Traumkugel und Kugeltraum
05. Mai 2008, 16:18 Von Thomas HürlimannDer Ball ist rund. Auch der Mensch war einmal eine Kugel. Sagt wenigstens Platon. Und Philosophie und Fussball haben mehr miteinander zu tun, als man annehmen sollte.
Zug, das Schweizer Städtchen, aus dem ich stamme, ist im Gang der Geschichte dreimal durch Klugheit aufgefallen. Im Mittelalter öffnete es der erstarkenden Eidgenossenschaft die Tore, in der Neuzeit senkte es den Steuerfuss, und 1983 machte Zug einen deutschen Fussballspieler zum Trainer seines Klubs: Ottmar Hitzfeld. Mit Hitzfeld, dessen Qualitäten ich lange vor anderen erkannt habe, wechselte ich die Städte, und als wir mit Borussia Dortmund zum ersten Mal Meister wurden, sass ich vor dem Fernseher, schluchzend wie ein Kind. Da betrat meine Frau das Zimmer. So hatte sie mich noch nie gesehen. «Was ist denn mit dir los!», stiess sie hervor. Fussball. Der Fussball hatte es geschafft. Ich war ihr zum Rätsel geworden.
Erste Halbzeit: Der Ball und die Zeit
Für Platon war alles rund: die Sphäre, die Seele, der Globus. Auch der Mensch, glaubte der erste Ballphilosoph, sei ursprünglich eine Kugel gewesen, eine runde Einheit. Dieser Ball wurde verspielt – die Urkugel zerfiel in zwei Hälften. Die eine hockt heutzutage vor dem Fernseher, indes die andere, die bessere, die Arme in die Hüften stemmt und über die Tränen des männlichen Halbwesens den Kopf schüttelt. Sie hat ja Recht, gewiss, aber liesse sie sich ein einziges Mal auf dem Sofa nieder, um gemeinsam mit mir zwei Halbzeiten zu durchleiden, würde sie merken, dass sich im Fussballspiel ein ungeheuerliches Geschehen zur Darstellung bringt: das Trauma der Spaltung und der Traum von der Rückkehr in die Urkugel.
Das Spielfeld mit den zwei Hälften stellt die Trennung dar, unsere Vertreibung in den Kampf. Zwei Mannschaften rennen gegeneinander an, allerdings kämpfen sie um den Ball, also um eine Gestalt, die, wie Platon sagt, «weder Anfang noch Mitte noch Ende hat» und auf ihrer Haut die Idee der Unsterblichkeit, der überwundenen Trennung, zu träumen vermag. Wer Ball spielt, erhebt seine Seele in die Sphären. Er möchte sich zurückschiessen in seine runden Anfänge, ins All und in den Bauch.
Ein Spiel dauert neunzig Minuten, also in etwa so lang wie ein Pontifikalamt oder ein klassischer Hollywoodwestern, und wer je mit seinem Klub lebte, litt und unterging, der weiss, dass der Blick mit wachsender Spieldauer immer häufiger nach oben geht, zur Stadionuhr, die über den Köpfen die Zeit anzeigt. Der einen Mannschaft fliegt sie zu, der andern läuft sie davon. Zu den einen ist sie «allbarmherzig», wie der Dichter sagt, zu den andern grausam. «Erst hatten wir kein Glück», hat der Fussballspieler Jürgen Wegmann gesagt, «dann kam noch Pech hinzu.»
Also könnte man meinen, auch die Uhr unterstehe dem agonalen Prinzip, dem Kampf zweier Gegner um den Sieg. Aber das täuscht. Im Grunde genommen gibt es unter der Macht der Zeit nur Verlierer. Die Männchen in den bunten Kurzhosen erfahren auf dem Platz ihre Sterblichkeit. Nach neunzig Minuten und einer geringen, vom Schiedsrichter gespendeten Nachspielzeit ist alles vorbei: Aus! Aus! Aus!
Der Fussball fasziniert, weil in diesem scheinbar so einfachen Spiel die höheren Mächte präsent sind. Die runde Uhr, die früher an den Kirchtürmen hing, steht heute über den Stadien und demonstriert durch ihre Beschränkung auf zweimal 45 Minuten, was der Verlust der ursprünglichen Einheit bedeutet: den Absturz in die Zeit, in die Vergänglichkeit.
Natürlich zeigen das die meisten Spiele. Kinder wollen auf einem Bein in den Himmel hüpfen, der weisse König will den schwarzen schlagen, und würfeln wir eine Sechs, rücken wir dem Sieg entgegen. Dem Sieg? Dem Ende. Wir spielen, um das rien-ne-va-plus zu hören, unsere Sterblichkeit wollen wir erleben, immer wieder, auch im Stadion, auch beim Kicken, doch anders als im Schach, da das Brett unerbittlich leerer wird, enthält der Ball eine tröstliche Botschaft. Er erinnert uns daran, dass wir aus der Sphäre kommen, aus der Unsterblichkeit. Er sagt uns – und führt es an den Spielern auf heitere Weise vor –, dass wir gefallene Engel sind.
