Alex und das Leiden an der Zweigeschlechtlichkeit
29. Juli 2008, 15:59 Von Christoph SchneiderEindeutig zweideutig: Der argentinische Spielfilm «XXY» erzählt mit Respekt und voller Poesie von der Gefühlswelt eines Teenagers zwischen den Geschlechtern.
Es heisst ja christlicherseits, der Herr habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, «als Mann und Frau schuf er sie» und punktum. Aber das könnte uns so passen. Wie immer das auch war mit der Entstehung der Geschlechter, manchmal verhält es sich nicht so einfach mit der Ordnung der X- und der Y-Chromosomen.
Die griechische Mythologie erzählt von der Zwei- oder Zwischengeschlechtlichkeit in der Geschichte vom Sohn des Hermes und der Aphrodite, einem überaus schönen, aber ein wenig prüden Jüngling, den die Nymphe Salmacis in ihrem Teich derart stürmisch umarmte, dass sie mit ihm verschmolz und aus Hermaphroditus ein Wesen wurde, das weder Mann war noch Frau und doch beides.
Die heilige Würde
Die Beschreibung, wie der Zwitter in die Welt kam, war gewiss nicht genetisch exakt, aber poetisch offen. Sie gab einem dritten Geschlecht so etwas wie eine heilige Würde – und das ist mehr, als was intersexuelle Menschen von der aufgeklärten Gegenwart, die sich nicht mehr mit Nymphen, aber dafür mit Chromosomensätzen und Hormonhaushalten auskennt, meistens zu erwarten haben. Die auf Eindeutigkeit fixierte Vernunft brachte es nämlich nur zum Mitleid mit Kranken und hat nun so ihre medizinischen Kastrationsmethoden.
Für die argentinische Regisseurin Lucia Puenzo – auch sie eher poetisch bewegt als biologisch präzis – ist der männlichweibliche Chromosomensatz XXY, den sie zum Filmtitel machte, eine hermaphroditische Metapher voll Hoffnung und Pessimismus. Sie steht über einem stillen, konkreten Drama der Intersexualität und der Normalität, die es nicht bös meint, sich aber für so normal hält, dass sie geradezu gewalttätig wird in ihrer genetischen Bigotterie.
Puenzos Erstling erzählt von Alex (Ines Efron), die/der mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren wurde. Die Eltern sind früh mit dem Kind aus Buenos Aires nach Uruguay ans Meer gezogen, weg von den wohlmeinenden Ratschlägen und den Chirurgen, die gern aus zwei eins gemacht hätten. Jetzt ist Alex fünfzehn, ein ephebenhaftes Mädchen, wie es aussieht, denn es nimmt Kortison gegen den Bartwuchs; und vor allem der Vater, ein Biologe, schützt diesen Tochtersohn wie eine der bedrohten Schildkröten, die sein stark symbolisches Forschungsgebiet sind (und, nebenbei, eine der archaischen Tierarten, deren Geschlecht nicht von den Genen, sondern von der Aussentemperatur abhängt).
Trotzdem war nicht zu verhindern, was verhindert werden sollte: dass die Eltern ihr Eindeutigkeitsbedürfnis doch nicht ganz unter Kontrolle bekommen; dass Alex doch nicht zu bewahren ist vor der brutalen Neugier der Normalität; und dass sich in ihr/sein pubertierendes Selbstbewusstsein das leise Gefühl schleicht, ein Doppelgeschlecht sei eine monströse Abirrung. Die Mutter hat bereits einen befreundeten Arzt kommen lassen, dem das Skalpell gewissermassen locker sitzt, weil er schon den eigenen Sohn kaum aushält, der zarte Zeichen von Schwulsein zeigt. Eine etwas konstruierte Problemstellung, mag sein. Aber das führt nun, dramatisch klug und realistisch, vom Problem nicht zur Lösung, sondern zum Zweifel. Nicht zur Entscheidung für ein Geschlecht, sondern zur Frage, ob eine Entscheidung möglich und überhaupt nötig sei.
Der Titel «XXY» allerdings ist offenbar ein Unsinn, wie man einigen seriösen Internetseiten zur Intersexualität entnimmt. Er bezeichnet den Chromosomensatz von durchaus «normal» gebauten Männern mit dem so genannten Klinefelter-Syndrom. Das führt zur Unfruchtbarkeit und behindert die sichtbare Vermännlichung, ist aber kein Fall für die geschlechtszuweisende Chirurgie. Alex hingegen, soweit der Film eine Diagnose liefert, zeigt in ihrer/seiner scheinbaren Doppelgeschlechtlichkeit die Eigenschaften des Androgenitalen Syndroms: Dabei weist ein Mensch mit dem weiblichen Chromosomensatz XX wegen einer Überproduktion männlicher Hormone in der Nebennierenrinde vermännlichte äussere Genitalien auf. Daran hat die Medizin jahrzehntelang herumgeschnitten, noch bevor ein Zwitter für sich selbst reden konnte (auch weil eine Frau scheints leichter herzustellen ist als ein Mann). Und Betroffenen-Verbände befürchten jetzt vielleicht zu Recht, dass eine ungenaue Kunst den wissenschaftlichen Nebel für überforderte Eltern verdichtet.
Kann man Gefühle wegoperieren?
Der Laienverstand neigt aber dazu, das diesem Film nachzusehen. «XXY» in seinem Mangel an wissenschaftlicher Präzision scheint weniger Debattenbeitrag als Anregung zur Debatte. Denn es geht darin ja um die innere Wahrheit eines Blicks in die ohnehin inoperable Gefühlswelt und nicht um die Genauigkeit eines biologischen Seminars. Und hier wahrt Lucia Puenzo sehr sorgfältig den Respekt vor ihrem Thema und führt glaubwürdig und exemplarisch ein paar Menschen in ihren Widersprüchen zusammen: in ihrer informierten Ahnungslosigkeit, in ihrer leicht zu irritierenden Toleranz, in ihrer hilflosen Zuversicht und im glücklich-unglücklichen Begehren.
Das ist die Stärke des Films, der sich die Biologie metaphorisch etwas zurechtgebogen hat. Er fragt im Kleinen nach dem Grossen: ob die Zivilisation so weit sei, ein drittes Geschlecht auszuhalten; und wenn sie es sei, ob das zivilisierte Individuum mit seinen unzivilisierten Beschränkungen es auch zustande brächte. Das hat dann nicht in erster Linie mit der Differenzierung von Chromosomen und Hormonen zu tun.
XXY (Argentinien/Frankreich/Spanien 2007). 86 Minuten. Regie: Lucia Puenzo. Mit Ines Efron, Martin Piroyansky, Ricardo Darin u. a.
In Zürich ab Donnerstag im Kino Riffraff.
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