In der Biologie geht es auch um ethische Fragen
29. Mai 2008, 18:04 Von Hans-Dieter MutschlerSozialphilosophie, Ästhetik, Erkenntnistheorie oder Ethik sind wohldefinierte Disziplinen. Was aber ist Biophilosophie?
Bis vor kurzem gab es die Disziplin Biophilosophie noch nicht. Man orientierte sich an der Physik. Die Meinung war vorherrschend, dass die Physik die Naturwissenschaft schlechthin sei und dass man alles verstanden habe, was die Naturwissenschaft anbelangt, wenn man das Vorgehen der Physik richtig begriffen habe. Manchmal wurde diese Überzeugung so ausgedrückt, dass wir demnächst mit Hilfe immer grösserer Beschleuniger im Besitz einer Weltformel sein werden, auf Grund deren alles erklärt werden könnte. Diese Weltformel wurde nie gefunden, und es gibt auch erhebliche Zweifel, ob sie, einmal gefunden, das leisten würde, was man sich von ihr versprach.
Es scheint vielmehr so, dass eine solche Weltformel lediglich einen formalen Rahmen liefern würde, ohne dass wir deshalb die Inhalte schon verstanden hätten. So ähnlich wie die Gesetze des Staates nichts über mein individuelles Leben aussagen.
Es ist vor allem das Lebendige, das Eigenschaften aufweist, von denen man nicht recht sieht, wie sie Gegenstand der Physik werden könnten. Die Dualität von Geno- und Phänotypus, der Begriff der Mutation, Selektion, der Begriff der genetischen Fitness, der Evolution als einer geschichtlichen Entwicklung, vor allem aber die Tatsache, dass sensitive Organismen über Bewusstsein und Erlebnisqualitäten verfügen, scheinen der Physik unzugänglich zu sein.
Der berühmte Grand Old Man der Biologie, Ernst Mayr, entwickelte schon vor 20 Jahren eine eigenständige «Philosophie der Biologie», damals umstritten, heute allgemein akzeptiert. Er argumentierte, dass die Gesetze der Biologie von ganz anderer Art seien als die Gesetze der Physik. Physikalische Gesetze gelten an jeder Raum-Zeit-Stelle gleich. Sie charakterisieren das Universum als Ganzes. Biologische Gesetze hingegen sind oft auf bestimmte Epochen und Gegenden eingeschränkt, so ähnlich wie bestimmte Bau- oder Kompositionsstile lokal und epochal eingegrenzt sind. Auch hier tun sich Ähnlichkeiten zur Menschheitsgeschichte auf: Das Lebendige betrifft uns selbst.
Wenn ein Psychologe experimentiert, muss er stets darauf achten, dass sein Experiment nicht zur «self fulfilling prophecy» degeneriert. Manchmal produzieren die Probanden die Phänomene, die der Psychologe gerne hätte. Das machen die Tiere auch. Die ersten Untersuchungen an Tauben etwa gingen davon aus, dass diese Tiere ziemlich «dumm» sind. Man testete sie auf Dummheit hin, und es heraus kam, dass sie «dumm» waren. Erst als man anfing, sie nicht im Labor unter künstlichen Bedingungen, sondern in ihrer natürlichen Umwelt zu beobachten, fand man, dass sie über bemerkenswerte Intelligenzleistungen verfügen.
Die Differenz zwischen Labor- und Freilanderfahrung hat kein Pendant in der Physik. Wir sind überzeugt, dass sich Elementarteilchen in einem Beschleuniger genau so verhalten, wie sie sich in der Natur verhalten würden.
Das weist auf eine gewisse Autonomie des Lebendigen hin. Im biologischen Experiment muss man immer darauf achten, dass diese Autonomie nicht verletzt oder ganz zerstört wird, sonst verfälscht es das Resultat. Mehr noch: Das Lebendige stellt einen radikal anderen Anspruch an uns als das Anorganische. Wir können uns etwa gegen die Atome nicht versündigen, wenn wir sie spalten. Das würde niemand glauben.
Es kann aber wohl der Fall eintreten, dass wir uns kollektiv gegen die Natur versündigen, nicht in dem trivialen Sinn, dass wir die Regelkreisläufe der Natur so überlasten, dass wir die Grundlage unserer Existenz in Gefahr bringen oder dass wir in den Regenwäldern die Heilpflanzen ausrotten, die wir später noch brauchen, sondern in dem Sinn, dass wir Werte der Natur zerstören, denen wir verpflichtet sind. Ist es moralisch erlaubt, die Vielfalt der Pflanzen- und Tierformen derart nachhaltig zu dezimieren, wie wir es tun?
Jedenfalls drängen sich Fragen der Ethik in der Biologie weit stärker auf als in der Physik. Dies sind zugleich Fragen nach unserem Selbstverständnis. Da wir auch Lebewesen sind, betrifft uns die Art, wie wir das Lebendige behandeln, unmittelbar selber.
Naturwissenschaft wird gewöhnlich als eine objektivierende Wissenschaft beschrieben: dort das erforschte Objekt, hier das forschende Subjekt. Diese objektivierende Distanz lässt sich in manchen biologischen Disziplinen gut durchhalten, wie zum Beispiel in der Molekularbiologie. In anderen, wie der Verhaltensforschung, wird sie durchlässig oder bricht ganz zusammen. So etwa wenn ein Schimpansenforscher die «Persönlichkeit» seiner untersuchten Objekte zu schätzen, ja zu lieben beginnt.
Die Zeiten des strengen Physikalismus sind jedenfalls vorüber. Ob das dazu führen wird, dass die Biologie die Physik als Leitwissenschaft ablöst, ist nicht klar. Es könnte auch so sein, dass es gar keine Leitwissenschaft gibt, sondern dass die verschiedenen Wissenschaften (wozu auch die Sozialwissenschaften gehören) in Zukunft gleichberechtigt zusammenarbeiten müssen. Man denke an die Hirnforschung. Wenn wir etwa mit Hilfe bildgebender Verfahren die neuronalen Repräsentationen von Zuständen wie Angst, Freude oder Schmerz untersuchen, müssen wir den Betroffenen fragen, wie er sich fühlt. Sonst wissen wir nicht, wonach wir suchen sollen. Solche Themen sind es jedenfalls, die in der Biophilosophie behandelt werden, und es scheint nicht, dass diese neue Disziplin so rasch wieder verschwinden wird, wie es bei manchen Modedisziplinen in der Vergangenheit der Fall war.
Heute Freitag, 30. Mai, um 19.30 Uhr wird Kristian Köchy von der Universität Kassel im Kulturhaus Helferei an der Kirchgasse 13 in Zürich über Themen und Probleme der Biophilosophie referieren. Soeben ist sein Buch «Biophilosophie zur Einführung» im Junius-Verlag erschienen.
Kultur
- 16:13Carla Bruni-Sarkozy als Arbeiterskulptur
- 15:29«Ihre Gesangstechnik war unerreichbar, das war die Tragik»
- 14:30Eine Ode an die Postkarte
- 12:49Schweizer Shootingstar sorgt in Berlin für Aufsehen
- 12:04Höchste Theater-Auszeichnung für Daniele Finzi Pasca
- 09:13TV-Kritik: Als ob Woody Allen in Bremen eine Flatulenz produziert hätte
Meistgelesen in der Rubrik Kultur
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
















































