Schweiz

Viel Show, wenig intime Stimmung

06. Dezember 2007, 23:26 – Von Nick Joyce

Am Mittwochabend standen Die Ärzte aus Berlin zweieinhalb Stunden auf der Bühne des Zürcher Hallenstadions. Und erwiesen sich dabei als generöser, als für ihre Musik gut war.

Kurz vor halb neun ist das Zürcher Hallenstadion in Feststimmung. Das zu Recht, steht mit Die Ärzte doch Deutschlands beste und beständigste Liveband auf dem Programm und verspricht eine lange Nacht mit vielen Etappen. Schliesslich ist das Berliner Trio für seine ausufernden Konzerte berühmt, und laut der Setliste sind an diesem Mittwochabend ganze drei Zugabenblocks eingeplant.

Dass es Die Ärzte seit ihrer Wiedervereinigung 1993 gelingt, ein zappeliges Publikum über Stunden hinweg bei der Stange zu halten, liegt nicht bloss an ihrem humoristischen Repertoire zwischen Punk, Schlager und Metal; es hat auch mit ihren glänzenden Moderationen zu tun, diesem Mix aus aufreibender Pöbelei und bandinternem Hickhack. Dank diesen Ausbrüchen wirken die Pausen zwischen den Songs oft mindestens so unterhaltsam wie die Musik drum herum: Nicht umsonst legten Die Ärzte ihrem Livealbum «Wir wollen nur deine Seele» eine Bonus-CD mit ineinander gemischten Ansagen bei.

In Zürich spielen Farin Urlaub, Bela B und Rod Gonzalez aber nach den Regeln des Stadionrocks und lassen ihre Moderationen allzu oft zu Publikumsanimationen mutieren. Auch wenn diese manchmal so clever sind, wie man es gewohnt ist – Gitarrist Urlaub lässt beispielsweise die erste Zeile aus «Freude schöner Götterfunken» als La-Ola-Welle im Zuschauerraum kreisen –, fehlt hier jene gebündelte Intimität, die Die Ärzte einst sowohl in engen Klubs als auch in grosse Hallen wirken liessen.

Blitzen und Funkeln

An ihrer Stelle entfacht die Band eine regelrechte Materialschlacht. Scheinwerferbänke blitzen und funkeln, drei kleine Videobildschirme zeigen Piratenflaggen und Vampirfledermäuse, Verstärker und Keyboards erscheinen und verschwinden wie von unsichtbarer Hand geführt. Das ist toll gemacht und wirklich auch eindrücklich, aber überflüssig, zumal diese Standardelemente weder atmosphärisch noch dramaturgisch zum Konzert beitragen und noch mehr vom kabarettistischen Naturell der Bandmitglieder ablenken.

Nach anderthalb Stunden findet die Gruppe endlich zur gewohnten Lockerheit zurück, reisst prägnante Scherze über überreiche Zürcher, deutsch-österreichische Weltherrschaftsfantasien und die umstrittene Plakatkampagne der SVP, bei kleinen Patzern flackert auch der ruppige Charme in der Musik wieder auf: Als Farin Urlaub das Gitarrensolo zum Song «Perfekt» verhaut, lacht Bela B. so stark, dass der Leadgesang des Schlagzeugers beinah in Mitleidenschaft gezogen wird. Das sind alles herzerwärmend spontane Augenblicke, die das starre Schema eines konventionellen Stadionkonzerts zunehmend unterwandern.

Während den Zugabenblocks häufen sich die Kuriositäten: Die Band verblüfft mit NDW-Persiflagen («Elektro Bier»), entzückt mit vergessenen Heulern aus der ersten Karrieretranche in den 80er-Jahren («Anneliese Schmid») und reisst die letzten Zuschauer und Zuschauerinnen mit einer aufbrausenden Version der aktuellen Single («Junge») von den Stühlen. Selten haben Moll-Akkorde so viel Kraft und doch so viel Melancholie ausgedrückt.

Die Lightshow und die Videobildschirme hat man indes ausgeblendet, unter anderem auch darum, weil die eigene Aufnahmefähigkeit für neue Reize bereits erschöpft ist. Weil man das Hallenstadion mit einem Gefühl der multimedialen Überfütterung verlässt, werden einem die schlanker inszenierten Ärzte-Konzerte vergangener Tage als spannender in Erinnerung bleiben, da sie einen immer mit Lust auf mehr in die Nacht entliessen. Nach der Schlemmerei vom Mittwochabend fühlt man sich hingegen weihnächtlich gemästet – was ja kaum Absicht der Ärzte gewesen sein kann.

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