«Man gewinnt viel, wenn man sich Geduld nimmt»
13. Februar 2008, 17:30Seit dem Debüt bei ECM sind für den Zürcher Pianisten Nik Bärtsch und seine Band Ronin die Dinge in Fahrt gekommen. Jetzt erscheint der Zweitling beim deutschen Edellabel.
Mit Nik Bärtsch sprach Christoph Merki
Schön, dass wir Sie noch erreichen. Sie gehen ja bald in die USA für Konzerte.
Ja. Wir konnten dort eine erste Tournee organisieren. Unsere erste Platte für ECM vor zwei Jahren kam in den USA gut an, verkaufte sich verhältnismässig gut.
Wie oft denn?
Bis Mitte des letzten Jahres gingen weltweit insgesamt über 10 000 Stück weg, viele davon eben auf dem grossen US-Markt. Offenbar stösst unsere Mischung aus Funk, Minimal und Jazzelementen dort auf offene Ohren.
Vor drei, vier Jahren waren Sie noch ein lokaler Zürcher Musiker, heute werden sie international besprochen. Was hat die Zusammenarbeit mit ECM bei Ihnen verändert?
Man meint, durch eine starke Partnerschaft wie mit ECM würde das Leben leichter für den Künstler, weil ihm viel abgenommen wird und er sich mehr auf seine Musik konzentrieren kann. Die Herausforderungen steigen aber in sämtlichen Bereichen. Viel Organisations- und Kommunikationsarbeit ist nötig. Aber natürlich: Die Vermittlung unserer Musik durch ECM hat uns beträchtlich geholfen. ECM hat ein internationales Netz von Interessierten und ist eine starke Referenz. In einer unübersichtlichen Zeit, wo Tausende Künstler CDs produzieren, sind Referenzen unheimlich wichtig.
Nimmt das Publikum Ihre Musik je nach Land sehr unterschiedlich auf?
Das ist schwer zu generalisieren. Was auffällt, ist, dass beispielsweise in Japan für Konzerte immer ein spezieller Respekt vorherrscht. Wir spielten in einem Funk-Club in Kyoto. Viele junge Leute hörten unheimlich konzentriert zu, wie es in der Schweiz selten der Fall ist. Die Japaner haben einen anderen Umgang mit Musik – auch mit dem Phänomen, dass in einer Musik mal eine Weile nichts passiert.
Spüren Sie einen Schweizer Malus? Schweizer Musiker sind in der internationalen Musikszene nicht unbedingt bestens angesehen.
Die Herkunft spielt tatsächlich eine Rolle wegen der Frage der Authentizität. Das lernte ich bei einem halbjährigen Aufenthalt in Japan. Man wird immer zuerst gefragt: Woher kommst du? Ein Land steht für etwas. Gleichzeitig gestalten wir diesen Eindruck auch mit. Eine Qualität, die man mit der Schweiz in Verbindung bringen könnte, ist zum Beispiel «Veredelung». Die Schweiz hat eine Tradition der Veredelung von Rohstoffen, und sie kennt auch eine perfekte Handwerkskunst.
Sie begeistern sich sehr für asiatisches Denken. Zugespitzt gefragt: Unterwandern Sie das Phänomen des uninteressanten Schweizers, indem Sie sich zum Japaner machen?
Jeder Mensch ist in seiner Existenz mit der Frage konfrontiert: Was ist kulturell bedingt, was ist universell, was individuell? Es gibt Dinge, die an bestimmte Kulturen gebunden sind. Und es gibt universelle Phänomene: Jazz oder Aikido sind zu globalen Erscheinungen geworden, unabhängig von ihrer Herkunft. Daneben gibt es individuelle Affinitäten: Ich oder auch unser Drummer Kaspar Rast kennen eine starke Affinität zum Rhythmischen. Kaspar wird seit früher Kindheit von vielen Bands angefragt, weil er einfach groovt. Zu sagen, er groove nicht, weil er Schweizer sei, ist Blödsinn. Bei mir ist auch Japan eine Affinität, ihr ging ich immer nach.
Japan schlägt sich bei Ihnen auch sehr konkret in Ihrem Äussern nieder, Ihrer Bekleidung. Sie suchen bewusst ein solches Auftreten.
