Homers Helden von Troja bis Hollywood
22. März 2008, 08:25 Von Peter MüllerÜber Homer, den Urvater aller Dichter, wird derzeit heftig gestritten. Die Basler Ausstellung «Homer. Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst» zeigt ihn von seinen besten Seiten.
Ein perfekteres Timing lässt sich kaum denken. Fast auf den Tag genau mit der Ausstellungseröffnung ist Raoul Schrotts bereits im Voraus debattiertes Buch «Homers Heimat» erschienen. Schrott, österreichischer Dichter und Amateurforscher, versetzt den griechischen Dichter und den in seiner «Ilias»-Dichtung geschilderten Kampf um Troja von Kleinasien nach Kilikien, in die Nähe der heutigen türkisch-syrischen Grenze. Die Basler Schau markiert eine Gegenposition dazu, nicht nur mit der vierseitigen, schroff ablehnenden Stellungnahme zu Schrotts Thesen, welche die Ausstellungsleitung abgegeben hat.
Kostbarkeiten aus 50 Museen
Natürlich ist die Basler Schau keine Spontanreaktion. Bis mit 50 Museen so weit verhandelt ist, dass sie sogar Spitzenwerke ausleihen, dauert es. Vor vier Jahren hatte Thierry Greub von der Basler Kunstvermittlungsfirma Art Centre die Idee. Als wissenschaftlichen Schirmherrn konnte er Joachim Latacz gewinnen, den bekannten Homer-Forscher und emeritierten Professor der Universität Basel. Latacz steht für eine traditionelle Richtung in der Homer-Forschung. In dem erbitterten Gelehrtenstreit, der vor ein paar Jahren um die seit dem 19. Jahrhundert andauernden Troja-Grabungen in der Türkei tobte, ergriff er entschieden Partei für Ausgräber Manfred Korfmann. Dass Latacz von der aktuellen «Schrott-Welle» nichts hält, versteht sich.
So begrüsst denn der vertraute blinde Dichter den Besucher in Basel, als Büste und auch auf Münzen. Heikler wird es, wenn Homers Zeit und Umfeld dargestellt werden sollen. Geometrisch verzierte Amphoren und bronzene Statuetten verweisen aufs 8. Jahrhundert vor Christus, während immer mehr Forscher für Homers Wirken zum 7. Jahrhundert vor Christus tendieren. Immerhin wird die Lebenswelt des wirkungsmächtigsten abendländischen Autors nicht mehr auf Smyrna (heute Izmir), Chios und Samos beschränkt. Sogar von «einer ersten Globalisierung» reden die Ausstellungsmacher und zeigen Schalen, Kessel und Kannen auch aus dem syrisch-phönizischen Raum: Die Einsicht, dass die Griechen, Homer voran, sich stark vom Orient inspirieren liessen, ist auch in Basel angekommen.
Verwirrliche Sprünge
Vom 8. wechselt die Ausstellung ins 12. Jahrhundert vor Christus In einer Vitrine sind Tontäfelchen mit ersten Schriftzeichen fürs Griechische zu sehen. Dann ist ein weiterer Zeitsprung zu machen: Bronzene Waffen, dazu der berühmte Eberzahnhelm aus dem athenischen Nationalmuseum, dokumentieren die Zeit, in der Homers Helden vermutlich gekämpft haben (16.–12. Jh. v. Chr.). Und schon geht es wieder vorwärts, ins 6. und 5. Jahrhundert vor Christus – Trinkschalen mit Gelageszenen illustrieren, in welchem Umfeld der Sänger Homer seine Epen «Ilias» und «Odyssee» vielleicht vorgetragen hat.
Die brüsken Zeitsprünge können verwirren. Wer nicht die Musse aufbringt, die ausführlichen Texttafeln zu lesen, verliert leicht die Übersicht. Die Basler Ausstellung, so sehenswert sie mit ihren über 230 Exponaten ist, will zu viel. Der Dichter Homer, seine Zeit, die Zeit seiner Helden, seine Werke, deren Überlieferung und deren Nachwirkung – kurz: vom marmornen Homer bis zu Brad Pitts bös lauerndem Hollywood-Achill, alles versucht man in Basel abzudecken. So viel Ehrgeiz kann überfordern und frustrieren.
Denn noch wartet der Hauptteil der Schau. Darstellungen der Geschehnisse in «Ilias» und «Odyssee», vom antiken Vasenbild bis zur Video-Installation, illustrieren Homers enormen Einfluss. Hier ist die Ausstellung am besten. Den Baslern ist es gelungen, weltberühmte Meisterwerke für einige Monate zusammenzuführen. Eine Berliner Trinkschale etwa zeigt Achill von einer ganz unkriegerischen Seite: Er verbindet den verwundeten Freund Patroklos. Aus München kam eine Amphore des grossen Malers Exekias: Aias trägt den Leichnam Achills aus der Schlacht, wobei der lebende und der tote Körper zu verschmelzen scheinen. Wien steuert den Brygos-Becher bei, der den Bittgang des trojanischen Königs Priamos zum monströsen Schlächter Achill erzählt.