Die Zeit kann nicht besiegt werden, natürlich nicht, aber hält sie es, worum ich jedes Mal flehe, bange zittere, mit den Meinen, kann es geschehen, dass ich für einen Augenblick ausser mich gerate, dass ich ganz und gar in der Gegenwart bin, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, nur im Jetzt, also in der ursprünglichen Einheit, in der Ewigkeit. Dann wölbt sich über meinem Sofa, wo ich wie ein Hartz-IVer meine Bierdose halte, der Götterhimmel, und die harmonisch runde Sphäre nimmt meine Seele in sich auf: Tor! Tor! Tor!
Indem wir spielen, meint Platon, setzen wir uns in ein Verhältnis zu den Göttern. Wir erleben, wie Ballspieler zu Spielbällen degradiert werden; erleben, wie der Mann mit der Pfeife seine vermeintliche Selbstherrlichkeit austobt (es ist die Selbstherrlichkeit der höheren Mächte) und wie sich, wenn wir auf der Seite der Sieger sind, in einer unerwartet ins Netz sausenden Traumkugel der uralte Kugeltraum erfüllt: die Aufhebung der Zeit, die Rückkehr in die anfangs- und endlose Sphäre, geballte Gegenwart, Ewigkeit.
Nur: Gegen die Laune der Götter wird auch im Handball oder im Eishockey gespielt, und so stellt sich dringlich die Frage, warum der Fussball bei einer EM oder WM die Schlagzeilen der Welt beherrscht, während es andere Sportarten, die mit ihrem Kampfgeschehen ebenfalls in die Vertikale verweisen, kaum in die Nachrichten bringen. Die Antwort muss sich im Fuss verstecken – von ihm soll die zweite Halbzeit handeln.
Pause
Während meines Studiums in Westberlin habe ich zu einer Kreuzberger Thekenmannschaft gehört. Zurückgekehrt in die Schweiz, in die Nähe von Einsiedeln, fragte ich beim örtlichen Fussballklub an, ob man mich bei den Senioren aufnehmen würde. Vor dem ersten Training wurde ich zum Aktuar bestellt. «Wo hast du vorher gespielt?» – «In Berlin», antwortete ich. Er wollte es genauer wissen, und ich erklärte wahrheitsgetreu, meistens hätten wir unsere Matches im Tiergarten ausgetragen, vor dem Reichstag. «Aha», machte der Aktuar, und so steht im Spielerpass, den mir der Schweizer Fussballbund ausgestellt hat: «Hürlimann Thomas, FC Einsiedeln, Veteranen II; vormaliger Verein: FC Reichstag, Berlin, Deutschland.»
Zweite Halbzeit: Der Fuss und der Raum
Mühsam, sagt Herder, lernte der Mensch den aufrechten Gang. Als er auf zwei Füssen stand, war er zum Homo erectus geworden, der sich die Welt unter die Nägel reissen wollte, unter die Zehennägel. Der Zweifüssler verstand sich als Herr der Welt. Seine Füsse schritten die vier Himmelsrichtungen aus, woran die Eckfahnen auf dem Spielfeld noch heute erinnern. Die Flaggen signalisieren: Der Homo erectus war zwar auf Eroberung aus, doch hielt er sich an klar definierte Grenzen. Dazu hatte er allen Grund. Wilde Tiere und hereinbrechende Feinde machten ihm seinen Besitz immer wieder streitig, und er tat gut daran, sich auf ein bestimmtes Revier zu beschränken. Hier kannte er die Fährten der Tiere und merkte sofort, wenn ihm ein Eindringling die Beute wegschnappen wollte. So liesse sich das Fussballspiel als Darstellung früherer Jagden deuten. Die Mannschaft ist ein solidarisches Kollektiv, das seinen Platz beherrschen und einem andern Kollektiv die Beute abjagen will. Klar, das verlangt von der Jagdgemeinschaft individuelle Schritte, spontane Züge, kreative Bewegungen, denn tückisch ist das Wild, gefährlich und schnell, rasend schnell. «Der Ball», hat Sepp Herberger Jahrtausende später gemeint, «hat die beste Kondition.»
Allerdings bildet das Spielfeld nicht nur alte Jagd- und Revierplätze ab. Als sich der Mensch auf die Füsse stellte, gelangte er auf eine höhere Stufe. Das Tierische lag nun wie ein Abgrund hinter und unter ihm, er hatte sich zu einem aufrechten Wesen entwickelt, zu einem Himmelsgucker, weshalb ihn bald die Frage umtrieb, ob dem dunklen Unten ein helles Oben entspreche. Seither fühlte sich der Erigierte ein wenig heimatlos. Zwischen den Tieren und den Göttern hatte er sich eine eigene Etage geschaffen, eine Zwischenetage. Auf ihr haben sich die frühen Gesellschaften regelmässig versammelt und versuchten, ihren Zwitterboden mit blutigen Feiern zu festigen.
