Reich der Widersprüche

07. August 2008, 14:12 – Von Henrik Bork

Zig Milliarden hat China ausgegeben, um die Welt an den Olympischen Spielen zu beeindrucken. Das Resultat: Neben der alten Repression ist auch ein neuer Mut zur Öffnung zu erkennen.

Das Staatsgeheimnis ist gelüftet. Ein Video von den Proben der Eröffnungsfeier der Olympi­schen Spiele kursiert im Inter­net. Ein südkoreanischer Fernsehreporter hat die Inszenierung in Peking heimlich aufgenommen und aus dem Land ge­schmuggelt, sehr zum Verdruss der chi­nesischen Organisatoren. Sie wollten die Welt am 8. August mit ihrer Mammut­schau überraschen. Es sollte der erste Pau­kenschlag einer sorgsam choreografier­ten Feier sein, mit der China seinen wirt­schaftlichen Erfolg in internationales Ansehen ummünzen will.

Dank des frechen Südkoreaners sind jetzt schon Teile der von Starregisseur Zhang Yimou entworfenen Schau zu be­wundern. Und wie China sich hier präsen­tiert, enthüllt auf faszinierende Weise, wie es sich selbst sieht und gerne von der Welt gesehen würde. Riesige digitale Wale schweben in einer majestätischen Prozession am oberen Rand des National­stadions im Kreis. Die Technik dahinter verrät das Video leider nicht, aber der An­blick ist beeindruckend. Unten, auf dem Boden des «Vogelnests», wie das neue Nationalstadion im Volksmund heisst, wechseln sich Kung-Fu-Kämpfer mit tra­ditionellen chinesischen Musikern und Modellen von plötzlich in die Höhe schiessenden Hochhäusern ab. Über dem ganzen, im Zentrum, schwebt eine riesige Erdkugel.

Walfische also. Man hätte auf Pandas getippt, aber nach kurzem Nachdenken machen die Wale durchaus Sinn. Genau so möchte China nämlich gerne gesehen werden: als friedlicher Riese, der zwar eine grosse Verdrängung hat, aber nur Plankton frisst und weder die Natur noch irgendwen sonst bedroht. Diese Botschaft gefällt der Kommunistischen Partei Chi­nas, die an der Planung des Spektakels ak­tiv beteiligt war. Welch ein Unterschied zu dem Bild, das sich der Rest der Welt macht, wenn er im Vorfeld der Spiele auf China blickt!

Der Walfisch zeigt Zähne

Ausserhalb der Volksrepublik jagt eine ne­gative Meldung die andere. Ein solches PR-Desaster hat es in der olympischen Ge­schichte noch nie gegeben. Es fing damit an, dass sich der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg von seiner Rolle als künstlerischer Berater der Eröffnungsfeier zurückzog. Das war der erste echte Pau­kenschlag: Es ging um den Völkermord in Darfur und um Chinas Rolle im Sudan, wo die Diktatoren in Peking, so der Vor­wurf, einen anderen Diktator unterstüt­zen, um an dessen Öl zu kommen. Eine Hiobsbotschaft aus China jagt seit­her die nächste. Niederschlagung friedli­cher Proteste in Tibet mit Hilfe des Mili­tärs, brutale Bodyguards beim Fackellauf in Paris und London, gewalttätige Aus­schreitungen gegen die Supermarktkette Carrefour in China. Verhaftungen von Olympiakritikern. Smog über Peking. Und nun schon wieder der nächste Skandal: Zensur des Internets für die 25 000 anrei­senden Journalisten, mit stummer Billi­gung des Internationalen Olympischen Komitees. Von wegen friedlicher Wal­fisch. Was präsentiert sich da? Viele Chinesen, allen anderen voran die Funktionäre der Partei, empfinden die Be­richterstattung im Ausland als unfair. Der Rest der Welt gönne ihnen den wirt­schaftlichen Erfolg nicht, die «Dalai-La­ma- Clique» wolle China die Olympischen Spiele verderben, behaupten die staatli­chen Medien. Und sie verweisen darauf, wie viel Mühe die Volksrepublik China sich gegeben habe.

