«Eine Mischung aus beschränktem Denken, Scham und Verdrängung»
01. November 2007, 07:14Der Musiker Paul Gulda über seinen Verein in Gedenken an das Massaker von Rechnitz und das lange Schweigen der Industriellenfamilie Thyssen.
Mit Paul Gulda sprach Bernhard Odehnal in Wien
Der österreichische Pianist und Komponist Paul Gulda, 46, bemüht sich seit 1991 mit dem Verein «Refugius», die Erinnerung an das Massaker von Rechnitz wachzuhalten und die Ereignisse rund um das Fest auf Schloss Batthyany und die anschliessende Erschiessung von 200 jüdischen Zwangsarbeitern aufzuklären. Die jüngsten Berichte über die Verwicklung der Gräfin Margit Batthyany, geborene Thyssen, in das Massaker sieht Gulda auch als Chance, die letzten Geheimnisse von Rechnitz zu lüften und das verschollene Massengrab doch noch zu finden.
Ihr Verein «Refugius» beschäftigt sich seit 16 Jahren mit dem Massaker von Rechnitz. Verstehen Sie, warum die Erschiessung von 200 jüdischen Zwangsarbeitern gerade jetzt Schlagzeilen in der Weltpresse macht?
Die Geschichte entfesselt eben die Fantasie: Da ist die Gräfin Margit Batthyany, die aus der prominenten, aber unbeliebten Industriellenfamilie Thyssen stammte. Da gibt es in den letzten Kriegstagen ein Fest auf Schloss Rechnitz mit prominenten Nazis, und dann erschiessen die Festgäste 200 jüdische Zwangsarbeiter. Leider wird die Geschichte jetzt auf die Rolle der Adelstussi bei diesem Massaker reduziert. So ist es halt sexy und erzeugt Gruseln und Auflage.
Was sollte darüber hinaus gesagt werden?
Zum Beispiel, dass es von Kriegsgewinnen, wie sie die Thyssens gemacht haben, bis zur direkten Verstrickung in die Mordtat nur ein kleiner Schritt ist. Oder dass es doch die gleiche Geschichte ist, wenn heute die Firma des US-Vizepräsidenten Dick Cheney im Irak Millionen macht, die Verantwortung für die politisch letztlich legitimierten Übergriffe auf die gemeinen Soldaten abgeladen wird. Anderseits: Es wäre schon gut, wenn durch die jüngsten Medienberichte in Rechnitz und darüber hinaus klar wird, dass reiner Tisch mit der Geschichte gemacht werden muss. Sonst wird dieses Gespenst immer wieder aus der Erde kommen.
Stellen sich die Rechnitzer heute ihrer Vergangenheit?
In Rechnitz sehen wir ganz Österreich und seinen Umgang mit der Vergangenheit wie in einer Nussschale. Es gibt Grund zu vorsichtigem Optimismus: Die alten Sturköpfe sind entweder gestorben oder aus der Politik ausgeschieden. Die Menschen denken um.
1994 erschien über das Massaker von Rechnitz der Dokumentarfilm «Totschweigen». Dieser Titel würde heute nicht mehr passen?
Nein. Zwar nehmen an unseren jährlichen Gedenkfeiern nur wenige Rechnitzer teil. Aber es gibt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Auch wollte der Film ja seinem Titel gerecht werden: Die Aktivitäten unseres Vereins wurden nicht erwähnt – es hätte nicht zur These des Verschweigens gepasst.
In neuen Berichten über das Massaker wird Ihre Gruppe ebenfalls nicht erwähnt.
Sie verkaufen sich auch viel besser, wenn darin die Rechnitzer als stur und unbelehrbar dargestellt werden. Man sieht nur das, was man ohnehin schon immer geglaubt hat. Da gibt es viel Schlamperei im Denken und in der Arbeit.
Sie geben aber zu, dass auch Sie Fehler im Umgang mit den Rechnitzern gemacht haben?
Wir sind zum Beispiel einmal aufgetreten wie die beleidigten Leberwürste, weil der Gemeinderat unsere Forderung abgelehnt hat, in Rechnitz ein Haus für Asylbewerber zu errichten. Wir sassen damals auf dem hohen Ross der Moral. Wir hielten uns für die Guten.
