Genf, ein gutes Pflaster für moderne Kunst
06. August 2008, 19:11 Von Barbara BastingGleich mehrere Ausstellungen lohnen einen Besuch im Genfer Bâtiment d'art contemporain, das drei - und vielleicht bald vier - Kunst-Institutionen unter seinem Dach vereinigt.
Das Bâtiment d'art contemporain (BAC) in Genf ist dem Zürcher Löwenbräu nicht unähnlich; ehemalige Fabrikhallen, in denen sich mittlerweile drei Kunstinstitutionen angesiedelt haben. Am längsten dabei ist das Mamco (Musée dart contemporain). Der Franzose Christian Bernard, seit 1994 tätiger Gründungsdirektor, hat das Haus mit einem eigenständigen Programm profiliert; dass er auch Kurator des Festivals «Printemps en Septembre» in Toulouse 2008/2009 ist und für den französischen Auftritt an der nächsten Kunstbiennale von Venedig verantwortlich zeichnet, bestätigt sein Ansehen.
Auch das Centre d'art contemporain (CAC), neuerdings geleitet von Katya Garcia-Anton, ist ein Fixpunkt der zeitgenössischen Schweizer Szene. Noch nicht lange im BAC ist das Centre de la photographie unter Leitung von Jörg Bader. Es zeigt seit Jahren auf hohem Niveau vor allem Newcomer-Positionen der Fotografie.
Skepsis bei den Synergieeffekten
Im Unterschied zum Löwenbräu fehlen die Galerien. Dafür soll, wenn es nach dem Genfer Regierung geht, auch das Centre pour l'image contemporaine (CIC) ins BAC übersiedeln. Das CIC, das international Anerkennung geniesst und auf eine zwanzigjährige Aktivität und teilweise Pionierrolle im Bereich der Neuen Medien zurückblickt, gehört zur Fondation des Centre Saint-Gervais. In deren Gebäude sind auch Theater und ein Kino untergebracht. Es liegt zwar zentral in der Nähe des Bahnhofs, ist allerdings in die Jahre gekommen und wenig attraktiv.
Dennoch regt sich seitens des CIC und zugewandter Kreise, darunter viele Künstler, Widerstand, was die geplante Verlegung betrifft. Es wird befürchtet, dass damit die Autonomie des CIC beschnitten wird. Momentan ist, wie seitens des CIC verlautet, alles in der Schwebe. Im Herbst dürfte die Diskussion an Fahrt gewinnen. Aus Besuchersicht wäre eine Zusammenlegung sicher praktisch; die Befürchtung, dass die viel beschworenen «Synergien» nur verkappte Sparübungen sind, die das gewachsene Profil der bisherigen Institutionen verwässern, ist aber verständlich.
Derzeit sind vier Ausstellungen im BAC zu sehen. Das Centre de la photographie im Erdgeschoss zeigt mit Fabio Biasios Wohnzimmerbildern von SVP-Mitgliedern, die inzwischen auch in Buchform vorliegen («Die Mitte des Volkes», Ed. Patrick Frey) sowie «Offshore» von Philippe Durand zwei politische Arbeiten.
Durand hegt in seinen grossformatigen Farbaufnahmen einen besonderen Blick auf die karibischen Steuerflucht-Paradiese: Die Geldströme, die hier fliessen, sieht man nur indirekt. Etwa in Form von Bankfilialen aus aller Herren Länder, Golfplätzen, Jachthäfen, Offroadern. Direkt sieht man, dass die Einheimischen kaum von diesem Geld profitieren.
Im CAC ist der Ex-Verleger und Büchernarr Christoph Keller zu Gast. Keller, der lange Jahre den Frankfurter Revolver-Verlag leitete, hat nebenbei den «Kiosk» zusammengetragen, Tausende von Publikationen zur zeitgenössischen Kunst. Der «Kiosk» wurde in vielen Institutionen gezeigt und inzwischen von der Berliner Staatsbibliothek angekauft.
Schräge Kunstpublikationen
Ganz vom Metier verabschiedet hat sich Keller, der am Bodensee eine Mühle mit Edelbrennerei betreibt, nicht; im Zürcher Verlag JRP/Ringier gibt er unter seinem Imprint Bücher heraus. Seine neue Sammlung «Beyond Kiosk» widmet sich den vielen, oft grafisch herausragenden, innovativen oder einfach nur schrägen Kunstpublikationen der letzten Jahre. Eine Auswahl daraus zeigt er im CAC; man darf darin nach Herzenslust blättern. Selbst wer nur wenig Zeit mitbringt, bekommt zumindest eine Vorstellung davon, welch unglaubliche Mengen an kreativ bedrucktem Papier der Kunstbetrieb hervorbringt. Der Untertitel - «Modes of Multiplication» - zeigt an, dass Dabeisein oft alles ist: «Publish or perish», das Setzen visueller Signale und Marken, ist hier eine Überlebenstechnik im Kampf um Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Sichtbar wird aber auch, dass die Kunst-Kirche in unheimlich viele Sprengel und Fraktionen zerfällt. Dabei enthält Kellers Selektion fast nur Off-, keine Mainstreamerzeugnisse.
Wenn die Sélection Keller höchstens Kopfschütteln provozieren mag angesichts der Blüten, die die Kunstpublizistik treibt, fährt die Einzelschau des Franzosen Philippe Ramette (* 1961) unter dem ironischen Titel «Gardons nos illusions» - bewahren wir unsere Illusionen - direkt unter die Haut. Ramette baut kuriose Prothesen und Vorrichtungen aus schönem, wie für ökologische Möbel sanft gerundetem, handgeöltem Massivholz, die aber Situationen der Folter, der Disziplinierung, der Gewalt evozieren. So gibt es einen «Präventiven Galgen für potenzielle Diktatoren», «Krücken für Neugeborene» oder eine perfide Vorrichtung, um «Menschenmengen einzuteilen».
Zu Ramettes Auftritt in zwölf Sälen, die sein Schaffen aus rund zwanzig Jahren zeigen, gehören auch Fotografien, auf denen der Künstler als Anwender seiner Apparaturen - etwa einer Prothese mit Spiegel, um einen schon zurückgesteckten Weg zu überblicken - zu sehen ist. Ramettes Kunst steckt voll hinterhältigem Witz, der ihrem absichtsvoll inszenierten, forcierten Sadismus die Spitze bricht. Ein bemerkenswerter, wenn auch nicht leicht verdaulicher Kommentar zur Gegenwart.
Marclays Musik-Bilder
Im obersten Stock des Mamco schliesslich wird das umfassende fotografische Werk des in den USA lebenden Schweizers Christian Marclay bis hin zu den jüngsten Werkserien gezeigt. Marclay, der sozusagen alles fotografiert, was auch nur entfernt mit Musik und Geräusch zu tun hat - wie etwa Sprechlöcher im Sicherheitsglas von Bankschaltern - wird dadurch allerdings als Künstler eher unfreiwillig demontiert; anders als in seiner Schau 2003 in Thun tritt das Anekdotische seiner Fixierung auf die Sichtbarkeit des Hörbaren fast zu deutlich hervor.
CAC bis 14.9., Mamco bis 21.9., Centre pour la photographie bis 17.8. Katalogheft zu «Offshore».
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