«Der Schnitt ist eine Kritik an der Dreharbeit»
25. März 2006, 08:27Der Cutter Mike Schaerer hat Regie gelernt: Wenn er Filme schneidet, sucht er nach dem Kern und dem richtigen Tonfall einer Geschichte.
Von Christoph Schneider
Es ist nicht wahr, dass auf dem Weg in die Praxis die Träume zwangsläufig verloren gehen. Es kommen manchmal sogar neue dazu, und die alten müssen auf ihre Verwirklichung vielleicht nur etwas länger warten. Der Cutter Mike Schaerer, in Aarau geboren, ist gern, was er ist, ausserdem ist er vor einer Woche erst einunddreissig geworden und hat lang Zeit, noch zu werden, was er eigentlich werden wollte. 2000 hat er seinen Bachelor of Arts an der New Yorker Filmhochschule im Fach Regie erworben (der Diplomkurzfilm «Warmth» lief dann am 57. Festival von Venedig und gewann in Los Angeles den Studenten-Oscar der Academy of Motion Picture Arts and Sciences). Die Ambitionen auf den eigenen langen Spielfilm habe er nie aufgegeben, sagt er, er schreibe an zwei Drehbüchern. Aber wenn es so weit ist, wird er als Debütant schon mehr ausgewachsene Filme «gemacht» haben als andere Schweizer Regisseure in einer ganzen Karriere.
Der berufliche Umweg wird sich dann wahrscheinlich rentieren und im Grunde gar kein Umweg gewesen sein, weder praktisch noch theoretisch. Inzwischen umfasst Mike Schaerers Filmografie als Cutter - oder als «Editor»: das «Schneiden» hat in diesen digitalen Zeiten seine handwerkliche Buchstäblichkeit ja einigermassen verloren - bereits Fernsehfilme wie «Im Namen der Gerechtigkeit» (2001, Regie: Stefan Jäger), Dokumentarfilme wie Veronika Minders «Katzenball» (2004), Spielfilme wie «Achtung, fertig, Charlie!» (2003, Regie: Mike Eschmann) und «Im Nordwind» (2004, Regie: Bettina Oberli).
Alles für die Gesamtvision
Zufall und Pragmatik spielten da zusammen. Während der Ausbildung, erzählt Schaerer, habe er seine Kurzfilme immer selber geschnitten, «einfach weils praktischer war». In der Schweiz später sei es eine Herausforderung gewesen, sich über den Schnitt an die Dramaturgie des langen Films heranzutasten. Recht flüssig sei das gegangen, müsse er sagen, von Geschichte zu Geschichte, von Erfahrung zu Erfahrung, von Regisseur zu Regisseurin: «Ich wurde da vertraut mit den verschiedensten Schnittmustern.» Und man spürt im Gespräch: Die künstlerische Ungeduld hätte es auch nicht ausgehalten, jahrelang zu warten, nur weil der Ehrgeiz sich an den Traum von der Eigenregie klammert.
Er formuliert es dann ganz vorsichtig, um nicht überheblich zu klingen (aber er weiss natürlich, dass er Recht hat): Der Unterschied sei am Ende gar nicht so gross, «alle guten Kameraleute und alle guten Cutter denken doch in ihrem Teilbereich wie Regisseure», also im Dienst der filmischen «Gesamtvision» und der Klarheit des Erzählens. Wenn er zum Beispiel als Mentor an der HGKZ versuche, Filmstudenten seine Arbeit nahe zu bringen, die ja nicht im Ruf der glamourösesten Kreativität steht, definiere er den Schnitt immer als die «Führung des Zuschauers durch einen Film»: nämlich Führung durch die selektive Verwaltung des Materials; durch den Rhythmus, der so etwas ist wie der visuelle Atem; durch die Entscheidung, was man sieht oder nicht zu sehen bekommt; durch den Fokus auf den Informationsgehalt oder auf die Emotionalität einer Szene. Das seien erzählerische Probleme, die bei den Dreharbeiten nicht alle gelöst werden könnten, geschweige denn im Drehbuch, dieser «ersten Annäherung an die Wirklichkeit einer Idee».
Man versteht (und wenn man Mike Schaerer so erzählen hört, fühlt man es auch): Schnitt, das hat etwas zu tun mit intellektueller Begeisterungsfähigkeit, mehr als mit der Freude an raffinierten Apparaturen. Selbstverständlich mischt er sich ein im Sinn einer besseren Logik, und Harmonie, sagt er, könne da im Schneideraum zwischen Cutter und Regisseur nicht immer herrschen. Aber nicht unbedingt, weil ein Drehbuch schlecht sei, sondern weil eine Geschichte sich eben in Etappen optimiere: «Das Drehen ist eine Kritik am Drehbuch und der Schnitt eine Kritik an der Dreharbeit.»
Der Regisseur bleibt der Chef
Man könnte das eine schöpferische Dienstleistung nennen. Im idealen Fall verständigen sich Regie, Kamera, Ausstattung und Schnitt in intensiven Diskussionen vor dem Dreh über die rhythmischen Grundsätze und die «Haltung» eines Films zum Zuschauer. In der nicht ganz so idealen, aber normalen Praxis - Mike Schaerer weiss: «Man bekommt selten alles» - fehlt es vielleicht doch an Material, um den Rhythmus problemlos zu halten, und das Schneiden wird zur Bastelei. Oder es dauert halt etwas länger, bis ein stolzer Filmautor sich von einigen Lieblingsvorstellungen löst, die sich als dramaturgische Hindernisse herausgestellt haben. Da allerdings kann die Autorität des Cutters enden. «Im Schneideraum bin nicht ich der Chef», sagt Schaerer, und: «Wenn ein Regisseur sagt, die Szene bleibt, dann ist das so, auch wenn ich fünf gute dynamische Gründe dagegen habe, und damit arrangiere ich mich.»
Nein, er knirsche dann nicht mit den Zähnen. Denn er glaubt ohnehin nicht «an den einen richtigen Film», sondern an die spannende Vielfalt der Haltungen und dramatischen Bedürfnisse. Eines sind die eigenen stilistischen Vorlieben, ein anderes ist das Gehör für die Melodie jeder Erzählung. In «Charlie», der Rekrutenkomödie, war es der Versuch, ein jugendliches Publikum nach amerikanischem Genrevorbild zu packen, mit Tempo und ohne chronologische Behäbigkeit. Im Dokumentarfilm «Katzenball» ging es darum, die Balance zu finden zwischen individuellen Geschichten und hundert Jahren Geschichte der lesbischen Frauen in der Schweiz. Jeder Film atmete anders und hat Mike Schaerers Argumentationslust anders herausgefordert. Es sei ja, sagt er, «nicht die Aufgabe des Cutters, alle Filme gleich zu machen». Und das verbindet ihn, der seinen eigenen grossen Film gewiss noch drehen wird, mit der ganzen jungen und begabten Schweizer Filmszene: diese schöne Freiheit von Berührungsangst.
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