Bei vielen Völkern, etwa den Azteken oder den Chinesen, prägten diese Feiern eine Vorform des Fussballs aus. Das Spielfeld stellt die menschliche Zwischenwelt dar, worauf der Homo erectus, nun in den Homo ludens verwandelt, seine Tänze tanzt. Sie sollten beides zeigen: das Tierische, das er fürchtet, weil er es überwunden hat, und das Göttliche, das er fürchtet, weil er es nie erreichen wird. Um das Göttliche darzustellen, erfanden sie den Ball. Für die Chinesen war er ein Symbol des Mondes, für die Azteken ein Symbol der Sonne, und wer jemals in einem Stadion sass, kann sich lebhaft vorstellen, wie die Masse der Gläubigen, die das Kultfeld jener Vorzeit umrandete, in ein Jubelgeschrei ausbrach, wenn einer aus der Horde das Gestirnsymbol mit Wucht und Fussspitzengefühl in die richtigen Flugbahnen trat. Weshalb mit dem Fuss? Der denkende Kopf und die betenden Hände hatten sich von der Tierwelt gelöst, der Fuss noch nicht – das verrät uns der Huf des Teufels. Also musste bei den grossen Festen bewiesen werden, dass alles am Menschen, auch sein Fuss, in die Sphäre des Göttlichen vordringen kann: Tor! Tor! Tor!
Ehrlicherweise müssen wir gestehen, dass der europäische Fussball eine andere Genesis hat. Auf dampfenden Schlachtfeldern bolzten unsere Ahnen mit den Schädeln ihrer gemetzelten Feinde. Damit wird klar, warum die Europäer in der Regel roher spielen als asiatische, afrikanische, mittel- oder südamerikanische Mannschaften. Die kommen vom Tanz her, wir vom Schlachtfeld und aus der Hygiene. Weil sich ursprünglich keiner an den blutigen Schädeln die Hände schmutzig machen wollte, nahm man die Füsse zu Hilfe – wir Europäer treten kein Gestirnsymbol, sondern versuchen einen abgehackten Schädel im Massengrab zu versenken: Tor! Tor! Tor!
Natürlich hat sich der Fussball von seinen Anfängen gelöst. Auch ein europäisches Feld ist heute unblutig grün, und nicht einmal der metaphernbesoffenste Reporter schildert einen Schuss, der perfekt im Tor landet, als untergehende Sonne. Aber die Ursprünge belegen, dass Platon mit seiner Ballidee eine runde Denkleistung gelang: Der Zusammenhang von All und Ball war von Anfang an gegeben. Im Fussballspiel erfährt das Zwischenwesen, ob es sich nun von der Ewigkeit oder von der Tierwelt abgetrennt hat, ob es ein Homo erectus oder ein gefallener Engel ist, wo es steht, wovon es träumt. Auf einem geteilten Feld tanzt es über dem Abgrund; zwischen den vier Eckflaggen kämpft es um sein Revier und versucht dabei, eine Lederkugel zu kontrollieren, die mal ein fliehendes Tier symbolisiert, mal einen abgehackten Schädel, die Sonne, den Mond oder gar die ursprüngliche Einheit des Menschen.
Was macht den Fussball so faszinierend? Mit den Traumkugeln beschwören wir gespaltenen Zwischenwesen den uralten Kugeltraum.
Nachspielzeit
Der Schiedsrichter blickt auf die Uhr, die Nachspielzeit läuft. Auf Schalke feiern sie bereits den Meistertitel. Da ich mit Hitzfeld von den Dortmundern zu den Bayern übergelaufen bin, verkrieche ich mich todtraurig in den Ikeakissen auf dem Sofa. Ein Tor, nur ein einziges, fehlt uns zum grossen Sieg. Wieder geht die Tür auf: meine Frau. Sie lächelt, ich leide. Da gibt der Schiedsrichter den Bayern einen Freistoss, äusserst zweifelhaft, zugegeben, doch liegt es in seinem Ermessen. Ich wage kaum zu atmen. Kahn stürmt aus seinem Tor, will sich den Ball greifen, Effenberg schubst ihn weg, dieser Wahnsinnige!, Anderson hat für Bayern noch nie ein Tor erzielt, aber Effenberg schiebt den Ball zu Anderson, Anderson schiesst, er ist drin. Er ist drin! Bayern, Hitzfeld und ich sind Meister, ich tanze, ich schreie. Meine Frau schliesst das Fenster, kopfschüttelnd wie stets, wenn ich ausser mir bin, aber ich wage es zu prophezeien: Eines Tages wird Kathrin neben mir sitzen, wird auf die Glotze starren, wird die rennenden bunten Männchen sehen und den schwarzen Mann mit der Pfeife – und plötzlich wird sie gepackt sein. Wie ich. Wie die Welt. Sepp Herberger: «Ich war ein Besessener. Einer, der auf die letzte Erkenntnis aus war.»
Die letzte Erkenntnis war schon die erste. Unser Acker hat vier Ecken, aber die Sphäre, die Seele, der Ball sind rund.
Diesen Text entnahmen wir dem neuen Buch von Thomas Hürlimann, «Der Sprung in den Papierkorb». Erschienen ist es beim Zürcher Ammann-Verlag, umfasst 140 Seiten und kostet ca. 33 Fr.
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