Sebastião Salgados Afrika-Recycling
26. Februar 2008, 17:20 Von Barbara BastingDer brasilianische Fotograf Sebastião Salgado zeigt ein Bild von Afrika, das problematisch ist und Kritik bei seinen Kollegen aus Afrika hervorruft.
Sebastião Salgado ist seit langem der Inbegriff des «concerned photographers». Mit seinen Reportagen und gross angelegten Buchprojekten, namentlich «Arbeiter» und «Migranten», hat sich der 1944 geborene Brasilianer weltweit Respekt verschafft. Er gehört heute zur Liga internationaler Top-Fotografen. Seine präzis komponierten Aufnahmen prägen sich oft unwiderruflich ein. Ebenso beherrscht Salgado die Klaviatur der Emotionen. Das Pathos seiner Bilder wird durch sein Beharren auf der Schwarzweissfotografie noch betont. Salgado, der von 1979 bis 1994 Mitglied der Agentur Magnum war, diese aber verliess und seine Publikationen nun von seiner Frau Lélia Deluiz Wanick Salgado betreuen lässt, legt unter dem Titel «Africa» eine Summe seiner seit 1973 entstandenen Aufnahmen aus Afrika vor.
Der auf edel getrimmte, breitformatige Coffeetable-Band präsentiert sich als ausgehend vom Bildmaterial nachträglich konstruierte Rundreise durch verschiedene Länder Afrikas, angefangen mit Moçambique und Angola, wohin Salgado zwischen 1974 und 1997 mehrmals reiste. Die ersten Aufnahmen zeigen Kindersoldaten, die letzten Opfer von Antipersonenminen und Kriegswaisen. Auf dieses Drama folgt eine erste Irritation: seitenlang betörend schöne Landschafts- und Tieraufnahmen aus der namibischen Wüste, entstanden in den letzten Jahren, sowie aus der Gegend der grossen Seen, Ruanda, Tansania, Kenya. Das ist, laut begleitendem Text (er stammt von Mia Couto), die Region Afrikas, auf die die Rede vom «Afro-Pessimismus» am besten passe. Klar, denn hier wurde der ruandische Völkermord verübt, von dem Salgado seinerzeit bedrückende Bilder gemacht hat – auch sie Teil des Buches.
Die Landschaftsbilder sind ein Vorgeschmack auf Salgados neues Projekt «Genesis», in dem er die Natur- und Tierwelt Afrika so ursprünglich wie möglich zeigen will: Als wolle er demonstrieren, dass alles doch nicht gar so schlimm ist. Vielleicht ist es auch eine Art Wellness-Übung des Fotografen, der den Kopf auch voller schrecklicher Bilder haben muss. Die Ernüchterung folgt sogleich, der Rest des Buches ist wieder afrikanischen Schreckenszonen, den Hungergebieten von Niger 1973 über Somalia und Äthiopien bis zum Sudan 2006, gewidmet.
Salgados Africa-Recycling ist ein befremdliches Buch. Denn obwohl es so viele zeitgenössische Tragödien aus seinem Archiv zeigt und die Legenden auch knappe Details liefern, erscheint es merkwürdig zeit- und ortlos. Der Grund ist offensichtlich: Salgados Bilder entstanden zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort – und oft für einen Kontext, etwa für Publikationen von Hilfswerken wie Médecins Sans Frontières. Doch in «Africa» werden sie aus dem Zusammenhang gerissen, zu einer grossen Bildersuppe verrührt, aus der einem vor allem der Geruch von Gewalt und Elend in die Nase steigt. Wer Topografie und Chronologie all der Ereignisse, von denen Salgados Bilder handeln, nicht präsent hat – und wer hat das schon–, bekommt nicht einmal elementare Orientierungshilfen an die Hand.
Jüngere Afrikaner wehren sich
Der renommierte afrikanische Fotograf Akinbode Akinbiyi hat sich jüngst in einem ausführlichen Gespräch mit der Berliner Kunstkritikerin Sabine Vogel, an dem auch zwei weitere afrikanische Kollegen teilnahmen, heftig über Salgados Buch geärgert: «Ich will nicht, dass unser Afrika vermarktet wird als verrotteter Kontinent, der Hilfe von aussen braucht. Es gibt viel mehr Afrikas.» Ganz selten sähe man die Menschen in der Gegenwart angekommen, setzt Akinbiyi seine harsche Kritik fort, bei der er Salgados Bilder sogar – was ungerecht ist – mit Leni Riefenstahls Afrika-Exotismus vergleicht. Salgado sei für ihn «total altmodisch»: Er zeige nur ländliche Gebiete, Hunger, Elend, Krieg, Flüchtlinge und vermittle einen sehr engstirnigen Blick auf Afrika. Akinbiyis Ausführungen sollte man ernst nehmen. Denn sie sind gut nachvollziehbar – und zeigen, dass angesichts der heutigen Bilderindustrie Skepsis geboten ist selbst gegenüber wohlmeinenden, bestens beleumdeten Lieferanten. Gerade Salgados Buch ist ein Beispiel dafür, wie durchaus positive Intentionen in ihr Gegenteil kippen können, wenn das Gutmenschentum derart ästhetisiert und kommerzialisiert wird. Konzeptuell durchdachte Fotobücher müssen heute anders daherkommen.
Sebastião Salgado, «Africa», Texte Mia Couto. Taschen, Köln, 2007. 335 S., 83.90 Fr.
Ausführliches Interview mit Akinbode Akinbiyi, an dem mit Santu Mofokeng und Sylvester Ogbechie ein weiterer Fotograf sowie ein afrikanischer Kunsthistoriker teilnehmen, unter: www.berlinonline.de





























