Kultur

Vom «kreativem Punk» zum Erfolg

06. Oktober 2005, 11:17

Der Zürcher Kameramann Filip Zumbrunn («Strähl») schätzt gescheite Konzepte und die lebendige Diskussion.

Für Filip Zumbrunn hat Film wenig mit Improvisation zu tun.
Für Filip Zumbrunn hat Film wenig mit Improvisation zu tun.
Von Christoph Schneider

Wenn einer mit Erfolg geworden ist, was er immer werden wollte, Kameramann zum Beispiel, dann fragt man ihn gern, wie man etwas wird. Vielleicht sind Rezepte zu erwarten von jemandem, der im Schweizer Film jetzt seinen festen Stand hat als ein Teil dessen, was ein paar sehr Hoffnungsvolle heute bereits ein «Filmwunder» nennen. Aber wie «man» Kameramann wird, weiss der 36-jährige Filip Zumbrunn dann auch nicht; er weiss nur, wie er es wurde. Und was er kann, ist dem gräulich kühlen Realismus von «Strähl» (2003) anzusehen, man ahnt es in den dokumentarischen Tibet-Bildern von «Angry Monk» (so weit die billige Touristenkamera eine visuelle Handschrift zuliess), und man wird es in «Grounding» erkennen, wo es sein wird, als schaue seine Kamera durch Spiegel in die konspirativen Rätsel um die Swissair.

Wahrscheinlich habe er viel vom Vater, der Fotograf sei, sagt Filip Zumbrunn; als Bub habe er halt immer Kameras um sich herum gehabt und früh eine eigene in die Hand gedrückt bekommen, «also habe ich gfötelet». Es kam die im Teenageralter oft auftretende Kinofaszination dazu, ein «wahnsinniger Filmkonsum in vier, fünf Jahren» und, mit siebzehn, der erste eigene Versuch mit der Super-8-Kamera des Onkels, «so ein abstrakter, surrealistischer Kurzfilm», wie es sich gehört. Mehr aus Jux habe er ihn bei den Schweizerischen Jugendfilmtagen eingereicht, aber als er den Gesamtpreis gewann, habe er es doch als Zeichen genommen.

«Jetzt ist fertig assistiert»

Es war noch die Schule zu beenden, danach wars dieser fast schon klischeehaft klassische Weg durch die Filmpraxis, der ganz unten beginnt, dort, wo man den Kaffee kocht (es klingt aber nicht nostalgisch, als Filip Zumbrunn das erzählt: gar nicht nach einer Predigt über die Notwendigkeit, klein anzufangen; andere, sagt er, lernen anders besser). Er habe sich dann «ins Licht hineingearbeitet», was ein wunderbarer Ausdruck ist für all die Jobs als Hilfsbeleuchter und Beleuchter und Schritt für Schritt, als zweiter und erster Assistent, hin zur Kamera, «bis zu dem Moment, wo ich gefunden habe, jetzt ist fertig assistiert», jetzt mache er eine Pause vom Film.

Und da wäre man auch biografisch im Acapulco an der Zürcher Neugasse, jener Bar, wo das Gespräch mit Filip Zumbrunn stattfindet. Zusammen mit Freunden hat er sie damals aufgebaut und betrieben und hat allen Produzenten zu verstehen gegeben, er mache jetzt diesen Abstecher ins Gastgewerbe, sie könnten alle zu ihm eins trinken kommen, und irgendwann komme er wieder zu ihnen, aber nur als Kameramann.

Die Taktik war erfolgreich, und einen Fuss hat er immer noch in der Gastronomie. Sie gebe ihm die Freiheit, sich nicht «krampfhaft» verkaufen zu müssen, sagt er, und dass es vielleicht gar nicht gut wäre, den Film als einzige Lebenslust zu pflegen.

Mag auch sein, dass all die praktischen Erfahrungen sich zu diesem selbstbewussten Wirklichkeitssinn konzentrierten, den man dem Kameramann Zumbrunn anmerkt. Er äussert sich als das sehr konkrete Wissen, dass der Schweizer Film nicht erst heute erfunden wird, sondern von bereits gemachten Versuchen zehrt. Jedenfalls, sagt Zumbrunn, habe er nie das Bedürfnis gehabt, an denen, die ihm etwas beigebracht hätten, an Pio Corradi, Rainer Klausmann und anderen, einen Generationenkonflikt abzuarbeiten: «Ich habe nur gelernt von denen», und man versteht: Von ihnen hat er den Hang zur inhaltlichen Solidität des Ästhetischen.

Aus dem Video-Küchlein

Ein paar künstlerische Grenzpflöcke schlägt sein Selbstbewusstsein im Gespräch dann ein: Am liebsten liest er ein Drehbuch, bevor er den Regisseur trifft, denn immerhin, man verfilme ja das Buch, und es wäre doch schade, ein gutes Projekt zu verpassen, weil man den Regisseur zuerst getroffen und für einen Deppen gehalten habe. Und: Er schätze es, wenn die Regie ihr Medium kenne und mit visuellen Vorstellungen umgehen könne, denn wer das nicht könne, solle lieber einen Roman schreiben. Und: Er gehe notfalls auf Konfrontation, und wenn ein Dialog versande, sei es schon eher so, dass auf der Bildebene passiere, was er für gut halte.

Insgesamt: Filip Zumbrunn ist ein Mann des Konzepts, und keinesfalls ist Film für ihn die hohe Kunst der Improvisation. «Die Zeit, die Regie, Ausstattung und Kamera im Vorfeld miteinander haben, sieht man einem Film an», sagt er. Wenn einzelne Vorstellungen einmal zur farblichen und rhythmischen Harmonie gefunden haben, ist Raum für seine «nahe Kamera», er bewege sich gern mit den Personen und reagiere auf sie, und wenn das gelinge, sei es ein wunderbares gemeinsames Spiel.

Das Wohlbefinden in der Schweizer Filmszene ist derzeit beträchtlich, auch seines. Und er rechnet mit Nachhaltigkeit in einer Produktionsatmosphäre, in der es das Talent leichter habe, mutig zu sein: dank grosszügigerer Förderung, dank dem Fernsehen und dank der billigeren Technik, die das Medium entmystifiziere. Der frische Wind weht jetzt zwar vor allem dort, wo Film gross und teuer wird, das sei schon richtig; aber die Leute kämen doch alle aus der gleichen Ecke, der Michael Sauter, der Lukas Hobi, alle aus diesem «Super-8- und Video-Küchlein» und dem «kreativen Punk».

Es fehlt ein wenig Wahnsinn

Wobei es vermutlich und leider wieder eine Verbindung gebe zwischen Business und Bravheit. Es fehle ihm im ganzen Talentschub ein wenig Wahnsinn, sagt Filip Zumbrunn, «diese Gestörten mit dem tiefdunklen Keller im Kopf», die mehr umtreibe als ein gymnasiales Beziehungsdrama. Er übrigens habe kein Drehbuch in der Schublade, und an Regie denke er nicht, dazu müsse man «brennen» und der Menschheit etwas mitteilen wollen. Er filme nur seine zweijährige Tochter mit dem Handy, diese Telefonfilmchen glichen auf dem Computer dann den Super-8-Filmen seines Vaters, «nur surren sie beim Abspielen nicht mehr so schön».

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