Die Sirenen, bedrohlich und komisch
Man kann sich kaum sattsehen an den Kostbarkeiten, doch lockt schon die «Odyssee». Hier bewährt sich eine Idee der Ausstellung besonders gut: Antike Darstellungen konstrastiert sie mit Versionen aus späteren Jahrhunderten. Zum Beispiel die Begegnung des Abenteurers Odysseus mit den verlockend-verderblichen, betörend singenden Sirenen. Auf der dickbauchigen Amphore aus dem British Museum ist eine Sirene im bedrohlichen Sturzflug zu sehen. Auf der etruskischen Urnenkiste aus Florenz blickt Odysseus zurück zu den musizierenden Sirenen, als wären es die Freuden des Lebens, die dem Toten nun versagt sind. Zweitausend Jahre später hellt Arnold Böcklin die Episode auf. Eine seiner Sirenen lässt am Bauch schlaffe Fettfalten sehen. Das Epos wird zur Groteske.
Antikenmuseum Basel, bis 17. August; Reiss-Engelhorm-Museen Mannheim, 14. Sept. bis 18. Jan. 2009. Katalog 59 Fr.%perl>Der abendländische Urdichter als Emigrantenkind und Eunuch
Ein Marketing-Coup? Raoul Schrott, der 44-jährige Dichter und Hobbyforscher, verwahrt sich gekränkt gegen den Verdacht. «Homers Geheimnis ist gelüftet» hatte der Österreicher an Weihnachten in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» auf vier Zeitungsseiten verkündet und dabei auf sein im Frühling erscheinendes Buch zum Artikel verwiesen. Jetzt ist das Buch da, über 400 Seiten dick, mit Fotos, Zeichnungen, Karten und langen Zitaten aus Homer, Bibel, mesopotamischen Dichtungen. An den Grundthesen aber hat sich, wie erwartet, nichts geändert.
Vor allem auf drei seit der Antike immer wieder gestellte und erforschte Fragen will Schrott definitive Antworten gefunden haben:
- Wer war Homer? Schrott: Homer lebte nicht wie bisher vermutet im griechischen Ionien, sondern einige hundert Kilometer weiter östlich, in Kilikien, einer Region im Süden der heutigen Türkei, wo sich in der Antike Kulturen mischten. Als Sohn griechischer Emigranten war Homer Schreiber im Dienst assyrischer Herrscher und, wie alle hohen assyrischen Beamten, ein Eunuch.
- Gab es wirklich einen Krieg um Troja? Schrott: Homer reicherte die alte Troja-Sage mit aktuellen Schlachtberichten aus Kilikien an. Als Schreiber hatte er Zugang zu den assyrischen Archiven.
- Wo lag Troja? Schrott: Sicher nicht bei den Dardanellen, wo seit dem Hobbyforscher Heinrich Schliemann bis heute gegraben wird. Viel besser passt zu Homers Beschreibungen der Burghügel von Karatepe in Kilikien.
Schrotts Thesen sind die gleichen, anders ist jetzt sein Stil. Durch den Zeitungsartikel wehten Euphorie und Schwung des Entdeckers; im Buch tönt es zurückhaltender. Nicht mehr das Publikum soll gewonnen werden, sondern die Fachwelt. Die weit ausholende Abhandlung mit ihren 1400 Fussnoten ist nicht gerade eine beflügelnde Lektüre.
Unverändert wie die Thesen ist deren Ablehnung durch die Wissenschaft. Kein namhafter Forscher hat bisher Schrott zugestimmt. Viele seiner angehäuften Einzelbeobachtungen sind, so der kritische Tenor, teils zweifelhaft, teils hanebüchen, ihre Summe überzeugt nicht.
Inzwischen hat Schrott seinen Kritikern erneut in der FAZ geantwortet: «Am meisten überrascht hat mich, wie leicht sich bisher den geäusserten Kritikpunkten Paroli bieten lässt.» Insbesondere die «Angriffe» des Basler Spezialisten Joachim Latacz seien bloss «ideologisch».
Deutlicher noch äusserte sich Aussenseiter Schrott im Wiener «Standard» über die vielen Generationen von Homer-Forschern vor ihm: «Die wussten im Wesentlichen ja nur, dass man von Homer nichts weiss.» (per)
Raoul Schrott: Homers Heimat. Der Kampf um Troja und seine realen Hintergründe. Hanser Verlag, München 2008. 431 S., 48 Fr.Schweiz
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