Duffy hat unsere Gnade verdient
22. März 2008, 08:22 Von Reto BaumannEin Balanceakt auf dem Grat zwischen Sehnsucht und Nostalgie: Die britische Soulsängerin Duffy bringt mit brandneuen Retroschlagern Nestwärme in die Stuben.
In der Popmusik geht es zuerst um Zahlen. Zum Beispiel: 8 Millionen. So viel Mal hat sich das Album «Back to Black» der britischen Soulsängerin Amy Winehouse weltweit verkauft, mit einem Sound, der den Girl-Group-Pop der Sechzigerjahre unverfälscht ins Heute beamt. Sogar in den amerikanischen Charts setzte sich die Britin damit vor manch musikalisch avanciertere Formation. Der Erfolg kam überraschend, aber er ist erklärbar, auch jenseits der Stimmgewalt der Winehouse und der breiten medialen Begleitung ihrer Selbstzerstörung. Denn mit ihren Retroliedern bediente die Sängerin massgeblich jene schon leise grau melierte Klientel, die noch bevorzugt CDs kauft und nicht einzelne Songs vom Computer lädt.
In der Popmusik geht es aber auch um Bilder. Im Fall der 23-jährigen Aimee Anne Duffy, kurz Duffy, aus dem walisischen 2550-Seelen-Dorf Nefyn sind diese vornehmlich schwarzweiss gehalten und schauen aus wie Standfotos des britischen Free Cinema der frühen Sechziger. Die Poesie der Fotos liegt in ihrem quasidokumentarischen Gestus. Das Haar trägt Duffy wie einst die Bardot in «Et Dieu créa la femme», bloss verhuschter, ihre Lippen sind ähnlich voll, die dunkel geschminkten Wimpern wiederum sind künstlich verlängert wie bei, äh, der Winehouse. Im Video ihrer ersten Single «Mercy» singt Duffy sexy und im schlichten und klassisch geschnittenen Kleid vom Eisblock herab in ein altes Stabmikrofon, um sie herum tanzen gelenkige junge Herren in Fred-Perry-Hemden bis die Füsse sich entzünden.
In der Popmusik geht es schliesslich auch um Musik. Und da geht es einem im Fall von Duffys Debüt «Rockferry» zumindest beim ersten Anhören wie einst bei Amy Winehouse - man fragt sich öfter, ob man gerade eine Coverversion hört oder doch nur ein Stück, das sich an Vorbilder anlehnt. Mit Grund: Der Bittsong «Mercy» beginnt mit zwei Takten aus Ben E. Kings «Stand By Me» und schliesst diese kurz mit einem Keyboardsegment aus Joe Zawinuls «Mercy, Mercy, Mercy». In «Hanging On Too Long» werden Bass und Streicher unverfroren bei Marvin Gayes «I Heard It Through the Grapevine» geborgt. Der Transfer verläuft klassisch: Motown hat bereits in den 60ern schwarzen Soul den Weissen zugänglich gemacht.
Stärker als bei der Winehouse, die den historischen dumpfen Sound in den Aufnahmen recht getreu nachstellt, darf sich hier auch mal das Heute in die Lieder schmuggeln. Musikalische Zitate werden verfremdet, gehärtet und mit neuem Schwung versehen. Darin und in der bisweilen extrafetten Orchesterbegleitung liegt der Duffy-Sound letztlich näher bei den Ideen des Produzentenpapstes der Sixties-Teenmusik, Phil Spector. Dieser hat das Studio immer mehr als Wunderkammer denn als Ort der blossen Dokumentation verstanden, um die Popmusik in Trance zu führen. Spectors Wagemut und Wahnsinn allerdings gehen Duffys Musik ab.
Der Wille nach Grandezza ist gleichwohl da. Und er reibt sich sehr produktiv mit der Biederkeit des Images und der Behaglichkeit der Musik. «Ich selbst war noch nie verliebt», gab die Sängerin gegenüber dem britischen Sender Channel 4 kokett zu Protokoll, und doch singt sie in ihren zehn Liedern von nichts anderem als von enttäuschter Liebe.
Jenseits des Regenbogens
Hier liegt auch – und von ihm war beängstigend häufig zu lesen – das Missverständnis all jener, die bei Duffy im Vergleich zu Winehouse die «Authentizität» im Ausdruck vermissen, sprich: die Leidenserfahrung. Denn es geht bei Duffy im Kern nicht darum, wie es ist, sondern, wie es sein könnte oder sollte. Erzählt wird hier immer auch die Geschichte eines Mädchens, das sich an einen fernen Ort träumt, jenseits des Regenbogens. Sie singt es selbst: «I am a distant dreamer.» Es ist nur konsequent, wenn Duffy, die an allen Stücken mitgeschrieben hat, und ihr Produzent, der Ex-Suede-Mann Bernard Butler, dabei auch den Kitsch nicht scheuen. Wenn etwa in «Distant Dreamer» vom harten Leben die Rede ist, setzt auf Knopfdruck schwärend ein Saxofon ein.
Die Stimme Duffys mit ihrem kräftigen und bei Bedarf plötzlich zarten dunklen Timbre erträgt den Schmus. Mal klingt in ihr der laszive Sex der alten James-Bond-Titelsongs an, dann wieder meint man, hier singe tremolierend eine Schülerin aus ihrem Poesiealbum. Beides ist wahr. Deshalb stimmen auch die Zahlen: «Rockferry» verkaufte sich in England in den ersten zehn Tagen bereits eine halbe Million Mal.
Duffy: Rockferry (Universal).Schweiz
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