Wagner kam, die Zürcher applaudierten und bezahlten
13. Mai 2008, 16:32 Von Susanne KüblerGleich zwei Bücher beschäftigen sich mit Richard Wagners Zürcher Jahren. Und räumen dabei mit Mythen auf, die Wagner selbst kultiviert hatte.
1850 liess sich der damals 37-jährige Richard Wagner, steckbrieflich gesucht nach dem Dresdner Mai-Aufstand von 1849, in Zürich nieder. Die Wahl seines Exilortes war zufällig, zunächst hätte er Paris vorgezogen. Aber schliesslich, so schrieb er später in seiner Autobiografie «Mein Leben», war ihm dieses «von aller öffentlichen Kunst gänzlich entblösste Zürich» gerade recht.
Nun haben sich gleich zwei Autoren darangemacht, Wagners Behauptung des kunstlosen Zürich – und etliche weitere – in aller Gründlichkeit zu widerlegen: Eva Martina Hanke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am hiesigen Musikwissenschaftlichen Institut, und Chris Walton, ehemaliger Leiter der Musikabteilung der Zürcher Zentralbibliothek und derzeit Musikwissenschaftsprofessor in Südafrika. Beide beschreiben (Walton auf Englisch) die Höhen und Tiefen in der Geschichte des Zürcher Aktientheaters, das 1833 in der ehemaligen Barfüsserkirche seinen Betrieb aufgenommen hatte; die vielfältigen Aktivitäten der Allgemeinen Musikgesellschaft; die diversen Versuche, ein festes Orchester zu gründen; und die Zürcher Hautevolée, die diesen Musikbetrieb förderte, bezahlte und genoss.
Wagner, der «geniale Fremdling» (Bernhard Spyri in der «Eidgenössischen Zeitung»), beteiligte sich in den gut acht Jahren seines Aufenthalts aktiv am Kulturleben, das für eine Stadt von erst 17'000 Einwohnern durchaus bemerkenswert war. Und er fand hier Leute, die ihm applaudierten, seine Schulden bezahlten, an seine Pläne glaubten: Zürich bot ihm ein «gesundes», ein «freundliches» Netz, wie er in seinen Briefen unablässig lobte. Wie dieses Netz beschaffen war, darüber sind sich Eva Martina Hanke und Chris Walton einig; dennoch lesen sich ihre Darstellungen von Wagners Zürcher Zeit ziemlich unterschiedlich.
Rumoren in den Eingeweiden
Hanke schält in ihrer flüssig geschriebenen Dissertation die grundsätzlichen Konstellationen heraus: Sie beschreibt, wie die Zürcher Gesellschaft damals funktionierte, welche Flüchtlingspolitik verfolgt wurde, wie die Presse auf Wagner reagierte. Sie stellt sich die Frage, wie seine hier entstandenen Werke und Schriften mit dem Zürcher Umfeld zusammenhängen. Und sie schildert ausführlich die Anfänge jener Festspielidee, die Wagner später in Bayreuth realisierte.
Waltons Darstellung ist kleinmaschiger, und sie geht sehr nahe an die Protagonisten heran (oder gar in sie hinein: Während Hanke das ungewöhnliche Vorspiel zum «Rheingold» mit der Freiheit erklärt, die Wagner hier abseits vom internationalen Opernbetrieb gefunden hatte, macht Walton in ironischer Überspitzung das chronische Rumoren in seinen Eingeweiden für den klanglichen Einfall verantwortlich). Stärker als für Institutionen interessiert sich Walton für Menschen; von Wagners Bekannten kommt er auf deren Bekannte oder Vorfahren zu sprechen. Das Resultat ist ein höchst lebendiges, notgedrungen etwas unübersichtliches Bild des damaligen Zürich, das aber dank einem – bei Hanke fehlenden – Register gut erschliessbar ist.
Walton kennt wie Hanke die Quellen zu Wagners Zürcher Zeit in- und auswendig, aber im Unterschied zu ihr erlaubt er sich gewisse Spekulationen bei der Interpretation. Vor allem, wenn es um das Ehepaar Wesendonck geht: um Mathilde, die Muse, und Otto, ihren Gatten. Waltons Porträts der beiden unterscheiden sich mit nachvollziehbaren Argumenten stark von jenen, die Wagner selbst und die Wagner-Literatur bisher gezeichnet hatten. Mathilde ist für ihn keine blosse Schwärmerin, sondern eine intellektuelle, bei aller Faszination für ihren Verehrer kühl kalkulierende Frau, die Wagner bewusst zappeln liess, um dann doch bei ihrem weitaus vermögenderen Ehemann zu bleiben.
Damit entspricht auch dieser nicht länger der Karikatur des gehörnten Gatten, der er vermutlich eben gerade nicht war. Walton zeigt ihn in jener Rolle, die Wagner gern für sich selbst in Anspruch genommen hätte: als «Erfinder» seiner Mathilde, die eigentlich Agnes hiess, die er aber nach seiner ersten, früh verstorbenen Frau kurzerhand umbenannte. Wesendonck war der wichtigste Geldgeber Wagners, im Verhältnis zu seinem Besitz hat er mehr für ihn ausgelegt als später Ludwig II.; und die im damaligen Zürich viel diskutierte Nähe Wagners zu Mathilde hat ihn nicht daran gehindert, später die Bayreuther Festspiele finanziell zu unterstützen.
Wagner, immer weiter
Man muss Walton nicht in alle Verästelungen seiner Spekulationen folgen; die Mutmassungen über inzestuöse Tendenzen als Gemeinsamkeit zwischen Wagner und Otto Wesendonck gehen auch nach seiner eigenen Einschätzung sehr weit. Aber seine Darstellung des Paares wird ihre Folgen für die Wagner-Forschung haben.
Auch Eva Martina Hanke wird sich wohl damit beschäftigen. Bei ihr bleiben die Wesendoncks dezent im Hintergrund – weil sie bewusst eine wissenschaftliche Distanz zu den Figuren hält, vor allem aber, weil ihre Arbeit Wagners letzte Zürcher Jahre und die Arbeit an der oft autobiografisch gedeuteten Dreiecksgeschichte «Tristan und Isolde» nicht mehr einbezieht. Dafür kündigt sie eine Folgestudie an, und man wird auch diese mit Interesse lesen: Dass man mit Wagner nie abschliessend fertig wird, zeigt gerade der Vergleich dieser so ähnlichen und doch so unterschiedlichen Bücher.
Eva Martina Hanke: Wagner in Zürich. Individuum und Lebenswelt. Bärenreiter, Kassel 2007. 402 S., ca. 67 Fr.
Chris Walton: Richard Wagner's Zurich – The Muse of Place. Camden House, 2007. 288 S., ca. 88 Fr.
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Der Zürcher Wagner im Konzert
In drei Konzerten widmet sich das Zürcher Kammerorchester Wagners Zürcher Zeit: Morgen Donnerstag um 19.30 Uhr stehen in der Tonhalle die «Wesendonck-Lieder» und Auszüge aus «Tristan und Isolde» auf dem Programm (mit Matti Salminen, John Treleaven u.a.). Am Sonntag, 11 Uhr, präsentiert das ZKO mit seinem Dirigenten Muhai Tang und der Erzählerin Jolanda Steiner ebenfalls in der Tonhalle «Das Rheingold» für Kinder. Und am kommenden Dienstag, um 19.30 Uhr, gibt es im Rieterpark ein Gesprächskonzert mit dem legendären Bayreuther Pianisten Stefan Mickisch. (TA)
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