Schweiz

Courbet, frecher Kämpfer gegen die Konvention

24. Oktober 2007, 18:45 – Von Barbara Basting

Der Maler Gustave Courbet war einer der grössten Provokateure und Neuerer im 19. Jahrhundert. Eine spektakuläre Schau in Paris macht dies nachvollziehbar.

Einer von Courbets berühmtesten Akten, die grossformatige «Femme au Perroquet», entstand 1866.
METROPOLITAN MUSEUM OF ART, NEW YORK/PD Einer von Courbets berühmtesten Akten, die grossformatige «Femme au Perroquet», entstand 1866.

Natürlich darf «L'origine du monde», das heute bekannteste Gemälde von Gustave Courbet (1819–1877), in einer so spektakulären Retrospektive wie jener, die nun im Pariser Grand Palais zu sehen ist, nicht fehlen. Die erst seit den späten 1980er-Jahren öffentlich ausgestellte Frontalansicht der weiblichen Scham bildet sogar ein Zentrum im Parcours der ersten umfassenden Courbet-Schau seit 30 Jahren, die Kuratoren aus drei grossen Museen erarbeitet haben. Sie erlaubt mit 120 Gemälden und rund 30 Zeichnungen sowie 60 Fotografien einen frischen Blick auf sein Werk. Dieses gehört zu den spannendsten des ohnehin von ästhetischen Brüchen markierten 19. Jahrhunderts.

Ein entscheidender Beitrag Courbets bestand darin, der in Ehrfurcht vor Helden und Mythen erstarrten akademischen Historienmalerei das Wasser abzugraben. Zugleich entwickelte er in seinen Naturdarstellungen, vor allem in den berühmten «Wellen», eine flockige Malweise, zum Teil mit Palettmesser, die den Impressionismus vorwegnimmt. Entsprechend schätzen ihn Manet, Monet, Renoir, Cézanne. Emile Zola, der sich wiederholt differenziert zu Courbet geäussert hat, zählte ihn mit Ingres und Delacroix zu den «drei grossen Franzosen im 19. Jahrhundert».

Versteckspiele rund um ein Bild

Der «Ursprung der Welt» (1866) spielte bei diesem Urteil allerdings keine Rolle. Zu Courbets Lebzeiten, als schon Manets nackte Frau neben bekleideten Herren auf seinem «Déjeuner sur l'herbe» (1863) einen Aufschrei provozierte, hätte das Gemälde wohl für Zunder gesorgt – wenn es eine grössere Öffentlichkeit zu Gesicht bekommen hätte. Da es aber für den türkischen Gesandten Khalil Bey entstand, als Dreingabe zu einem anderen Werk, verschwand es in Beys Privatsammlung.

Dass die Pariser Ausstellung es dennoch prominent präsentiert, in einer Rotonde in der Mitte des in acht Kapitel gegliederten Parcours und inmitten der zahlreichen süffigen bis süsslichen Akte Courbets, hat eine andere Bewandtnis. Rechts und links des Gemäldes hängen das Ölgemälde eines Schlosses im Winter von Courbet sowie eine bemooste Hügellandschaft aus weissen Linien auf braunem Grund vom Surrealisten André Masson, in der sich eine Abstraktion des «Ursprungs der Welt» erkennen lässt. Beide Werke haben dasselbe Format – und dienten dazu, den «Origine» zu verstecken.

Aus Khalil Beys Sammlung kam das Doppelbild an den ungarischen Baron Herzog, der das Schloss behielt und den «Origine» an seinen Freund Baron Hatvany veräusserte. Dieser verkaufte es nach dem Zweiten Weltkrieg dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und seiner Frau Sylvie Bataille-Lacan. Aus deren Nachlass gelangte es 1995 an den französischen Staat und ins Musée d'Orsay – ohne Schutzschild. Übrigens bilden sich dort selten Menschentrauben. Selbst im Zeitalter der Pornografie gibt es offenbar noch Blickhemmungen.

Auch Lacan trieb seinen Kult mit ihnen: Bis 1988 wussten nur auserwählte Gäste Lacans vom Verbleib des «Origine». Vor ihren Augen schob er zeremoniös den bei seinem Schwager André Masson in Auftrag gegebenen Schutzdeckel beiseite; so kamen unter anderem Dora Maar, Claude Lévy-Strauss, Marguerite Duras in den Genuss. Vermutlich auch Marcel Duchamp, dessen Werk «Etant donnés» als Paraphrase des freizügigen Courbets gilt. Die Requisiten für die Versteckspiele rund um das Bild werden in der Pariser Schau erstmals gezeigt – und sind mindestens so interessant wie dieses.

Courbet selber hingegen, der in Ornans in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren war, war kein Künstler, der sich versteckte oder mit seinen dezidierten Meinungen zu Kunst und Politik hinterm Berg hielt. Er zahlte dafür einen hohen Preis, als er als Kulturbeauftragter der revolutionären Pariser Commune 1871 nach deren Zerschlagung für Sachschäden, namentlich den Sturz der Vendôme-Säule, ins Gefängnis wanderte und mit seinem Vermögen haftbar gemacht wurde. Er rettete sich ins Schweizer Exil, starb wenige Jahre später. Einige seiner Bilder aus den letzten Jahren zeigen Forellen am Angelhaken – Symbol für den Künstler als wehrloses Opfer.

