Kultur

Lieber schreibt er über Roboter als über intergalaktische Krieger

06. Dezember 2007, 23:30 – Von Simone Meier

Der Scienfiction-Autor Herbert W. Franke begann seine Karriere in einem Swimmingpool. Heute liest er in Zürich.

Schwarz gewandete Gestalten springen in den Erzählungen von Herbert W. Franke von einer Mauer herab in den Nebel und fallen in eine andere Welt. Menschen verwandeln sich mit Hilfe ausgeklügelter Maschinen in Zierfische oder werden auf den Mars geschossen, wo sie sich logischerweise nicht zurechtfinden. Es wird gezaubert, was das Zeug hält oder was die Gaskugeln hergeben, und dann geht einer und findet heraus, dass hinter dem ganzen Zauber nur ein Computer steckt.

Damit wären wir schon mittendrin im äusserst populären Faszinosum der Sciencefiction. Mittendrin in den Vorstellungen von anderen Planeten, Zaubermächten, fremdartigen Kreaturen, die fähig sind, Menschen zu durchschauen und oft auch zu vernichten, und vor allem andern: von Robotern, Raketen, Computern, Raumschiffen. Alles eben, was sich ein naturwissenschaftlich geschultes Gehirn an physikalisch Machbarem so ausdenken kann, um den Menschen näher an eine seltsam mittelalterlich durchwirkte Metaphysik heranzubringen.

Debut beim Goldmann Verlag

Es ist eine Welt, die wahrscheinlich – solange es Menschen gibt – nie an ein Ende ihrer Möglichkeiten kommen wird, eine Welt, deren wichtigste und einflussreichste Impulse immer wieder aus Amerika kamen und kommen, dem Land der viel zitierten unbegrenzten Möglichkeiten. So war es denn auch kein Wunder, dass Amerika den 1927 in Wien geborenen Herbert W. Franke regelrecht über Nacht zum Sciencefiction-Autor machte.

Am Mittwochabend im Berner Kornhaus erzählte der Schriftsteller und Doktor der Elektronenoptik, wie er 1960 den Münchner Verleger Goldmann kennen lernte, der meinte, es gäbe da in Amerika eine ganz neue literarische Richtung namens Sciencefiction. Franke, der sich schon seit Jahren mit einer Literatur auseinander gesetzt hatte, die naturwissenschaftlich ausgebildeten Lesern genauso viele in ihrem Feld klassische Codes liefern würde, wie das beispielsweise ein Begriff wie «Ödipus» für die humanistisch gebildete Leserschaft tat, hatte bereits mit Sciencefiction-Kürzestgeschichten herumgepröbelt. Und weil Goldmann unbedingt eine Reihe von acht SF-Bänden herausbringen wollte, aber nur von sieben Amerikanern die Rechte bekam, zwang er seinen Freund Franke, innerhalb von drei Wochen einen anständigen Erzählband zu verfassen. Franke, der viel lieber Schriftsteller als alles andere sein wollte, weil er dann endlich «lange ausschlafen» konnte, setzte sich in den leeren und windgeschützten Swimmingpool eines Bekannten, schaute in die Wolken – «da kommt die Inspiration her» – und schrieb in den drei Wochen 65 Erzählungen. Unter dem Titel «Der grüne Komet» wurden sie sein erstes Buch. «Flucht zum Mars» heisst sein diesjähriges.

Höhlenforscher, Kunsttheoretiker

Danach erlebte er lauter technische Wunder wie die Raumfahrt oder das Internet, die er sich zwar so ähnlich vorgestellt hatte, die ihn aber doch überraschten. Und er lernte über die Jahrzehnte, wie sehr gerade Sciencefiction von Jugendlichen als «Lernliteratur» herbeigezogen wird, wie sich ihre Vorstellungen der Zukunft an intergalaktischen Kriegen und Aliens entzünden. Weshalb er beschloss, sich nicht den Fabelwesen, sondern dem wahrscheinlich Möglichen, eben den Robotern und Computern und einer sachlichen, naturwissenschaftlichen Sprache samt ihren eingängigen Bildern (die «Schwarzen Löcher» zum Beispiel), zu widmen. Es ist ein immenses Lebenswerk und eine Erfolgsgeschichte daraus geworden, allein 22 Romane hat Franke verfasst, viele davon sind bei Suhrkamp erschienen. Daneben arbeitete er auch noch als Höhlenforscher und wurde zu einem der wegweisendsten Experten für Medienkunst. 1979 gründete er die Ars Electronica in Linz.

Heute lebt er in Pupping in der Nähe von München und legt sich zum Schreiben nicht mehr in einen Swimmingpool, sondern in einen Liegestuhl, schaut in die Wolken und spricht seine Bücher auf ein Diktiergerät. Seine Stil habe sich seither verbessert, sagt er, sei lebendiger geworden, und weil Reden schneller geht als Schreiben, habe sich sein Output verdoppelt. Seine Einkünfte auch.

Herbert W. Franke liest heute im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Digital Brainstorming» des Migros-Kulturprozents um 20 Uhr im Kunstraum Walcheturm Zürich. www.digitalbrainstorming.ch

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