Ich mache das nicht, weil ich eine Art Style inszeniere, sondern weil ich mich so am wohlsten fühle. Der Inhalt äussert sich, ob man will oder nicht, im Äusseren. Jeder wählt ja bis zu einem gewissen Grad, was er ist. Darum finde ich es wichtig, dass man sorgfältig wählt, eine subtile Balance findet zwischen dem Ästhetischen und dem Praktischen; im Idealfall decken sich diese Kriterien. Ich suche eigentlich praktische Kleider, die auch für Tourneen geeignet sind, für Bühnen, wo man rumgehen kann, ohne zu stolpern, und so weiter. Und da sind viele Bekleidungen aus der Kampfkunst oder dem Zen sehr praktisch.
Ihr neues Album ist dem Vorgänger in seiner musikalischen Grundsprache erstaunlich ähnlich. Täuscht der Eindruck, dass in den letzten zwei, drei Jahren recht wenig passiert ist?
Diese Frage geht von europäischen Voraussetzungen aus, einem Entwicklungsdenken. Ich fand von allem Anfang an eher die Frage interessant, wie eine Ästhetik in die Tiefe entwickelt werden kann. Wie eine Kommunikation untereinander entsteht, ein intuitives Zusammenspiel. In der Kunst, dem Kunsthandwerk Japans, geht man davon aus, dass gewisse Entwicklungen erst zu Stande kommen nach ein paar Jahrzehnten Arbeit. Wir haben die Geduld, unsere Musik subtil und langfristig voranzutreiben. Man gewinnt viel, wenn man sich diese Geduld nimmt und keinen Schlendrian aufkommen lässt.
Schlendrian lässt sich positiv fassen als Improvisationsgeist im Sinne der bewussten Unkontrolliertheit eines musikalischen Prozesses. In Ihrer Musik ist selbst ein scheinbar ekstatisches Saxofonsolo faktisch von Ihnen vorgegeben.
Ich komme von meiner Biografie her aus einem Spannungsverhältnis zwischen improvisierter und komponierter Musik. In unserer Band ist sehr viel genau notiert. Aber in Clubs entwickeln wir manchmal Dinge, von denen der Hörer zwar denkt, es sei komponiert, aber tatsächlich ist es improvisiert. Gerade in meinem Spiel mit Kaspar Rast passieren Dinge, von denen man denkt, sie seien abgemacht. Sind sie aber nicht. Mir geht es mehr darum, dass die Band als Gesamtorganismus improvisieren kann, ohne dass die Einzelspieler mit einer Art egozentrischen Soli das Ganze verwirren.%perl>
Wissenschaftliche Studien auf CD
Nik Bärtschs zweite CD für ECM, «Holon», unterscheidet sich nur graduell von seinem Vorgänger mit dem Namen «Stoa». Vielleicht ist sie insgesamt etwas sanfter, befleissigt sich im einen oder andern Stück reicherer Harmonien. Bärtsch nennt seine Kompositionen kühl «Module». Sicher trifft es zu für seine Musik, dass «mathesis» genauso eine grosse Rolle spielt wie «emotio». Die fünfköpfige Formation Ronin mit Bärtsch am Klavier, den Perkussionisten Kaspar Rast und Andi Pupato, dem Holzbläser Sha sowie dem E-Bassisten Björn Meyer spielt eine zumeist modale Musik, deren Patterns, teilweise bis in die Akzente des Drums hinein, akribisch in der Komponierwerkstatt ausnotiert wurden. Darin liegt einerseits das Faszinosum dieser Musik begründet: Vom Funk inspirierte Grooves und Minimaltexturen werden sozusagen vom Werkbegriff einer abendländischen Ästhetik her gedacht.
Das ist nicht neu, und auch der Berner Don Li arbeitet seit Jahren in diesem Bereich. Kompositorisch sind die Module von Bärtsch aber mit grösster klanglicher wie rhythmischer Sensibilität konstruiert. Man möchte von wissenschaftlichen Studien sprechen. Manchmal wirkt das zwar ein wenig gar in sich geschlossen und «nach Plan», man würde sich ein paar Schlenker der Musiker, ein bisschen weniger Konzepttreue und Strenge wünschen. Aber das neue Album ist doch offener, verspielter, lebendiger als der gar stoische Vorgänger «Stoa». (cme)
Nik Bärtsch's Ronin: Holon (ECM/Phonag).
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