Weshalb es der Welt in der Paparazzi-Falle gefällt
11. April 2008, 01:29 Von Simone MeierWieso richten sich Celebrities wie Britney Spears oder Amy Winehouse zu Grunde? Weil wir das so wollen. Zum Phänomen einer unseligen Bilderseuche.
Es ist einer der ganz normalen, ewigsonnigen Tage von Beverly Hills, und Britney Spears geht es gerade ein bisschen besser. Sie setzt sich, nur von einem Bodyguard begleitet, ans Steuer ihres weissen Mercedes SL65 und fährt durch die Gegend. Die Paparazzi der Agentur X17 immer dicht an ihr dran. Sie filmen drei Minuten lang ihr strähniges Haar, stellen das Video auf www.x17video.com und schreiben dazu «Zeichen der Besserung – Britney fährt selbst!». Wow. Das ist am 7. April 2008. Der wahre Coup gelang der härtesten Paparazzi-Gang Amerikas jedoch am 3. April: 22 Minuten lang begleiteten sie Britney – immer von Bodyguards auf Abstand gehalten – beim T-Shirt-Shoppen! Unfassbar! Die atemlose Welt schaute zu, wie Britney ganze 10 Kartonschachteln mit hässlichen T-Shirts (Tattoo-Motive) des Designers Christian Audigier kaufte und dazu «Cute!» und «Oh my God!» hauchte. Wahrscheinlich hat Audigier mit diesem Monsterwerbespot lebenslänglich ausgesorgt. So, wie auch X17 dank Britney ausgesorgt hat.
30 bis 45 «Paps», rund die Hälfte der X17-Belegschaft, sind 24 Stunden lang mit Britney beschäftigt. Wenn sie einen besonders netten Tag haben, dann machen sie Britney Vorschläge, wie sie einen besonders peinlich verpatzten Schnappschuss noch einmal besser inszenieren könnte. Und wenn Britney einen besonders schlechtgelaunten Tag hat, dann verprügelt sie die Paps und ihre teuren Autos wie seinerzeit Ernst August von Hannover bei der Regenschirm-Attacke. Aber normalerweise duldet sie die schnellen Schmarotzer und sagt keine schwermütigen Dinge wie Brad Pitt, der für den ungeliebtesten Teil seiner Star-Existenz überraschend poetische Worte fand: «Eine Celebrity zu sein, ist bestialisch. Du fühlst dich wie eine Gazelle, die sich verirrt hat, und der Weg zurück zur Herde ist von Löwen abgeschnitten.»
Eine Industrie lebt von Britney
Britney Spears geht allerdings auch nicht so weit wie Victoria Beckham, die vergangenes Jahr bei ihrer verzweifelten Suche nach amerikanischer Aufmerksamkeit Tag für Tag ein noch langweiligeres Video über sich selbst auf www.dvbstyle.com stellte. Ein Flop. Weshalb sollte sich Amerika auch für die harmlosen Homevideos einer normalmagersüchtigen britischen Sportlergattin interessieren?
Klar, dass die Jungs von X17 die Ersten waren, die Britney bei der Kahlrasur, beim Tätowieren und bei der Einlieferung ins Spital erwischten. 3 Millionen Dollar oder 25 Prozent der Agentur-Einnahmen gingen 2007 auf Britneys Kosten. Und wenn ein rudelfremder Fotograf in die Nähe der kostbaren Bilder zu kommen drohte, so wurde er kurzerhand weggeprügelt. Europäische Paparazzi halten sich deshalb zunehmend von Hollywood fern. Ihr Leben ist ihnen lieber. Gegründet wurde X17 allerdings ausgerechnet von einem Europäer, vom früheren «Le Monde»-Mitarbeiter François-Regis Navarre, der selbst ein paar Jahre lang als Celebrity-Fotograf arbeitete, bevor er gezielt begann, Paparazzi-Gangs aus jungen mexikanischen und brasilianischen Immigranten auf lohnenswerte Objekte anzusetzen.
«Shooting» Britney, Lindsay (Lohan, laut X17 «our favorite rehabber») oder Angelina (Jolie) ist ein riesiges Business geworden, von dem nicht nur Magazine wie «People», «US Weekly» oder «In Touch», sondern auch viele, bis zu zwanzigmal am Tag aktualisierte Internet-Sites (www.tmz.com und www.perezhilton.com sind die schäbigsten) und TV-Kanäle wie E! (Entertainment TV) leben. Mit dem Zusammenbruch von Britney Spears wurden im vergangenen Jahr weltweit rund 100 Millionen Dollar eingenommen. Die Menschheit ist süchtig nach den allzu menschlichen Seiten der Stars.
Das fatale Dreieck
Die mehr oder minder kooperativen «Opfer» sind dabei vorwiegend Frauen – der Zusammenbruch, die Demontage, aber auch der Glamour einer weiblichen Celebrity wirken attraktiver, grösser, dramatischer, erotischer als diejenigen eines männlichen Pendants. Das geben Paparazzi-Agenturen offen zu. Nichts ist so langweilig wie ein selbstbewusster Mann. Sexploitation hat eine neue Dimension.
Aber auch die «Kunden» sind hauptsächlich Frauen – zwischen 16 und 34 –, die am liebsten über die Mittagszeit und am allerliebsten im Internet Normal- oder Skandalgeschichten der Promis verschlingen. Unterhaltungs-Fastfood, aus menschlichem Schicksal angerichtet. Und schliesslich ist auch die «Hauptschuldige», wegen der die Prominentenjagd in den vergangenen Jahren in Amerika immer aggressiver wurde, eine Frau: Sie heisst Bonnie Fuller, übernahm im März 2002 das Magazin «US Weekly» und füllte dieses fortan mit möglichst alltagsnahen, intimen und detailreichen Bildern der Stars ab. Und je mehr Drama der Star in seinem Alltag hatte, desto mehr Daseinsberechtigung hatte er auch. Vor Fuller waren in L. A. etwa ein Dutzend Paparazzi tätig, jetzt sind es Hunderte.
