Mutiger Intellektueller im Dunstkreis der Weltpolitik

24. Januar 2008, 19:05 – Von Florian Keller

Zurück in die Zukunft: An den 43. Solothurner Filmtagen lässt Matthias von Gunten in einem Dokumentarfilm den kritischen Geist von Max Frisch aufleben.

Mosaik einer engagierten Zeitgenossenschaft: Max Frisch in Matthias von Guntens Dokumentarfilm.
PD Mosaik einer engagierten Zeitgenossenschaft: Max Frisch in Matthias von Guntens Dokumentarfilm.

Achtung, die Schweiz! Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Max Frisch seinen so betitelten Entwurf für eine neue Schweiz veröffentlichte – eine Schweiz, die nicht weiter wie ein gepützelter Kurort still verdämmern würde, die weder Altersasyl noch Passbehörde oder Heimatmuseum wäre.

Wenn sich jetzt Peter Bichsel an jene städtebauliche Vision erinnert, schwingt Wehmut mit, aber auch eine leise Erleichterung darüber, dass Frischs forsche Utopie nicht Realität wurde: «Wir wären damals bereit gewesen, die Stadt Solothurn abzureissen und Le Corbusier einen anständigen Auftrag zu erteilen.» Atmen wir auf, wenn wir das hören, oder sehnen wir uns zurück in die Zukunft von gestern?

Filmischer Entwicklungsroman

Peter Bichsel, der Solothurner, sagt diesen Satz als Zeitzeuge in dem Dokumentarfilm «Max Frisch, Citoyen», der hier am Mittwoch im Beisein von Bichsel seine Premiere feierte. Regisseur Matthias von Gunten schildert darin Frischs Weg vom brotlosen Studenten zum engagierten Schriftsteller, der sich unermüdlich ins Zeitgeschehen einmischte und der sein Leiden an der Schweiz zeitlebens zu einem bestimmenden Thema seines Schreibens machte.

So ist «Max Frisch, Citoyen» keine germanistische Fleissarbeit über den Romancier und Dramatiker, sondern eine Art filmischer Entwicklungsroman über den kritischen Intellektuellen Frisch – und damit indirekt auch ein Film über die intellektuelle Krise der Linken heute. Und vielleicht erschliesst dieses Porträt den politischen Frisch nochmals neu für eine Generation, die ihn vor allem aus der Schule als vielleicht lästige Pflichtlektüre kennt.

Da ist also der junge Schweizer Bürger, der die Scheinheiligkeit verurteilt, die sich als «Staatsräson» maskiert; da ist der brave Kanonier, der sich ungern an seinen Armeedienst erinnert, weil er im eigenen Gehorsam nur Feigheit erkennt.

Da ist der zweifelnde Humanist, dessen präzise Beobachtungen zur Angst vor dem Fremden sich wie Slogans im kollektiven Gedächtnis einprägen («Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen»). Da ist, später dann, der kritische Geist im Dunstkreis der Weltpolitik, der Helmut Schmidt auf dessen Staatsbesuch in China begleitet und mit Kissinger über den Einmarsch in Kambodscha streitet. Und am Ende des Films steht Frischs tiefe Enttäuschung über die unfähigen Spiesser von der Bundespolizei, die nicht einmal eine seriöse Fiche über ihn, den vorgeblichen Staatsfeind, zu Stande bringen. Frisch, so kommentiert Bichsel hier mit diebischem Schalk, habe als Profi eben erwartet, dass er es auch bei der Bupo mit Profis zu tun habe.

Von Guntens Film ist reich an Archivmaterial: Die urbane Schweiz gestern und heute, private Filme aus Frischs Nachlass, und immer wieder punktieren zeitgeschichtliche Aufnahmen diesen Parcours durchs 20. Jahrhundert. Schmidt und Kissinger kommen zu Wort, ebenso Günter Grass, Gottfried Honegger und Christa Wolf, doch die Hauptrolle spielen Frischs Tagebücher und zeitkritische Schriften, im Film gesprochen von Reto Hänny.

So hört man Frischs Stimme zwar fast nie, und doch hat er fast immer das Wort. Aus rund zwei Dutzend Texten collagiert von Gunten das Mosaik von Frischs engagierter Zeitgenossenschaft. Sein Film ist wortlastig – aber er zeigt auch, dass das dem Bildmedium Kino nicht unbedingt abträglich ist.

Das liegt sicher an Frischs Prosa, die sich für einen Hörfilm bestens eignet; es ist aber auch das Verdienst des Regisseurs, dass seine Bilder nicht das gesprochene Wort unter sich begraben. Von Gunten findet fast durchwegs die perfekte Balance zwischen atmosphärischem Gespür und historischer Sorgfalt. Nur den elegischen Soundtrack würde man sich gelegentlich weniger sentimental wünschen.