Ein Draufgänger betritt die Bühne

Dabei hatte Courbet stolz begonnen: Schon mit 15 malte er sein erstes Selbstbildnis. Mit 22 reicht er, zunächst erfolglos, Werke im Pariser Salon ein, dem damals entscheidenden Urteilsgremium; 1844 wird erstmals eines davon akzeptiert, das «Selbstporträt mit schwarzem Hund». Stolz, herausfordernd, in romantischer Pose empfängt der Künstler den Betrachter im ersten Saal, in dem sich sage und schreibe 16 weitere seiner Selbstporträts befinden.

Nicht alle sind gleichermassen hochgemut; der Ausdruck der Skepsis, Stilisierungen als Leidender, Verzweifelter finden sich ebenso. Umso klarer ist: Das sind Inszenierungen, hier betritt ein Draufgänger die künstlerische Bühne.

Die Schau zeigt sodann, wie Courbet, der seine überwiegend warme, erdige Palette schon früh gefunden hat, sich malerisch nach und nach zunächst seine unmittelbare Umwelt in der Franche-Comté erschliesst. Hierhin kehrt er immer wieder zurück, hier wurzelt seine Vorliebe für Landschaften. Neben zahlreichen Porträts fallen die ländlichen und häuslichen Szenen wie aus holländischen Genrebildern auf. Dass Courbet sie im Grossformat malte, verstiess gegen die akademische Konvention, ebenso wie etwa die Rückenansicht einer Figur just in der Bildmitte.

Mit diesen Gemälden wird zu Courbets wichtigsten malerischen Manifesten für einen zeitgemässen Realismus übergeleitet, dem «Begräbnis in Ornans» (1850) und dem «Atelier des Malers» (1855). Beide Monumentalwerke (Musée d'Orsay) waren Donnerschläge. Das «Begräbnis», weil es eine Dorfbeerdigung in den Rang einer Historienmalerei vom Zuschnitt der pompösen Krönung Napoleon Bonapartes von Jacques-Louis David (1804, Louvre) erhebt. Statt ranghoher Machtfiguren werden knollennasige Bauern gezeigt; Courbet hatte dafür während Monaten die Einwohner seiner Heimatstadt porträtiert.

Im «Atelier des Malers» von 1855 dann steht Courbet, der selbstsichere, moderne Künstler, im Zentrum, umringt von nicht weniger als dreissig Personen, darunter einer knapp verhüllten Muse. Sie wird vom Maler im Bild nicht dargestellt, sondern schaut ihm beim Malen einer braven Naturszene zu – wobei der eigentliche Clou des Gemäldes darin besteht, den Akt eben doch zum Sujet zu machen. Das Werk war das Zentrum einer Pariser Verkaufsausstellung mit 40 Gemälden Courbets. Wegen wiederholter Abfuhren durch die Akademie hatte der Künstler, der um jeden Preis Aufmerksamkeit suchte, dafür einen Pavillon gemietet. Die Schau begleitete er mit einem Manifest zum «Realismus». Sie war, typisch für Courbets wechselvolle Laufbahn, in der es auch grosse Erfolge gab, ein Debakel.

Fotografische Vorbilder

Einen weiteren Höhepunkt bildet das reich und glänzend bestückte Kapitel mit Courbets Landschaften, den Quellhöhlen des Jura, den Meerstücken mit Wolken und Wellen. Inzwischen ist erkannt, wie wichtig die zeitgenössische Fotografie für die Maler war; die grossartigen Aufnahmen etwa von Gray und Le Secq im Dialog mit Courbets Werk belegen dies. Sie zeigen, dass seine Wellen- und Wolkenstudien ohne die fotografische Fixierung des Moments undenkbar gewesen wären.

Schwieriger geniessbar seine Jagdszenen, manche nochmals im Monumentalformat. Ihre grandiose Theatralik ist fürs heutige Auge von Trapperfilmszenen und peinlichem Heimatkitsch mit Hirsch überlagert. Mit seinen letzten Werken zelebriert Courbet dann das Pathos des Schlichten: Neben den Forellen am Haken begeistern vor allem die im Gefängnis gemalten Apfelstillleben, bei denen er nochmals auf seine warme, frühe Palette zurückgreift – und mit denen er ein Hauptmotiv Cézannes vorwegnimmt.

Die Schau bricht den komplexen Künstler nicht auf einen einfachen Nenner herunter. Sie zeigt, wie er mal besticht, dann wieder befremdet, wie er mit dem Betrachter seine Spielchen treibt, den Konflikt mit der Konvention, die Provokation sucht. Courbets künstlerische Unruhe, sein kontinuierliches Ausreizen und Ausloten von Grenzen machen ihn zu einer singulären Figur; und wenn man sich in sein Werk und die soliden Katalogtexte vertieft, lernt man viel über die nervösen, suchenden Anfänge der Moderne.

Grand Palais, bis 28. Januar. Vom 27. Februar bis 18. Mai 2008 im Metropolitan Museum, New York, ab 13. Juni bis 28. September 2008 im Musée Fabre, Montpellier.

Katalog (frz., engl. bei Hatje Cantz). Empfehlenswert: Arte-Video «Gustave Courbet», 2007, 24 Euro (frz./dt./engl.), erhältlich über www.arte.tv .

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