Die Phönizier und ihre «Kunst der Imitation»

17. Dezember 2007, 08:30 – Von Peter Müller

Sie waren grosse Seefahrer, Händler, Handwerker und haben das Alphabet erfunden. Dennoch bleiben die Phönizier rätselhaft. Eine Ausstellung in Paris macht deutlich, warum.

Im Schlepptau der Armeen kamen auch die Archäologen. Nicht nur, weil die Heere die Forscher vor unfreundlichen Einwohnern schützen konnten. Unter den Militärs waren zudem benötigte Spezialisten zu finden, Landvermesser etwa oder Sprengstoffexperten. Und schliesslich wollten die Kolonialherren schöne Beute in ihren Triumphzügen mitführen – ob Louvre, British Museum oder Berliner Museumsinsel, Europas grosse Kunstinstitutionen zeugen davon.

Auf Wunsch von Napoleon III. zog 1860 Ernest Renan mit einem französischen Expeditionskorps in den Libanon. Die Soldaten sollten die lokalen Christen beschützen, während der Philologe Renan, ein antisemitischer Spezialist für semitische Sprachen, die antiken Stätten zu erforschen hatte. Renan liess in Byblos, Sidon und Tyros graben, schrieb an seinem späteren Bestseller «Das Leben Jesu» und genoss mit der Gattin die Freuden des Orients. Sein monumentaler Rapport über die Grabungen erschien zwischen 1863 und 1874 unter dem Titel «Mission in Phönizien». Von da an waren die Phönizier ein Thema. Und ein Rätsel. Überall am Mittelmeer

Die grosse Ausstellung, die das Institut du Monde Arabe zu seinem 20. Geburtstag in Zusammenarbeit mit dem Louvre veranstaltet, geht dem Rätsel auf verschiedensten Wegen nach und bleibt doch überblickbar. Den Ehrgeiz der Monsterschau, die 1988 im Palazzo Grassi in Venedig zu sehen war, hat sie nicht. Sie beschränkt sich auf die Blütezeit dieser Seefahrer, Händler und Kunsthandwerker, vorab das erste Jahrtausend v. Chr., und endet mit der Zerstörung von Tyros durch Alexander den Grossen 332 v. Chr.

Zeitlich schränkt man in Paris ein, geografisch aber wird ausgeweitet. Der Titel schon zeigt es an: «La méditerranée des Phéniciens». In den ganzen Mittelmeerraum hatten die Phönizier ihre Waren und ihre Kultur exportiert, von Syrien über Zypern, Tunesien (mit der phönizischen Gründung Karthago), Marokko bis Spanien, und diese Ausstrahlung spiegelt sich in den Vitrinen. Leihgaben aus vielen Ländern und Museen machen es möglich. Aus Madrid kommt eine Bronzestatuette des ägyptischen Gottes Ptah, der seinen Namen wohl den Phöniziern verdankt, aus Beirut eine «dea gravida» aus Terracotta, eine schwangere Fruchtbarkeitsgöttin, Syrien steuerte einen Baal mit mützenähnlicher Krone bei, und Karlsruhe schickte einen kunstvoll geschnitzten Lebensbaum aus Elfenbein.

Die Ausstellung gliedert thematisch, von den Göttern über Totenrituale (menschenähnliche Sarkophage, Grabbeigaben) und Handwerkszweige (Elfenbein, Gold, Silber, Bronze, Keramik, Textilien) bis zu den Schiffen, die für das Handelsvolk zentral waren. Als Tonmodelle und bronzene Halbreliefs sind Lastkähne zu sehen, während der berühmte Alabasterfries aus Khorsabad, der den Export der aus der Bibel bekannten Zedern vom Libanon darstellt, schon aus praktischen Gründen im Louvre bleiben musste. Fotos müssen als Ersatz genügen.

Besser transportieren lassen sich die mit feiner Ritzung verzierten Muscheln. Und auch die vielfältigen Masken, welche die Phönizier offenbar in Leben und Tod begleiteten. Grosse aus gebranntem Ton, die Theatermasken gleichen, könnten Priester beim Kult getragen haben. Kleine bunte, mit Knopfaugen, Haar- und Bartlocken aus Glas, wurden als Schutzmaskottchen aufgehängt.

Eindrücklich wirkt das alles, und doch ist der Besucher irritiert. Ah, ägyptisch, denkt er, dann wieder: wie griechisch! oder auch: typisch mesopotamisch! Eklektisch ist die Kunst der Phönizier, sie nimmt vielerorts Einflüsse und Anregungen auf; ein unverwechselbar eigener Stil fehlt. Der Pionier Renan hielt mit seiner Enttäuschung nicht zurück: Als industriell fabrizierte «Kunst der Imitation» beschrieb er die Funde im Libanon – die Phönizier waren keine zweiten Griechen. Die Ausstellungsmacher von heute sehen das gern positiv und sprechen von «kosmopolitischer Kunst». Aber das flotte Label hindert nicht, dass Phöniziens Konturen unscharf bleiben.

Das hat nicht zuletzt mit einem Paradox zu tun: Die Phönizier gelten als Erfinder des Alphabets, haben aber wenig Schriftliches hinterlassen. Ihr Image ist von Fremdstimmen geprägt, von Homer, der die Phönizier in der «Odyssee» als clevere, schlitzohrige Kaufleute beschreibt, oder vom biblischen Propheten Ezechiel, der nach einem langen Katalog ihrer Handelsbeziehungen den Untergang der phönizischen Stadtstaaten voraussagt. Nicht zu reden vom römischen Autor Plautus, der in der Komödie «Poenulus» einen Phönizier in seiner Sprache reden lässt, eine Lachnummer. Nicht einmal den Namen gaben die Phönizier sich selbst: Die Griechen nannten sie so, in Anspielung auf das Purpur (griechisch «phoinix»), in welchem die Phönizier gern ihre Textilien färbten – vielleicht aber auch bloss wegen ihrer kupferroten Haut.

Institut du Monde Arabe, Paris, bis 20. April. Katalog 56 Euro. www.imarabe.org

Die Erfinder des Alphabets
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Vor rund 3000 Jahren ist jenes Alphabet entwickelt worden, das auch dem unsrigen, dem lateinischen, zu Grunde liegt. Dass das im Nahen Osten geschah, im heutigen Libanon, in der phönizischen Hafenstadt Byblos, ist kein Zufall. In dieser Region kreuzten und mischten sich in der Antike die Kulturen. Dem phönizischen Alphabet voraus ging ein Alphabet in Keilschrift, das Alphabet von Ugarit (heute Syrien). Und die Keilschrift selbst, ein kompliziertes Schreibsystem für Spezialisten, taucht erstmals um 2700 v. Chr. in Mesopotamien auf (heute Irak).
Die Idee der Phönizier war so schlicht wie genial: für jeden Laut ein einfaches Zeichen. Allerdings berücksichtigten sie nur Konsonanten, 22 insgesamt. Weil die Phönizier im ganzen Mittelmeerraum Handel trieben, wurde ihr Alphabet zum Exportschlager. Bemerkenswert daran: Es war ein Kulturtransfer ohne Zwang. Anders als später bei den Römern oder den europäischen Invasoren seit dem 16. Jahrhundert, die ihren Kolonien das lateinische Alphabet vorschrieben. Auf Kreta lernten Griechen das phönizische Alphabet kennen und erweiterten es um die Vokale. Über die Etrusker kam es auch zu den Latinern, die später als stolze Römer von diesem Umweg nichts mehr wissen wollten. (per)

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