Schweiz

Der frühe Erfolg lastet wie eine schwere Hypothek auf der Band

29. November 2007, 07:44 – Von Nick Joyce

Das französische Duo Air trat im ausverkauften Volkshaus in Zürich auf. Und glänzte nur kurz – und erst im Zugabenblock.

Tönende Warenhauskulisse: Nicolas Godin am Bass (Bild) und sein Partner Jean-Benoît Dunckel an den Keyboards sorgen für gepflegte Langeweile.
OESCHGER Tönende Warenhauskulisse: Nicolas Godin am Bass (Bild) und sein Partner Jean-Benoît Dunckel an den Keyboards sorgen für gepflegte Langeweile.

Es kann einer Weltkarriere abträglich sein, wenn man als Musiker einen Klassiker früh vorlegt. Das wissen die französischen Air nur zu gut, denn seit ihrem Debütalbum «Moon Safari» (1998) sind Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin immer wieder für leise Enttäuschungen gut. Wurde ihre Filmpartitur zu Sofia Coppolas «The Virgin Suicides» (2000) noch als hübscher Seitensprung begrüsst, taten sich Kritiker und Enthusiasten bei der Bewertung von «10'000 Hz Legend» (2001), «Talkie Walkie» (2004) und «Pocket Symphony» (2007) ungemein schwerer.

Das Pariser Duo wolle sich eben nicht wiederholen, war überall zu hören, und doch legte man diese Platten weitaus seltener auf als «Moon Safari», diese unverwüstlich futuristische Verschmelzung von Pink Floyd, Serge Gainsbourg und Erik Satie. Tatsächlich sind Dunckel und Godins Platten nicht belangloser geworden, sondern ätherischer. Kam der griffige Einstand wie eine potenzielle Hitkollektion daher, ist das aktuelle «Pocket Symphony» ein verschachteltes Klangpuzzle, dessen Einzelteile sich kaum aus dem Zusammenhang des ganzen Albums lösen lassen. Das, obwohl Air für ihre neuen Platten immer mehr Songs schreiben, nur fehlt für diese Kurzform das nötige Strukturbewusstsein: Zu Stimmungsbildern gruppierte Jingles liegen Dunckel und Godin mehr.

Diese Weiterentwicklung hat Konsequenzen für das Zürcher Konzert vom Dienstag. Das dicht zusammengedrängte Publikum ist offensichtlich ins Volkshaus gepilgert, um den Klassiker «Moon Safari» live zu hören: das merkt man daran, dass spätere Stücke nur eine verhaltene Resonanz finden – und dass die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen nicht so recht wissen, was sie zum einlullenden Wohlklang mit sich anstellen sollen. Als einige im Parkett Pogo tanzen, sieht das wie eine verzweifelte Selbstunterhaltungsmassnahme aus.

Möglichst nahe am Original

Dabei geben sich Air und ihre drei Begleiter alle Mühe, die Studiokreationen originalgetreu zu reproduzieren. Dunckel entlockt seinen zwischen funkelnden Diodenbalken aufgetürmten Keyboards die für die Band typischen Analog-Sounds, am Bühnenrand brilliert Godin als herrlich melodischer Bassist, während Schlagzeuger Earl Harvin den unmöglichen Spagat zwischen den rollenden Fills eines Ringo Starr und den starren Beats eines Drumcomputers meistert.

Alles ist an seinem Platz, nur das Repertoire zündet nicht, weil skizzenartige Stücke wie «Don't Be Light» oder «Redhead Girl» eher Airs Gefälligkeit herausheben als die atmosphärische Präzision der Platten. Von hier zur tönenden Warenhauskulisse ist es nicht mehr weit. Umso grösser ist die Überraschung, als Air im Zugabenblock plötzlich Schritt fassen. Bei dem frühen «J'ai dormi sous l'eau» entspannen sie sich in einen warmen Groove und lassen die leichten Harmonien nun doch bedrohlich klingen, die Erkennungsmelodie «Sexy Boy» wird trotz Aufführungspflicht lustvoll und laut interpretiert, und das abschliessende «La femme d'argent» profitiert von einer ausgedehnten Improvisation, bei der die Band – dafür gibt es keinen anderen Begriff – richtig ausrockt, wie man es nicht von ihr erwartet hätte.

Selten hat es sich so gelohnt, bis zum Schluss eines lauen Konzerts auszuharren. Nur schade, dass Dunckel und Godin so lange brauchen, um in Fahrt zu kommen. Das Je-ne-sais-quoi können die beiden immer noch aus der Tasche ziehen, nur fehlt ihnen das Savoir-faire, um ihr immer verschlungener werdendes Repertoire zu einem stimmigen Konzertprogramm zu drehen. Dabei hätten sie «Moon Safari» nur in voller Länge aufführen müssen, um das Publikum früh abzuholen. Der Einstandsklassiker wird noch lange wie ein Mühlstein um Dunckel und Godins Hälse hängen.

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