Schweiz

«Into the Wild»

Für die Wildnis ist der junge Mann nicht geboren

05. Februar 2008, 15:58 – Von Markus Schneider

Von wegen zurück zur Natur! In seinem neuen Film «Into the Wild» erzählt Sean Penn meisterhaft von den Irrwegen eines jungen Aussteigers.

Einst war er angehender Harvard-Jurist, jetzt ist der Rucksack sein anhänglichster Freund: Emile Hirsch als Neohippie.
PD Einst war er angehender Harvard-Jurist, jetzt ist der Rucksack sein anhänglichster Freund: Emile Hirsch als Neohippie.

Dieser Film hätte schrecklich schief gehen können. Denn sein Held, ein junger Aussteiger namens Christopher McCandless (gespielt von Emile Hirsch), schrammt auf seiner Reise durch die Provinz ständig an der Grenze zum Selbsterfahrungskitsch entlang. Doch es gehört zu den meisterlichen Momenten von «Into the Wild», wie sich Regisseur Sean Penn mit stoischer Ruhe weigert, mit der psychologischen Karte zu trumpfen. Zwar legt er allerlei Spuren, die ins Innenleben seines Helden führen. Er schleppt uns ungerührt durch alle möglichen sozialen, biologischen und psychischen Extremsituationen, lässt uns McCandless' Tagebuchnotizen lesen und seine Schwester in verschwommenen Rückblenden von der Kindheit berichten. Doch am Ende fügt sich daraus keine Erklärung für die Entschlossenheit, mit der sein Held sich «Into the Wild» aufmacht, in die Wildnis.

Glück gibt es nur als geteiltes

Dort stirbt McCandless im Frühjahr 1992, genau genommen an den Folgen eines dummen Versehens, in Wahrheit an Hybris und naiver Selbstüberschätzung. Jedenfalls ist dies die Wahrheit, die Penn (der auch das Drehbuch geschrieben hat) aus Jon Krakauers US-Bestseller über die wahre Geschichte des Christopher McCandless herausgelesen hat. Die dreht sich im wesentlichen um einen jungen College-Absolventen aus gutem Hause, der sich den bürgerlichen Zwängen entzieht und auf eine zweijährige Pilgerfahrt geht, um sich in der Abgeschiedenheit der Wälder Alaskas ein paar existenzielle Hinweise zu holen.

Penn erzählt das nicht chronologisch, sondern sprunghaft als einen «rite de passage» vom Ende der Kindheit. Der Weg führt an die sozialen Ränder der USA, in ein Amerika der Aussenseiter und bis in die Einsamkeit der Natur, wo McCandless ganz am Ende den Wert des Sozialen zu schätzen lernt: «Happiness is real only when shared», Glück gibt es nur als geteiltes. So notiert er in seiner Eremitenklause, einem ausgemusterten Schulbus in menschenferner, durch die Schneeschmelze fatal abgeschiedener Berglandschaft, bevor er mit verklärtem Blick und vollkommen entkräftet den letzten Seufzer tut. Längst hat er da seine alte Identität als angehender Harvard-Jurist abgeschüttelt, ist Papiere, Kreditkarte und Auto losgeworden, hat das Uni-Geld an Oxfam gespendet und nennt sich ebenso eitel wie ungewöhnlich selbstironisch Alexander Supertramp.

US-Kritiker sahen «Into the Wild» bereits als eine Art Fortsetzung von «Easy Rider», Dennis Hoppers Road-Movie in den amerikanischen Traum von 1969, das zwei hippieske Aussteigertypen durch die bigotten Provinzen schickt, bevor sie von Bauern über den Haufen geschossen werden. Eine gewisse Nähe zeigt «Into the Wild» aber auch zur aktuellen Neuauflage des Sixties-Folk unter dem Sammelbegriff «New Weird America». Dessen Vertreter wie Devendra Banhart, Joanna Newsom oder Coco Rosie verbreiten in ihrer Musik eine leicht weltflüchtige Identitätsskepsis und wirken dabei ähnlich kommunitär wie Alexander Supertramp, wenn er bei einem Auftritt in einem Hippie-Dorf eine jugendliche Sängerin am Klavier begleitet.

Amerikanische Naturphilosophie

Was diesen Neuen Folk, das alte Roadmovie und Penns jungen Aussteiger verbindet, ist vor allem der Bezug auf die amerikanische Naturphilosophie des 19. Jahrhunderts und den Moralismus eines Henry David Thoreau. Der nutzte in seinem Buch «Walden» (1854) den Rückzug in die Natur zur zivilisationskritischen Reflexion über Gesellschaft und Ökonomie. Dabei schliesst sein Naturbegriff die Kultivierung und Beherrschung durch den Menschen mit ein – so wie Dennis Hopper und Peter Fonda in «Easy Rider» trotz Bikes, LSD und psychedelischen Gitarren irgendwie der Essenz amerikanischer Freiheit verbunden blieben und Devendra Banhart auch synthetische Klänge in seinen musikalischen «Naturalismus» fügt. Alexander Supertramp seinerseits lernt das einfache Leben auf einem Traktor oder beim Jagen, auch wenn ihm das Elchfleisch von Maden zerfressen wird und er am Ende durch eine giftige Wurzel umkommt.

Die Natur zeigt Penn grandios, rätselhaft und streng. Immer wieder steht sie monumental unbeseelt in Stein-, Gras-, Schnee- und Wasserfarben. Umgekehrt ist McCandless keineswegs ein einzelgängerischer Freak. Emile Hirsch spielt ihn in einer schillernden, seltsam entsexualisierten Mischung aus Arroganz, Offenheit und Weltvertrauen, der die meisten Leute verfallen, die ihn kennen lernen. Ein alterndes Hippiepärchen (Catherine Keener und Debütant Brian Dierker als zeitgegerbte Stoiker) nimmt ihn unter seine Fittiche; einem beiläufig kriminellen Farmer (ein prachtvoll vitaler Vince Vaughn) hilft er bei der Weizenernte; und ein vereinsamter Witwer (ein berührend-verhaltener 82-jähriger Hal Holbrook), den er am Rande der Wüste trifft, will ihn sogar adoptieren.

Am Ende jedoch lässt McCandless diesen Alten und die anderen neuen Mitglieder seiner Ersatzfamilie genauso zurück wie zuvor seine biologischen Eltern. Penn vermeidet dabei Mitleid ebenso wie Sentimentalität. Vielmehr erzählt er mit solidarischem Respekt vor einer Lebenshaltung, die bei aller Selbstgerechtigkeit weniger von diffusem, amerikanischem Freiheitsdrang getrieben ist, sondern wie seine zeitgenössischen und historischen Verbündeten nach den Bedingungen des Zusammenlebens sucht. Wenn auch am falschen Ort.

Into the Wild (USA 2007). 148 Min. Regie u. Drehbuch: Sean Penn. Mit Emile Hirsch, William Hurt, Catherine Keener u.a.

Spielzeiten und -orte, siehe Übersicht im Züritipp .

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Strategischen Einkäufer ERGO Consult AG, ZH BL

Qualitätsingenieur ERGO Consult AG, LU

Head of Logistics & Warehousing Engineering Management Selection E.M.S. AG, BS