Lebenslang gefesselt an die Vormundschaft

12. März 2007, 10:22

Friedrich Glauser geriet früh in einen Teufelskreis aus Geldnot, Morphiumsucht und Anstalts-Aufenthalten. Aber selbst die Psychiatrie inspirierte ihn.

Von Bernhard Echte

Dichter, Künstler, Musiker: Sie zeichnen in der Regel ein positives, wenn nicht gar überschwängliches Bild von Zürich. Nicht so Friedrich Glauser. Seine Beziehung zu Zürich nahm Züge eines Alptraums an – je länger, desto mehr.

Begonnen hatte alles mit einem Befreiungsschlag: Wegen eines maliziösen Artikels über einen Lehrer war Glauser kurz vor der Matur im Genf vom Collège geflogen. Er zog kurzerhand nach Zürich, machte als Externer im Minerva-Institut Abitur und blieb in der Stadt. Man schrieb das Jahr 1916; der Krieg hatte viele junge Autoren und Künstler über die Grenze getrieben, in den Cafés wurde in allen europäischen Sprachen diskutiert. In einem solchen Café lernte Glauser (er hatte sich pro forma für ein Chemiestudium eingeschrieben) den Maler Mopp kennen, der im Reiteranzug mit der Peitsche auf den Tisch schlug und rief: «Schlagt den Bürger tot!» Mopp lud den jungen Glauser ein; drei Tage später kannte er alle Dadaisten und gehörte zu ihrem Kreis.

So weit, so aufregend. Doch bald gabs ein paar Misslichkeiten. Glauser war büchersüchtig. Die Buchhandlung Bachmann in der Kirchgasse wollte ihre Lieferungen aber irgendwann bezahlt haben. Papa Glauser lehnte das ab und zeigte seinen verbummelten Sohn bei der Polizei an. Es wurde ein Beistand für den jungen Nichtsnutz bestellt, Geld gabs nur noch tröpfchenweise.

Erst Äther, dann Morphium

Unterdessen ging der Weltkrieg ins dritte Jahr. Täglich Meldungen von Hunderten, von Tausenden Toten. Die wirtschaftliche Krise erreichte auch die Schweiz. Und in den Zürcher Cafés stritten die «Moraliker» mit den Dadaisten. Glauser schrieb expressionistisch und trat in der Galerie Dada auf. Trakl, Kafka und Mallarmé hatte er auch noch gelesen. Das alles mischte er in seine Erzählungen: «Der Käfer», «Der Sozialist», «Der Leidsucher». Ihr pathetischer Tenor war: Der Mensch ist nicht gut, sondern eine widerliche grelle Fratze.

Geld war damit nicht zu verdienen. Glauser entwickelte sich zum Pumpgenie, lebte von der Hand in den Mund, wobei Zigaretten und Bücher vor leiblicher Nahrung rangierten. Auch Äther nahm er hier und da – die Zeit verlangte nach Betäubung.

Äther greift die Lunge an. Eines Nachts bekam Glauser einen Blutsturz und musste notfallmässig einen Arzt aufsuchen. Dieser gab Glauser Morphium. «Ich erinnere mich noch genau an die Wirkung dieser Einspritzung», schrieb Glauser später. «Plötzlich wurde ich ganz wach. Ein sonderbares, schwer zu beschreibendes Glücksgefühl ‹nahm von mir Besitz› (man kann es kaum anders ausdrücken.» Die Not? Sie war nicht mehr vorhanden. Die Schreibhemmungen? Wie weggeblasen.

Glauser war vom ersten Moment an süchtig. Die Schulden wuchsen in irreparable Höhen. Anfang 1918 verliess er Zürich bei Nacht und Nebel Richtung Genf. Die Vormundschaftsbehörde schrieb ihn zur Fahndung aus und machte aus dem Beistand einen Vormund.

In Genf ging es nicht lange. Ein Apotheker zeigte Glauser wegen Rezeptfälschung an. Der kalte Entzug im Gefängnis rief derart dramatische Begleiterscheinungen hervor, dass man Glauser in die Psychiatrie abschob. Dort, in Münsingen, war man ebenso überfordert. Als sich Glauser die Gelegenheit bot, floh er nach Ascona. Binnen kurzem hatte ihn die Sucht dort erneut in den Krallen. Wiederum Inhaftierung, wiederum Psychiatrie, wiederum Flucht. Im August 1920 tauchte Glauser in Baden auf; sein Dossier auf der Amtsvormundschaft an der Zürcher Brandschenkestrasse umfasste unterdessen mehr als 200 Aktenstücke.

