Schweiz

«Rusalka»

Moskau ist ein Dschungel, der Film darüber ein Traum

24. Juni 2008, 16:10 – Von Florian Keller

Im Kinomärchen «Rusalka» geht eine Heldin mit Träumen und Bodenhaftung durchs postkommunistische Russland.

Eine Moskauer Liebe in Zeiten von Mobiltelefon und Mammutkonzernen.
PD Eine Moskauer Liebe in Zeiten von Mobiltelefon und Mammutkonzernen.

Moskau einfach! Was für uns nach einer längst verhallten Drohparole klingt, ist für das Mädchen Alisa ein grosses Versprechen. In ihrem Kaff am Schwarzen Meer wirds ihr zu öd, also stellt sich Alisa auf den Pier und beschwört einen Sturm herauf: Und wie sie ins Meer hinaus pustet, tost es tausendfach zurück. Ein Orkan fegt über das Küstendorf, und schuld an der Katastrophe ist Alisa.

Wir sehen: Hier, im Wunderland der russischen Regisseurin Anna Melikian, gehen Wünsche noch in Erfüllung. Mit «Rusalka» knüpft sie sehr lose bei Hans-Christian Andersens Märchen von der Meerjungfrau an, und auch Antonin Dvoáks gleichnamige Oper klingt an: Als ihr Kindertraum von der Ballettschule platzt, beschliesst die kleine Alisa zu schweigen, und so geht sie fortan wie Dvoaks Opernheldin wortlos durchs Leben. Der Sturm sorgt dann dafür, dass die stumme Alisa samt dicker Mutter und dürrer Oma in der Betonwüste von Moskau strandet – und was als verträumte Burleske an der flachen Küste anfing, verwandelt sich in ein modernes Märchen im Reklamedschungel der Grossstadt.

In Moskau findet Alisa einen Job, bei dem sie mit niemandem zu reden braucht. Sie verkleidet sich als menschengrosses Mobiltelefon mit einem Lächeln auf dem Display. Als leibhaftige Handy-Werbung spaziert sie durch die Strassen, die Einsamkeit schön gepolstert in dieser grotesken Verkleidung. Ihre Sprache findet sie erst wieder, als sie – wieder ganz die kleine Meerjungfrau – einen schönen jungen Geschäftsmann aus dem Fluss zieht. Der hat sich nach einer Party besoffen ins Wasser gestürzt und pflegt tagsüber ein Business, das die kapitalistischen Auswüchse im neuen Russland schön ins Absurde überzeichnet: Der smarte Märchenprinz verkauft Grundstücke auf dem Mond. Alles, was er noch braucht, ist ein apartes Mondgesicht, um seine Idee zu vermarkten.

Man hat «Rusalka» schon als russische Antwort auf «Le fabuleux destin d'Amélie Poulain» bezeichnet, aber das trifft es höchstens zur Hälfte. Wie Jean-Pierre Jeunet mit seiner fabelhaften Amélie träumt auch Anna Melikian von einer Verzauberung des Alltags; und wie Jeunet hat sie dabei mehr die perfekt ausgeklügelte Einzelszene als den grossen erzählerischen Bogen im Auge. Da stimmt jedes Detail, und der Soundtrack ist gut geölt mit schmissigem Pop.

Preiswürdig

Aber wer im Wunderland von «Amélie» zu sehr das digital gepützelte Designerkino sah, wird inmitten der surrealen Einsprengsel in «Rusalka» eine gut geerdete Heldin finden: In der Rolle der Alisa wirbelt die resolute Masha Shalaeva ganz ohne treuherzigen Rehblick durch die Grossstadt – und wundern wir uns nicht, wenn das romantische Happyend ausbleibt. «Rusalka» ist die Talentprobe einer Regisseurin, die beweist, dass sie alles drauf hat. Gut möglich, dass sich Anna Melikian mit diesem Film ein Ticket nach Hollywood löst – am Sundance-Festival, dem amerikanischen Mekka des Independent-Kinos, wurde sie für «Rusalka» schon mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

Rusalka (Russland 2008). 115 Minuten. Regie und Drehbuch: Anna Melikian.

Spielzeiten und -orte, siehe Übersicht im Züritipp .

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