Schweiz

Wo die Türkei mit dem Westen flirtet

06. Dezember 2007, 23:27 – Von Barbara Basting

Wer je in Istanbul war, kennt diese Ecke am Anfang der Istiklal, der stark belebten, kunterbunten westöstlichen Einkaufs- und Flaniermeile, dieses Rückgrats der europäischen Seite, das sich bis zum Taksim-Platz erstreckt.


LINDA HERZOG/AUS DEM BESPROCHENEN BAND

Jeder Quadratzentimeter dieses Bildes spricht von der Sehnsucht der säkularen Türkei nach dem Westen, diesem komplizierten Dauerflirt: rechts der herrschaftliche Park, der nach Frankreich aussieht, jedenfalls nach dem alten Europa der Paläste und Diplomaten, aber zum schwedischen Generalkonsulat gehört. Daneben das an eine Stalinorgel erinnernde modernistische Kunstwerk, das sein Pendant im gesichtslosen Bürohaus findet. Dann die Fahrleitungsdrähte des Trams, einer wahren Antiquität, die hier hin- und herzockelt, samt der Weihnachtsdekoration, auf der man neben Werbung für «Maximum» unter anderem das Wahrzeichen des Viertels erkennt, den historischen Galata-Turm. Schliesslich die Werbetafel «Spoken English», die ihren Grammatikfehler ungeniert ausstellt. Immerhin kommt man hier mit Englisch noch weiter, was nicht überall in dieser Stadt garantiert ist, und schon gar nicht in der restlichen Türkei. Und man kann sich, auch als Frau, problemlos alleine bewegen – wovon Türkeikenner abraten, wenn es um die kurdischen Konfliktzonen im Südosten geht.

Das Bild stammt aus dem Fotoband «Mihriban – Türkei 2004–2007», den die Zürcher Fotografin Linda Herzog (*1972) nun im Anschluss an ihre vergleichende, mehrfach ausgezeichnete Städtestudie «Birmingham Istanbul Zürich» 2005 publiziert hat. Herzog hat während dieser Jahre in Istanbul gelebt und Türkisch gelernt, um die Megacity wie auch die restliche Türkei genauer zu verstehen. Herzog ist langsam gereist, in den Gefahrenzonen zusammen mit einer Freundin; sie hat davon profitiert, dass sie als fotografierende Frau oft nicht ganz für voll genommen wurde. Sie hat sich spürbar Zeit genommen, um charakteristische Bilder zu finden – solche, die vielschichtig sind, sich in all ihren Dimensionen erst nach und nach erschliessen. Die religiösen Spannungen, die kulturellen Brüche, die das Land und seine Menschen prägen, werden auf ihren Fotografien ebenso sichtbar wie die grosse landschaftliche Schönheit der Türkei und ihre Farbigkeit: die Farben des rauen, kargen Gebirges und der Steppe und die verwaschenen Pastelltöne wie von Süssigkeiten, die zu lange im Schaufenster gelegen sind. Vielleicht hätten etwas längere Legenden die Ausdrucksstärke der Bilder nicht beeinträchtigt.

Linda Herzog: Mihriban – Türkei 2004–2007. Mit einem Gespräch mit der Fotografin von Martin Jaeggi. Passengerbooks, Berlin/Zürich 2007. Ca. 52 Fr.
Ausstellung in der Coalmine Gallery, Winterthur, bis 21.12.

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