundament. Das Fundraising wird in den ersten paar Jahren ein wichtiger Teil meiner Arbeit sein.

Sie streben ein doppelt so hohes Budget an. Ist das realistisch?

(Lacht.) Was soll ich sagen? In der Findungskommission sassen genug Leute mit politischem Einfluss, die mir hätten sagen können: «Das geht aber gar nicht, was Sie uns da vorschlagen.» Ich hatte jedoch den Eindruck, dass ich durchaus auf Unterstützung aus dem Umkreis der Cinémathèque zählen kann. Konkret ist es so, dass die Cinémathèque bislang vor allem kulturelle Subventionen erhält. Sie gehört aber auch zum Bereich des kulturellen Erbes, was man früher Denkmalschutz nannte. Den Staat kann man also auch dort in die Pflicht nehmen. Weiter können wir Forschungsgelder beantragen, um die Sammlung wissenschaftlich stärker zu bearbeiten und besser zu präsentieren. Aber da wird sich die Cinémathèque wie alle wissenschaftlichen Institute auf dem hochgradig kompetitiven freien Markt der Akquisition von Forschungsgeldern bewegen. Und von ihrer potenziellen Sichtbarkeit her müsste die Cinémathèque schliesslich auch für Sponsoren interessant sein.

Sie sagen «potenziell». Die öffentliche Resonanz der Cinémathèque hielt sich bislang im engen Rahmen – erst recht in der deutschsprachigen Schweiz.

Das ist eine Generationenfrage. Ich bin in den 80er-Jahren aufgewachsen, als der mythische Freddy Buache noch Direktor war und seine sympathischen Auftritte am Filmfestival in Locarno hatte. Damals war die Cinémathèque ein Begriff. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass sich diese Wahrnehmung verändert hat, weil der jetzige Direktor Hervé Dumont keine charismatische Figur wäre. Das hat vielmehr damit zu tun, dass mit Video und DVD ein Umbruch in der cinephilen Kultur stattgefunden hat. Heute besitzt jeder eine eigene Filmsammlung, die klassische Kinemathek hat dadurch zu einem gewissen Grad an Bedeutung verloren. Man muss also auch die Funktion der Cinémathèque neu definieren.

Sie sollen Ihre Mitbewerber vor allem mit der Idee einer «Maison du Cinéma» ausgestochen haben. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Was mir vorschwebt, ist ein Zentrum für Kultur und Wissenschaft, das die bisherigen Funktionen der Cinémathèque weiterführen soll, aber nebst dem Archiv auch Tagungs- und Ausstellungsräume umfasst. Die Cinémathèque besitzt ja einen riesigen Fundus an Fotos, Plakaten und anderen nicht filmischen Materialien. Diese Bestände muss man ausstellen, wie ich meine. Ausserdem habe ich der Findungskommission vorgeschlagen, dass ich als Direktor der Cinémathèque zugleich ordentlicher Professor für Filmwissenschaften an der Universität Lausanne wäre. So kann ich gemeinsam mit den Kollegen der Universität Forschungsprojekte entwickeln, um die Bestände der Cinémathèque systematisch zu erforschen. Die drei Hauptbereiche wären also die Archivierung, die eher unsichtbar bleibt, die Programmation und Darstellung der Bestände – und neuerdings verstärkt auch die Forschung. Die «Maison du Cinéma» soll ein Ort für ein filmkulturelles Leben in seiner ganzen Vielfalt sein. Eine Beiz gehört da natürlich auch dazu.

Bei den Programmkinos in Zürich oder Basel hört man hinter vorgehaltener Hand den Vorwurf, dass die Cinémathèque ihre Schätze oft lieber horte, als sie herauszugeben. Werden Sie das Haus offener führen?

Auch da muss man sagen, dass das nicht böser Wille ist, sondern das liegt an den fehlenden Ressourcen. Die Verleihabteilung ist personell unterdotiert. Bei meiner Bewerbung habe ich eine Reihe von internationalen Filmarchiven als Vorbilder genannt, und an erster Stelle stand dabei die Library of Congress in Washington. Sie ist für mich modellhaft, weil sie sich als Institution mit einem öffentlichen Auftrag versteht und prioritär darauf ausgerichtet ist, den Forschenden und anderen ernsthaften Benutzern den Zugang zur Sammlung zu gewährleisten. Es hat keinen Zweck, Filme zu sammeln, wenn dann niemand mit ihnen arbeiten kann.

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