Der ehemalige Gauleiter Tobias Portschy lebte in Rechnitz bis zum seinem Tod 1996. Hat seine Anwesenheit die Rechnitzer eingeschüchtert?
Unbedingt. Portschy war als Jurist eine Respektsperson und bis in die Neunzigerjahre als Mitglied der FPÖ politisch tätig. Sein Neffe war als Besitzer einer Elektrofirma ein wichtiger Arbeitgeber, seine Frau hatte ein Wirtshaus, in der die Sozialdemokratische Partei ihre Bälle veranstaltete. Im Südburgenland war die gebildete Schicht protestantisch und deutschnational: Für die Nazis ein leichter Boden. Und es waren immer die Lehrer dabei.
Hatten Sie je Kontakt zur Familie Thyssen?
Zu Beginn meiner Arbeit für «Refugius» nahm ich Kontakt zum Sohn von Margit Batthyany in Hamburg auf und dachte naiv, er würde uns helfen. Aber er antwortete nur, dass er sich zunächst einmal um sein Erbe kümmern müsse, weil seine Mutter das halbe Vermögen einem Schiffsarzt vermacht habe. Später begegnete ich ihm in Rechnitz im Gasthaus. Er kam gerade von einem Jagdausflug, sah mich mit glasigen Augen an und sagte: «Ach ja, Sie sind der von der Judenhilfe.» Das war eine Mischung aus beschränktem Denken, Scham und Verdrängung. Da war nichts zu erreichen. Der prominente Name Thyssen half in Rechnitz sicher mit, dass so lange alles verschwiegen und vertuscht wurde.
Und nach dem Krieg profitierten viele vom Verkauf des Schlossgrundstücks?
Erst brannte das Schloss ab. Angeblich wurde es von der SS angezündet. Es ist aber auch vorstellbar, dass die Besitzer belastende Beweise vernichten wollten. Dann wurde der Grund parzelliert und verkauft. Da machten gewisse Familien ein gutes Geschäft, die natürlich kein Interesse an Aufarbeitung der Vergangenheit haben.
Margit Batthyany starb 1989 auf dem Anwesen der Familie Thyssen im Tessin. Wäre es hilfreich, wenn ihre Verwandtschaft und ihre Nachkommen mehr Interesse der Vergangenheit von Schloss Rechnitz zeigen würden?
Ja. Sie könnten zumindest Signale senden, dass sie Interesse an einer restlosen Aufklärung des Massakers haben. Dass Margit Batthyany selbst an den Erschiessungen teilgenommen hat, ist denkbar, aber nicht beweisbar. Sie war darin verstrickt, das genügt. Dass sich die Nationalsozialisten in ihrem Schloss einquartierten, konnte sie wohl kaum verhindern. Aber sie hätte nicht dort bleiben und dann noch an einem Fest in den letzten Kriegstagen teilnehmen müssen.
Hat sich Margits Nichte Francesca von Habsburg jemals für die Geschichte von Rechnitz interessiert?
Nein.
Und die Familie Batthyany?
Die Batthyanys sagen, dass sie immer gegen die Nationalsozialisten waren und die Thyssen-Tochter diesen Dämon durch die Heirat mit Ivan Batthyany durch die Hintertüre hereingelassen habe.
Ist das glaubwürdig?
Durchaus. Der österreichische Adel konnte ja schon von seiner erzkatholischen Haltung her nicht viel mit Hitler anfangen.
Welche Aufgabe hat Ihr Verein heute?
Wir halten den öffentlichen Druck aufrecht: Die Suche nach dem Massengrab der 200 Ermordeten muss weitergehen. Wir werden auch weiterhin Gedenkfeiern und Symposien veranstalten. Und in Rechnitz soll eine zentrale Gedenkstätte für den Südostwall entstehen. Leider scheiterte ein erstes Projekt am Widerstand des sozialdemokratischen Landeshauptmannes Karl Stix. Dem war das zu heiss.
Können die Überreste der Massakeropfer noch gefunden werden?
Die Chancen dafür stehen 50 zu 50. So oder so bleibt die Einrichtung einer Gedenkstätte ein würdiges Ziel.
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