Ein Hauch von Trauer

Sein Film sei nicht als wehmütige Verklärung gedacht, sagt der Regisseur, aber so ganz entkommt er der Nostalgiefalle doch nicht. Das liegt auch an dieser Musik, die einen Hauch von Trauer erzeugt, der sich durch den ganzen Film zieht. Es ist die leise Trauer darüber, dass es einen kritischen Intellektuellen, wie Max Frisch diese Rolle ausfüllte, heute nicht mehr gibt in der Schweiz.

Wo sind sie heute, die kritischen Intellektuellen, die sich einmischen? Das ist die unausgesprochene Frage, die diesen Film umtreibt, aber auf die Einwürfe einer jüngeren Generation von Schweizer Intellektuellen wartet man vergebens. Regisseur von Gunten hat bewusst nur die Stimmen von Zeitgenossen eingeholt, die persönlich mit Frisch in Kontakt standen. (Das erklärt auch, weshalb im Film zwar Helmut Schmidt klug über Frisch parliert, aber kein einziger Alt-Bundesrat. Natürlich habe er Kurt Furgler angefragt, sagt von Gunten – aber der habe sich partout nicht äussern wollen, mit der Begründung, er habe «viel Wichtigeres» zu tun.)

Bichsel, auch noch live

Wo sind sie heute, die mutigen Intellektuellen? So fragte nach der Premiere auch eine Zuschauerin, doch die Antwort lieferte nicht der Regisseur, sondern ein Stimme von weiter hinten im Saal. Dort sass Peter Bichsel und machte seinem Ärger über die «dumme» Frage Luft: «Nicht die Autoren fehlen, die sich einmischen! Sondern das Publikum, das sich dafür interessieren würde! Jetzt sitzen die Leute einfach auf ihrem faulen Arsch und fragen: Wo ist der linke Blocher? Das ist ein derartiger Blödsinn.» Die engagierten Intellektuellen wären noch da, bloss ist ihr Publikum verdämmert? Da macht es sich wohl auch Bichsel zu einfach. Jedenfalls wird darüber noch zu reden sein – spätestens dann, wenn der Film im März in die Kinos kommt.

«Max Frisch, Citoyen». Sa, 17.30 Uhr im Landhaus, Solothurn. Ab März im Kino.

Mehr oder weniger herzhaft

Solothurn. – Rabiater Organhandel an den Filmtagen: Auf einem Küchentisch wird ein Stück Fleisch geraspelt. Nicht irgendeines, sondern ein Herz. Eine fleissige Hand treibt das Organ unermüdlich über ein Reibeisen, dazu hören wir das widerwärtige Geraspel und Geflutsche der bizarren Prozedur. Nach 30 Sekunden ist der Spuk vorbei.

Was wir da gesehen haben, ist Nathalie Oestreichers «C'ur Sensible», Siegerfilm des dritten Wettbewerbs der Internetplattform Agent-Provocateur. Gefragt waren Kürzestfilme zum Thema «Angst», die besten wurden am Mittwoch in Solothurn geehrt. Und das Bild dieses geraspelten Herzens wird man so schnell nicht los. Organischer Horror, ganz banal in der Küche: Könnte auch ein Kurzfilm von David Cronenberg sein, im Massstab von Swiss Miniature.

Von einer anderen Herzensangelegenheit erzählen Cristina Karrer und Werner Schweizer in ihrem Dokfilm «Hidden Heart» (ab Frühling im Kino). Vor dem Hintergrund der Apartheid rollen sie den Fall der ersten Herztransplantation auf, die 1967 in Kapstadt vollzogen wurde. Der weisse Arzt, ein Strahlemann und Schürzenjäger, wurde zu einer Ikone des medizinischen Fortschritts, dinierte mit Sinatra und Lollobrigida, schaffte es bis aufs Cover des «Spiegels». Sein schwarzer Assistent durfte sich erst kurz vor seinem Tod von der neuen Regierung eine bronzene Medaille umhängen lassen.

Es ist eine sagenhafte Story mit vielen Leerstellen, die der Film nicht spekulativ zu füllen versucht. Der schwarze Gehilfe bleibt auch hier im Schatten des mondänen Chirurgen. Wer welches Herz verpflanzt hat, bleibt unklar. Klar wird aber der makabre Rassismus eines Arztes, der keinen Unterschied sieht zwischen weissen und schwarzen Herzen – nur dass er meinte, schwarze Spender nicht fragen zu müssen, wenn er Herzen für weisse Patienten nötig hatte. (flo)

www.agent-provocateur.ch

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