Der Aufwand beträgt 45 Milliarden Franken

«Die Olympischen Spiele in Peking wer­den die besten in der Geschichte wer­den », so hatte Liu Qi, der Präsident des Pe­kinger Organisationskomitees (BOCOG) im Februar 2002 vor dem Internationalen Olympischen Komitee versprochen. Den Superlativ, nichts weniger, strebte die Volksrepublik China an. Nicht nur das «Vogelnest», das von Herzog & de Meu­ron erbaute Nationalstadion, ist eine be­wundernswerte Ikone moderner Archi­tektur. Auch viele andere Bauten – etwa der neue Flughafenterminal von Norman Foster – können sich sehen lassen. 19 der 31 Sportstätten wurden extra für die Spiele erbaut. Umgerechnet 45 Milliarden Franken soll Peking insgesamt investiert haben – deutlich mehr als jede Olympiastadt zu­vor. Sydney hatte sich die Veranstaltung 6,5 Milliarden kosten lassen, Athen gut 14,5 Milliarden Franken. Kritische Fragen, ob ein solch gigantischer Aufwand ge­rechtfertig ist, hat Chinas Regierung von den Bürgern nicht zu fürchten. Wer zu viel nachfragt oder überhaupt an den Spielen herummeckert, landet schnell im Gefängnis. Mit so viel Geld, das versteht sich von selbst, kann man ein paar hübsche Dinge errichten. Der blaue «Wasserwürfel» zum Beispiel ist ein wunderschönes, mit mo­dernster Energiespartechnik ausgerüste­tes Schwimmstadion. Wie das «Vogel­nest » steht es fast genau auf dem Zhongzhou Xian, jener magischen Nord­Süd-Achse Pekings, die exakt in der Mitte des ehemaligen Kaiserpalastes beginnt. Nur der Sohn des Himmels durfte einst in der Sänfte über diese imaginäre Linie ge­tragen werden, deren nördliche Verlänge­rung bei den Ming-Gräbern, unterhalb der Grossen Mauer, endet – und die jetzt quer durch das olympische Dorf verläuft. Schon die Ortswahl dokumentiert, wie wichtig China diese Spiele nimmt.

Das Land sucht die besten Köpfe des Westens

Die Stadt hat neue U-Bahn-Linien gebaut. Hat alte Kohlekraftwerke umgerüstet und neue Abgasstandards für Autos ver­kündet. «Diese Spiele werden ein blei­bendes, grünes Erbe in Peking hinterlas­sen », sagt der Umweltexperte Zhu Tong von der Peking-Universität. Und wohl auch ein anderes Erbe, von dem derzeit kaum jemand spricht – ein Erbe neuer Of­fenheit gegenüber der Aussenwelt. In all ihren Anstrengungen für diese Spiele war die kommunistische Führung bemüht, internationale Experten einzubeziehen. Mehrere Ausländer arbeiteten im Team von Zhang Yimou mit, damit die Eröff­nungsfeier auch beim internationalen Publikum ankommt. Das «Vogelnest» ist ebenso von Ausländern erbaut wie das neue Hauptquartier des Staatsfernsehens CCTV, das Rem Koolhaas entworfen hat. Peking möchte sich in den drei Wochen ab dem 8. 8. selbstbewusst präsentieren, aber auch weltoffen, modern, als Teil der Völkerfamilie. Das ist die Botschaft, die der grosse Globus, der bei der Eröffnungs­feier über dem Kung-Fu-Ballett schweben wird, vermitteln soll. Es ist eine Botschaft, welche die Partei vor Monaten vorgege­ben hatte. Der Geist des Gaige Kaifang, der Reform- und Öffnungspolitik, müsse in der Choreografie der Feier erkennbar sein, hatte Olympiachef Liu Qi in einer Sitzung vom Regisseur Zhang Yimou ge­fordert. Und der nickte brav. Das auf der Eröffnungsfeier zu bestaunende Ergebnis sind die wie Pilze aus dem Boden schies­senden Hochhaus-Attrappen. Man mag über die Plumpheit der Insze­nierung lachen, doch die Demonstration der eigenen Modernität, der bewussten Öffnung gegenüber dem Ausland ist die erfreulichste Botschaft dieser Olympi­schen Spiele. China möchte als Teil der Weltgemeinschaft akzeptiert werden. Es will sich nicht mehr einigeln wie zu Maos Zeiten. Und weil das so ist, wären Rufe nach einem Boykott der Eröffnungsfeier oder gar der Spiele kontraproduktiv, trotz Tibet, trotz dem Tiananmen-Massaker des Jahres 1989 und trotz all der Repres­sion im Vorfeld der Spiele. Ist das jetzt nicht alles sehr wider­sprüchlich? Ja, das ist es. Genauso wider­sprüchlich wie China selbst, das sich ge­rade modernisiert, vor allem wirtschaft­lich, aber politisch eben immer noch eine kommunistische Einparteiendiktatur ist. Die internationale Aufmerksamkeit, die China mit der Olympiade selbst eingela­den hat, bringt nun wie ein Suchschein­werfer in der Nacht sämtliche negativen Seiten des Regimes ans Licht.

