Schweiz

Bedeutende Fotos – und eine Fälschung

13. Juni 2008, 20:37 – Von Rudolf Walther

«Der entscheidende Augenblick» – die erste Ausstellung über den sowjetischen Fotografen Jewgeni Chaldej in Berlin.

Dokumentarist Chaldej: Kinder und Krankenschwester in der Sowjetunion, 1965.
CHALDEJ/PD Dokumentarist Chaldej: Kinder und Krankenschwester in der Sowjetunion, 1965.

Eines seiner Bilder ist weltbekannt: Ein sowjetischer Soldat hisst auf dem Reichstagsdach im Mai 1945 eine sowjetische Flagge im rundum brennenden Berlin. Es fixiert nicht den, aber einen entscheidenden Augenblick des Sieges über den Nationalsozialismus. Das Bild hat seine eigene Geschichte, die mittlerweile bekannter ist als der Mann, der hinter der Kamera stand: Jewgeni Chaldej (1916 bis 1997).

Im Berliner Martin-Gropius-Bau werden jetzt rund 200 Aufnahmen des Ukrainers gezeigt, der sich das Fotografieren selbst beibrachte und der 1941 nach Kriegsbeginn zu den rund 200 sowjetischen Kriegsfotografen (darunter fünf Frauen) gehörte. Mehr als die Hälfte dieser Fotografen kamen im Krieg ums Leben. Die Originalaufnahmen stammen aus der Sammlung des Fotografiehistorikers Ernst Volland, der Chaldej im Westen überhaupt erst bekannt machte. Chaldej arbeitete für die Agentur Tass, aber auch für einige der 18 Militärzeitungen, die in den verschiedenen Frontabschnitten erschienen, sowie für einige der nicht weniger als 110 Armeezeitungen. Seine Ausstattung war bescheiden: ein Leica-Nachbau, eine Leica und ein Koffer mit der Laborausrüstung. Als Dunkelkammer dienten ihm Keller und Höhlen. Erst nach dem Krieg schenkte ihm der berühmte Kollege Robert Capa eine Speed Graphic-Camera mit Blitzlichtern. Notorisch war der Mangel an Filmmaterial.

Das Elend der Zivilbevölkerung

Chaldej arbeitete relativ selbstständig an verschiedenen Frontabschnitten. Trotz dieses Spielraums gab es natürlich Vorgaben für Bildmotive von der «Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee» (GlavPUR). Gefragt waren propagandistisch verwertbare Fotos von infanteristischen Sturmangriffen, von Panzerattacken auf breiter Front, von weiblichen Scharfschützen und jede Art von Heroischem. Chaldej erfüllte diese Vorgaben nur bedingt. Er fotografierte das Elend der Zivilbevölkerung und die Brutalität des Krieges mit einem eher pathetischen Blick, der eine affektive Beziehung zu den abgebildeten Vorgängen und Menschen dokumentiert.

Die Geschichte des berühmten Bildes mit der Sowjetflagge auf dem Reichstag belegt sein Verständnis vom Fotografieren als Ergreifung «des Lebens auf frischer Tat» (Cartier-Bresson), was Chaldej jedoch nicht daran hinderte, «Kompositionsmöglichkeiten» auszuprobieren. Das Foto des Rotarmisten, der die Flagge auf dem Reichstag hisst, entstand erst zwei Tage nach der Eroberung des Gebäudes. Es ist eine von über dreissig Aufnahmen und obendrein eine Montage aus zwei übereinander gelegten Negativen. Um den historischen Augenblick des Sieges zu dramatisieren, unterlegte Chaldej dem Negativ ein weiteres Negativ mit viel Rauch über dem brennenden Berlin. Einer der drei Soldaten, die auf dem Bild zu sehen sind, trug auf dem Original an beiden Handgelenken eine Uhr – offensichtlich Beutestücke. Für die Publikation des Originals 11 Tage nach der Aufnahme in der Zeitschrift «Ogonjok» retouchierte Chaldej die Uhr vom rechten Arm des Rotarmisten weg. Auf Fragen nach der Manipulation und Fälschung seiner Arbeiten antwortete Chaldej bis an sein Lebensende ebenso kurz wie souverän: «Es ist ein gutes Foto und historisch bedeutend.»

Chaldejs beste Aufnahmen zeigen ihn als einen ein- und mitfühlenden Dokumentaristen: Ein Foto zeigt einen kaum 20-jährigen toten Rotarmisten mit übel zerschossenem Gesicht an eine Mauer gelehnt; eine Taube sitzt auf seinem rechten Unterarm. Ein anderes Bild zeigt einen alten Mann, der seinen verstörten Blick auf einen toten Soldaten am Bordsteinrand richtet. Nach Chaldej soll er gesagt haben: «Ich bin ein alter Mann. Wozu dieser Krieg?» Chaldej fotografierte 1944 das fast völlig zerbombte und verbrannte Sewastopol. Vor der Trümmerlandschaft turteln Liebespaare in Badekleidung. Chaldejs Titel: «Das Leben geht weiter.»

Er starb fast völlig vergessen

Nach dem Krieg war Chaldej offiziell akkreditierter Fotograf bei der Konferenz im Potsdamer Cecilienhof, wo er Stalin, Truman und Churchill (nach dessen Abwahl Atlee) respektive Schukow, Eisenhower und Montgomery als stolze Sieger ins Bild setzte – bei den Nürnberger Prozessen die Kriegsverbrecher.

Wie durch ein Wunder überlebte der jüdische Ukrainer Chaldej, dessen Familie von den Deutschen fast vollständig ermordet wurde, die antisemitischen Exzesse Stalins nach 1945. Chaldej starb am 10. Oktober 1997 in seiner bescheidenen Moskauer Einzimmerwohnung fast völlig vergessen.

Bis 28. Juli. Katalog 22 Franken.

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