So konnte es nicht weitergehen. Die besten Experten mussten her. Glauser kam ins Zürcher Burghölzli. Dort verfügte man eine Kontaktsperre: keine Besuche, keine Briefe. Also begann er ein Tagebuch zu schreiben, das sich an seine Freundin Elisabeth von Ruckteschell richtet: «Es hätte keinen Sinn, für mich zu schreiben», heisst es darin gleich zu Beginn. Dies sollte bei Glauser so bleiben: Er brauchte immer einen Adressaten. «Mein Zimmer sieht durchaus nicht wie eine Gefängniszelle aus», schreibt er. «Die Gitter davor erheben sogar Anspruch auf eine gewisse Schönheit, die vielleicht nur ein Fehler ist. Vier eiserne Spinnennetze, in denen Matto die dummen Träume der Aussenwelt fängt, damit sie die Ruhe des Himmelreichs nicht stören. Ich schreibe an einem grossen Tisch, Bücher sind um mich.»

Hier stellt sie sich zum ersten Mal ein: diese Ambivalenz, einerseits im Irrenhaus eingesperrt zu sein, andererseits dort Ruhe zum Schreiben zu finden und - Stoff. Matto, der Geist des Wahnsinns, den Glauser anderthalb Jahrzehnte später in seinem berühmten Studer-Roman auftreten lassen wird, hier taucht er zum ersten Mal auf, und zwar gleich mit dem Bild, das später zum Symbol für ihn wird: dem Spinnennetz, das das Fenstergitter nachbildet.

Der Schlangenkomplex

Die psychiatrische Klinik als kreativer Ort wider Willen sollte Glausers Schaffen stärker prägen, als er im Burghölzli ahnen konnte. Schon das Tagebuch zeigt ihn literarisch ganz auf der Höhe. Nach ein, zwei Seiten larmoyanter Jeremiaden bricht der genaue Beobachter und lustvoll-ironische Erzähler in ihm durch. Und unter dem Datum des 16. August 1920 kann man die brillanteste Beschreibung lesen, die wohl je ein Patient von einem ihn untersuchenden Psychiater gegeben hat. «Es ist gut, selber bisweilen dem Psychiater gegenüber den Analytiker zu spielen», lautet Glausers Devise. Und nachdem er den Psychiater fintenreich in die Irre geführt hat, hängt er noch einen «kleinen analytischen Witz» an: «Dr. Gl. intrigiert mein Schlangenkomplex. ‹Wollen Sie mir nicht helfen, ihn zu lösen, Herr Dr.?› ‹Wir sprechen noch darüber.› ‹Ich habe viel darüber nachgedacht. Vielleicht ist es bei mir eine unterdrückte homosexuelle Komponente.› Er, hastig Abschied nehmend, verlegen: ‹Es wird Ihnen schon einfallen, Herr Glauser.› Am liebsten hätte ich gegrinst, es entstand aber nur eine höfliche Verbeugung.»

So blieb der Klinikaufenthalt zwar schriftstellerisch ergiebig, therapeutisch aber völlig wirkungslos. Wenige Wochen nach seiner Entlassung folgte bereits der nächste Rückfall in die Sucht. Und so blieb die Zürcher Amtsvormundschaft an der Brandschenkestrasse, jenes ernste Gebäude hinter düsteren Tannen und einem schweren Felsblock, der Ort, an den Glauser zeitlebens gefesselt blieb.

All seine Versuche, die Bevormundung loszuwerden, blieben erfolglos. Kein Ortswechsel, kein Verlagsvertrag, keine private Entscheidung war ohne Zustimmung des Vormunds möglich. Als er Ende der 20er-Jahre heiraten wollte, erlegten die Eugeniker des Zürcher Sozialamts ihm die Bedingung auf, sich vorher unfruchtbar machen zu lassen. Davon nahm Glauser lieber Abstand. Noch am Ende seines Lebens legte man ihm Hindernisse vor einer Heirat mit Berthe Bendel in den Weg. Glauser überwand sie zwar, aber am Vorabend der angesetzten Hochzeit brach er zusammen und starb 30 Stunden später. Noch viele Jahre nach seinem Tod wurden die Rechte an Glausers immer bekannter werdendem Werk von der Zürcher Amtsvormundschaft wahrgenommen.

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