Vorolympische Säuberungswelle

Dutzende von Regimegegnern hat die kommunistische Führung in Gefängnisse oder Arbeitslager transportieren lassen, damit sie die Olympischen Spiele nicht für ihre Anliegen ausnutzen. Anfang die­ser Woche zum Beispiel ist der Prozess gegen Ni Yulan eröffnet worden. Die heute 47-jährige Anwältin beobachtete am 15. April 2008, wie Arbeiter sich an den Abriss ihres Hauses in einer alten Gasse der Pekinger Altstadt machen wollten. Ihr Haus stand einem der vielen Bauprojekte für die Olympischen Spielen im Weg. Ni wolle die Arbeiter aufhalten. Da schlug man ihr mit einem Stein über den Schädel. Später, auf der Polizeistation, wurde sie bewusstlos geprügelt und so schwer ver­letzt, dass sie seither gehbehindert ist. Als sie später eine Demonstration gegen die Zwangsumsiedlung Pekinger Bürger für die Olympischen Spiele bei der Polizei beantragen wollte, wurde sie wegen «Er­regung öffentlichen Ärgernisses» verhaf­tet. Es ist kein schönes Regime, dass die Olympischen Spiele ausrichtet. Es ist ein Regime, dessen modernere Kräfte in die richtige Richtung unterwegs sind, vom Ziel eines zivilen Staatswesens aber noch sehr weit entfernt sind. Das kann man zur Kenntnis nehmen, auch offen ansprechen, und ist deswegen noch lange kein olympi­scher Spielverderber, ausser vielleicht in den Augen der Pekinger Führung. Und während der Eröffnungsfeier am 8. 8., wenn die grosse Erdkugel feierlich durch das «Vogelnest» schweben wird, darf man gemeinsam mit vielen Chinesen von die­sem künftigen, moderneren China träu­men, einem China ohne all das Kung-Fu der Polizei und der Sicherheitskräfte. Vom China, das ein friedlicher Walfisch ist.

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Umfrage

Soll in der Deutschschweiz mehr Hochdeutsch gesprochen werden?

zur Story...

Ja, der nationale Zusammenhalt verlangt dies

Im Gegenteil, die Mundart sollte mehr gefördert werden

Die Balance zwischen Dialekt und Hochdeutsch ist zurzeit genau richtig


Lernpower

Die Top-Themen im

Neu: Alle Dossiers auf einen Blick

Schandflecken oder Denkmäler?

Thomas Minders Kampf gegen die Abzocker

Die Libyen-Affäre




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten