Manon hat das eigene Schlafzimmer zum Kunstwerk erklärt
25. Februar 2008, 08:00 Von Paulina SzczesniakIn den Siebzigern rüttelte Kunstpionierin Manon an den gutbürgerlichen Schweizer Werten. Nun widmet ihr das Helmhaus eine reizvolle Retrospektive.
Wir schreiben das Jahr 1974. Installation und Performance stecken als kreatives Ausdrucksmittel noch in den Kinderschuhen. Da knallte es schöpferisch in der Zürcher Galerie Li Tobler: Statt Bilder oder Skulpturen auszustellen, zügelt die junge Schweizer Künstlerin Manon, Jahrgang 1946, kurzerhand ihr eigenes Schlafzimmer in den Ausstellungsraum. Als wäre sie soeben den Laken entstiegen, präsentiert sich das ungemachte Bett inmitten eines heillosen Durcheinanders von Accessoires, die auf einen beunruhigend hohen Konsum von Alkohol und Männern schliessen lassen. «Das lachsfarbene Boudoir», so der Titel des Werkes, gewährt weit tiefere Einblicke, als dem gutbürgerlichen Publikum lieb ist; die schamlos zur Schau gestellte Intimität stösst auf wenig Gegenliebe.
Nun kann dieser Tempel der weiblichen Wollust erneut bestaunt werden: Im Helmhaus eins zu eins nachgebaut, ist er derzeit Teil von Manons erster Retrospektive. Aus dem überaus reichen &Oelig;vre schälte Kuratorin Brigitte Ulmer repräsentative Werke verschiedener Schaffensperioden heraus, wobei neben Manons Paradedisziplinen – Performance, Installation und ganz besonders Fotografie – auch ihre Lust am Modedesign sowie ihre Omnipräsenz in der zeitgenössischen Presse gestreift werden.
Miss Rimini wechselt die Rollen
Ein kurzer Blick auf die Exponate, und die Frage nach ihrer Quintessenz erübrigt sich. Statt lange nach einem Sujet zu suchen, wählte Manon schlicht sich selber zum Thema. Die eigene Person in den Fokus ihrer Arbeit rückend, hat sie sich seit je immer wieder neu erfunden, sich verkleidet, geschminkt, inszeniert, und sich dabei pausenlos dokumentiert. Damit nahm sie bereits in den Siebzigerjahren vorweg, was wenig später zum Inbegriff des modernen urbanen Lebens werden sollte: Ihre Selbstdeklaration als Kunstobjekt machte sie zur Vorreiterin einer narzisstischen Travestie, wie sie heute von Modeund Kosmetikindustrie als Grundstein der Gesellschaftsfähigkeit präsentiert und von Tausenden kultiviert wird.
Diese Lust am Verkleiden zeigt sich unter anderem in der Fotoserie «Einst war sie Miss Rimini» (2003), für die Manon, um das fiktive Schicksal einer ehemaligen Schönheitskönigin zu skizzieren, in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft ist. Nonne, Hure, Krebspatientin – sie werden im Helmhaus neckisch mit italienischen Canzoni unterlegt –, als Diashow präsentiert.
Manon versteht es meisterhaft, den Voyeurismus des Publikums für sich zu nutzen, ihm stets das anrüchige Lustgefühl zu geben, in einem fremden Tagebuch zu blättern oder durchs Schlüsselloch zu schielen. Eine exhibitionistisch veranlagte Rampensau ist sie jedoch nicht – jedenfalls nicht nur: Auf der Mehrzahl der Fotos ist ihr Aussehen durch eine dicke Schicht von Schminke verfremdet, oft tarnt sie sich mit Masken und Perücken. Ihr wahres Gesicht, das Persönlichste und Verletzlichste, bleibt dem Auge des Betrachters verborgen. Den Rest hingegen, den Körper, präsentiert sie bis zur Erschöpfung, zeigt ihn in Schwarz-Weiss und Farbe, nackt und bekleidet, verrenkt und bis zum Fetischobjekt stilisiert.
Dass sie sich damit in die patriarchalisch geprägte kunstgeschichtliche Tradition einreiht, die den weiblichen Körper seit je objektivierte und für den männlichen Lustgewinn instrumentalisierte, geschieht absichtlich und nicht ohne Ironie: Wenn sie sich etwa mit kahl geschorenem Kopf ablichtet («La Dame au crâne rasé», 1977/78), hinterfragt sie das gängige Schönheitsideal, indem sie ihm eine betont subjektive, feministische Färbung gibt. Eine selbstbewusste Haltung, die der nachfolgenden Generation den Weg ebnen sollte: 1999, ein Vierteljahrhundert, nachdem Manons «lachsfarbenes Boudoir» Empörung und Spott hervorgerufen hatte, stellte die britische Künstlerin Tracy Emin ihr zerwühltes Bett ins Museum. Es brachte ihr eine Nominierung für den begehrten Turner Prize ein.
Bis 20. April.
Parallel zur Ausstellung erscheint die erste umfassende Monografie zum Gesamtwerk der Künstlerin: «Manon – Eine Person». Scheidegger&Spiess, 2008. 275 S., 48 Fr.
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