Fuller ist heute in einer fiktionalisierten Variante unter dem Namen Lucy Spiller die bösartige Antiheldin der TV-Serie «Dirt» (gespielt wird sie von Courteney Cox, der ordnungsliebenden, sanften Monica aus «Friends»). Als Chefredaktorin des Magazins «DirtNow» macht und vernichtet Spiller Hollywood-Karrieren, intrigiert und inszeniert und ist die gefürchtete Königin über ein menschenfressendes und vollkommen hohles Reich.
Eine Pause gibt es in diesem Zirkus keine. Ist ein Star im Café, in einem Shop oder zu Hause, schiessen die «Paps» durch die Scheiben, geht ihnen einer spontan in die Falle, so nehmen sie ihn ins «Dreieck», das heisst, drei Paparazzi stellen sich um den Promi herum, und wohin sich dieser auch wendet, er findet keinen Ausweg. Ein schlechtes Bild mit einem zynischen Kommentar ist immer möglich. Die einzige Möglichkeit, da halbwegs mit Würde zu entkommen, ist: Strahlen, Zähne blecken wie Tom Cruise, so tun, als bewege man sich ständig auf einem roten Teppich. Oder man flüchtet sich in die beschwichtigende Parallelwelt der Drogen. Früher sprach man da von Sex, Drugs and Rock 'n' Roll und meinte Rebellion oder Lifestyle. Bei Figuren wie Britney, Amy Winehouse oder Pete Doherty ist der Druck von aussen so enorm, dass Drogen wohl so was wie der Pausensnack einer durch die Gassen getriebenen Seele geworden sind.
Lang ist es her, als man sorgfältig ausgeleuchtete und ausgetüftelte Star-Porträts anhimmelte, wie sie einst die grossen Hollywood-Studios von ihren Überdiven wie der Garbo oder der Dietrich anfertigten und diese dann in ausgeklügelten PR-Feldzügen mit hausgefertigten Geschichten an die Öffentlichkeit brachten. Bilder, die ganz klar suggerierten: Hier ist ein übermenschliches und unantastbares Wesen, dort seid ihr, die Fans. Und vorbei sind die nostalgischen Zeiten, als bärbeissige Einzelgänger mit abenteuerlichen Teleobjektiven tagelang auf der Lauer lagen, um dann vielleicht ein körniges Bild von Prinzessin Caroline oben ohne zu erhaschen. So körnig allerdings, dass darauf nur mit viel Fantasie eine Prinzessin Caroline zu erraten war.
Im Reproduktions- und «Ich eigne mir einen Star an»-Fieber kennt der Mensch keine Hemmungen mehr. Es wird uns nicht nur ständig vorgegaukelt, dass wir alle dank Youtube, Myspace oder dem Fernsehen innerhalb weniger Wochen zu Super-, Music- oder Popstars werden können. Nein, der mediale Fortschritt hat zusätzlich den Paparazzi-Instinkt im Privatmenschen implantiert. Die gegenseitige Dauerbespiegelung von Celebrity und Celebrity-Bedürftigen darf schliesslich niemals abreissen.
Sollte deshalb einmal gerade kein «professioneller» Bilderjäger zur Stelle sein, so steht gewiss ein ganz normaler Mensch mit seiner Handykamera in der Nähe und schiesst ein qualitativ noch katastrophaleres «Leserbild», wie es heute in jeder Boulevard-Zeitung gerne gedruckt wird. Bundesrat Leuenberger bekamen wir so im Badeurlaub zu Gesicht, und Amy Winehouse, das am gründlichsten dokumentierte britische Promi-Wrack, wurde entweder beim Lippenstift-Klauen oder mit Akne im Gesicht festgehalten (die Akne wurde natürlich sofort zur ansteckenden Krankheit hochgeschrieben und Amy zur Aussätzigen gestempelt; ein schönes Beispiel, nach welchen archaischen Mustern die mediale Hexenjagd funktionieren kann).
Mutter Teresa meets Femme fatale
Je mehr wir über einen Star wissen, desto wichtiger wird er. Und wenn er es richtig angeht, nicht nur für uns, sondern auch für einen guten Zweck. Angelina Jolie beispielsweise ist zwar von Beruf Schauspielerin, aber ihre Filme sind unbedeutende Marginalien der Filmgeschichte. Dafür haben wir alles erfahren über ihre blutrünstige Ehe mit Billy Bob Thornton, ihre lesbische Experimentier- und ihre Ritzerphase, ihre Tattoos (komisch, auch Britney und Amy sind Tattoo-gezeichnet – als hätte sich da eine Spur von Klatschblatt-Druckerschwärze auf ihren öffentlich bekannten Körpern festgefressen), über «Brangelina», ihre Adoptionen und Schwangerschaften – und schliesslich ihre Mutter-Teresa-Seele im Körper einer Femme fatale. Angelina Jolie hat es tatsächlich geschafft, ihr Berühmtsein produktiv zu nutzen und für eine weltumspannende Wohltätigkeit einzusetzen.
Ob Britney, Amy oder Lindsay jemals einen ähnlichen Weg aus der konstanten Belagerung finden werden, ist fraglich. Im Moment scheint ihre Haut sehr dünn zu sein. Die Tausenden von Puzzleteilen, die wir Tag für Tag von ihnen vorgelegt bekommen, erzählen von zunehmendem Verfall und Zerrüttung. Wir sitzen ungerührt davor.
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