Schweiz

Musik-CDs als Luxusobjekte zum Lesen und zum Sammeln

05. August 2008, 16:20 – Von Thomas Meyer

In den Zeiten des Downloadens setzen erfinderische CD-Labels auf fundiert kommentierte und aufwendig gestaltete Präsentation.

Als die Compact Disc aufkam, glaubte man, die Zeiten der prunkvollen goldenen und der poppigen Covers sei vorbei. Hüllen von Langspielplatten hatten sich noch gestalten lassen. Mit dem kleinen Format fiel diese Kunst weg und erst recht mit dem Downloaden.

Nun ist ein gewisser Luxus zurückgekehrt - notgedrungen, denn der Branche fehlen die Einnahmen. Wer kauft sich noch CDs? Eine Möglichkeit, sie zu fördern, ist, sie wieder zu einem besonderen Produkt zu machen, das sich nicht via Computer beziehen lässt und das man jemandem getrost unter den Christbaum oder auf den Geburtstagstisch legen kann, etwas Schönes auch zum Angucken und Anfassen. Das Label ECM hat das längst erkannt. Es folgten Labels wie Winter & Winter oder Alpha - mit Kartonhüllen, sorgfältig ausgewählten Illustrationen, kenntnisreichen Booklettexten.

Jordi Savall, dieser katalonische Pionier der alten Musik, tat einen ähnlichen Schritt mit seinem hauseigenen Label Alia Vox, in dem er Aufnahmen - auch ältere - zu kleinen, durchgestalteten Kunstwerken zusammenstellte. Höhepunkte sind jene Publikationen, die als regelrechte Bücher daherkommen: über Don Quijote, Christoph Kolumbus und zuletzt «La Ruta de Oriente» mit zwei CDs, auf denen Savall und seine Ensembles dem Jesuiten Francisco Xavier (1506-1553) auf seiner Mission rund um die Welt bis nach China und Japan folgen.

Klassische Musik im Buchformat

«Wenn die Welt ein Buch ist, so hat Franz Xaver es von A bis Z gelesen», schreibt Savall dazu und reist mit seinen Ensembles mit. Das bietet Gelegenheit, die verschiedensten Stile vorzustellen. Es sind Zeugnisse eines weltumspannenden, umfassenden Kulturverständnisses. Gewichtig sind auch die Kommentare. Gewiss: Ihre Dicke verdanken die Klangbücher Savalls unter anderem, dass die Texte in fünf bis sieben Sprachen daherkommen. Gesonderte Ausgaben würden das Regal entlasten, aber bedeutend weniger imposant aussehen.

Dem Beispiel der etwas teureren Präsentation folgt nun ein anderes spanisches Label: Glossa. Zum einen präsentiert es eine CD-Reihe als Platinum-Serie - also im höchsten der metallenen Gefühle. Zum anderen erscheinen die Opernaufnahmen von Hervé Niquet (er ist uns von einigen Produktionen in Luzern in bester Erinnerung) im Buchformat: «Sémélé» von Marin Marais und nun auch Jean-Baptiste Lullys «Proserpine». Oper war halt immer ein Luxus, könnte man anfügen. Bei so viel gediegener Aufmachung ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass hier nicht nur gediegen musiziert wird. Marin Marais ist uns zwar vor allem als Komponist für die Gambe bekannt, gerade durch Savall und den Film «Tous les matins du monde» mit Gérard Depardieu, aber er konnte auch effektvolle Opern schreiben. Und Niquet reizt die Dramatik gern bis ins Höllisch-Furiose aus. Vielleicht manchmal in den idyllischen Szenen sogar etwas sehr. Auch «Proserpine» führt uns mit der antiken Sage in die Unterwelt, Gelegenheit für grosse Szenerie; gleichzeitig bewundert man die kurzweilige Eleganz der Musik. Die (französischen) Kommentare stellen die Hintergründe dazu dar.

Diese Bücher bieten also Gelegenheit, sich ganz in diese Werke zu vertiefen und in ferne, vergangene Musiken einzutauchen. Selbstverständlich sind die gesungenen Texte bei Alia Vox und Glossa integral wiedergegeben (andere Labels verweisen schon mal auf ihre Homepages, wo man die Libretti runterladen könne).

Auch das französische Label Naïve präsentiert seine erste Aufnahme mit Marc Minkowski aufwendig in gebundener Form; schliesslich enthält die CD lauter Bijoux von Georges Bizet: Sätze aus «Carmen» und vor allem die Schauspielmusik zu Alphonse Daudets «L'Arlésienne». Auch da sticht neben der hohen musikalischen Qualität, der feinen orchestralen Färbung die schöne Aufmachung hervor: wiederum ein kleines Luxusobjekt. Wenn mans genauer bedenkt, so möchte man meinen, dass diese Art Sorgfalt doch eigentlich der Standard sein sollte.

Francisco Javier: La Ruta de Oriente; Hespèrion XXI; Ltg. Jordi Savall; Alia Vox AVSA 9856.
Marin Marais: Sémélé; Le Concert Spirituel; Ltg. Hervé Niquet; Glossa GES 921614-F.
Jean-Baptiste Lully: Proserpine; Le Concert Spirituel, Ltg. Hervé Niquet; Glossa GES 921615F.
Georges Bizet: L'Arlésienne; Carmen; Les Musiciens du Louvre; Ltg. Marc Minkowski; Naïve V 5130.

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