Mit dem Dichter und Denker Frisch durch ein halbes Jahrhundert
14. März 2008, 21:14 Von Andreas FurlerDer Kinodokfilm «Max Frisch, Citoyen» zeigt den grossen Schriftsteller als einen Typus, den wir zu Recht vermissen.
«Citoyen!» So sprachen sich in der französischen Revolution die Bürger an, die nach dem Adel und dem Klerus im Staat endlich mitreden wollten. Der Begriff Citoyen bezeichnete von da an den mündigen Staatsbürger mit Sinn fürs Gemeinwesen. Doch was ist aus dem Citoyen in jüngster Zeit geworden? Hat er sich aus der gesellschaftlichen Diskussion verabschiedet, wie es die Formel vom «Verstummen der Intellektuellen» suggeriert? Oder ist er unter den Bedingungen der Gegenwart zu etwas anderem mutiert – so wie sein Gegenspieler, der behäbige Bourgeois, der den Staat am liebsten in der Rolle des Nachtwächters hat und heute als enthemmter Neoliberaler auftritt? Matthias von Guntens dichter Film über Max Frisch gibt indirekt Antworten auf diese Fragen.
Absolute Ernsthaftigkeit
Frisch, Jahrgang 1911, kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und wandelte sich unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs zum Citoyen. Zuvor hatte der Jungliterat den Balkan und Deutschland bereist und einen schwärmerischen ersten Roman verfasst («Jürg Reinhart»), in dem die Alternative zur Bürgerlichkeit noch romantisches Künstlertum hiess. Danach, als diplomierter Architekt und junger Theaterautor, reiste er erneut nach Deutschland und sah aus nächster Nähe die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Dazwischen lag der Aktivdienst, in dem Kanonier Frisch hautnah die tiefe gesellschaftliche Kluft zwischen Soldaten und Offizieren erfuhr. Was in dieser Zeit einsetzte, ein tägliches Notieren und Reflektieren, mündete nach dem Krieg in Frischs erstem grossen Wurf, das «Tagebuch 1946–49».
Die Erfahrungen jener Zeit bilden den ersten Schwerpunkt des Films und machen klar, woher die absolute Ernsthaftigkeit und der fragende Gestus von Frischs Schreiben rühren: Vor der Menschheitskatastrophe des Holocaust verbietet sich jeder Humor und verflüchtigt sich jede Gewissheit. Das Verschontsein wird überdies zur Verpflichtung, nicht abseits stehen zu bleiben, sondern aktiv ins Zeitgeschehen einzugreifen. Frisch tut dies in den Fünfzigerjahren etwa als Ko-Autor eines fulminanten Manifests wider die biedere Schweiz des Wirtschaftswunders, in den Sechzigern mit unmissverständlichen Stellungnahmen für die Gastarbeiter, die Jugendbewegten des Globuskrawalls und gegen die amerikanischen Kriegsgräuel in Vietnam und in den Siebzigern mit hintersinnigen Überlegungen zum Verhältnis von Heimat und Fremde. Dabei bleibt er seinem ursprünglichen Tonfall stets treu, tritt als Tastender, Fragender auf und markiert mit konsequenter Ich-Form die Subjektivität seiner Positionen. Im Unterschied zum Journalisten, der die erste Person als Berichterstatter und – so will es die Konvention – auch als Kommentator meist meidet, bleibt der Literat als Person somit stets greifbar.
Gleichzeitig allerdings sind Frischs Fragen so bohrend und insistierend, dass ein unüberhörbarer Anspruch auf moralische Autorität aus ihnen spricht. Entscheidend zu dieser Wirkung trägt bei, dass Frischs Interventionen vorwiegend in Tagebüchern, kleinen Schriften und Reden erfolgten, also mit durchgestalteten Texten. Man muss sich nur einige der berühmten Sätze daraus vergegenwärtigen, um zu spüren, welche Kraft von ihrer Schlichtheit, Durchdachtheit und Musikalität ausgeht: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.» Oder: «Was muss ich tun, um eine Heimat zu haben, und was vor allem muss ich unterlassen?»
Kein Wunder, wird von Guntens wortreicher Film vom Wort nicht belastet, sondern beflügelt: Sein Grundgerüst aus Frisch-Texten, die Reto Hänny sehr schweizerisch, sehr nüchtern, sehr passend liest, hat eine bestechende Klarheit und einen rhythmischen Zauber.
Der Literat als Autorität
Der grosse, leise Moralist Frisch hat nicht souverän geendet. Schon über seiner späten Rede zum Scheitern der Aufklärung, 1986 in Solothurn gehalten, lag etwas Griesgrämig-Besserwisserisches, und als er seine letzte Wohnung in der Zürcher Stadelhofer Passage bezog, von der aus er mitunter laute Passanten beschimpfte, kehrte der Kleinbürger wieder. Im «Privatschriftsteller» und im akribischen Gefühlsvermesser Frisch war dieser Zug ohnehin lebenslang präsenter geblieben als im Citoyen.
Das Kleinliche am Rande wäre der Rede nicht wert, würde es nicht die Fallhöhe zwischen Schreibtischdasein und Liveperformance illustrieren, welche die Debattenkultur des Fernsehzeitalters prägt. Frischs Stimme wäre wohl auch in diesem Umfeld gehört worden, doch als eine von vielen im Meer der blossen Meinungen. Denn sie hätte kaum den Raum zu jener Kunst der Ausformulierung bekommen, die Frischs Rolle als Citoyen ausmachte. Stellvertretend für den Schriftsteller macht dies im Film der grosse alte Staatsmann Helmut Schmidt vor, wenn er über den kritischen Intellektuellen so bedächtig, präzis und eindringlich nachdenkt, wie es im Fernsehen bestenfalls ab 23 Uhr noch erlaubt ist. Als Trost bleibt dabei die Gewissheit, dass solche Figuren allemal Ausnahmeerscheinungen sind. An ihresgleichen fehlt es immer.
Andreas Furler war langjähriger Filmredaktor des «Tages-Anzeigers». Seit 2001 ist er Ko-Leiter des Filmpodiums Zürich.
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Das Schweigen der Intellektuellen
Anlässlich des Filmstarts von «Max Frisch, Citoyen» findet am Montag, 17. März um 20 Uhr im Kaufleuten- Klubsaal ein hochkarätig besetztes Podiumsgespräch zum Thema «Das Schweigen der Denker Rückzug aus der politischen Debatte?» statt. Unter der Leitung von Peter Hartmeier (Chefredaktor «Tages-Anzeiger») diskutieren Lukas Bärfuss (Schriftsteller), Kurt Imhof (Publizistikwissenschaftler), Georg Kohler (Professor für politische Philosophie), Robert Menasse (Schriftsteller) und Pia Reinacher (Literaturkritikerin der FAZ und Autorin).
Ausserdem wird der Regisseur Matthias von Gunten in der Kinovorstellung vom Sonntag, 16. März, um 12.15 Uhr anwesend sein und in den Film einführen; Lunchkino, Arthouse Le Paris. (TA)
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