Schweiz

Bittere Worte, unnötig nachgesüsst

03. Juli 2008, 08:34 – Von Jean-Martin Büttner

Gestern im Hallenstadion führte Lou Reed sein düsteres Frühwerk «Berlin» auf: als opulentes und leider auch durchzogenes Spektakel.

Konzentriert und gleichzeitig teilnahmslos: Lou Reed gestern Abend im Hallenstadion.
DORIS FANCONI Konzentriert und gleichzeitig teilnahmslos: Lou Reed gestern Abend im Hallenstadion.

Ausdruckslos steht er auf der Bühne und bedient seine Gitarre. Tiefe Falten durchfurchen das Gesicht eines Musikers, der alle Exzesse durchprobiert hat. Konzentriert und gleichzeitig teilnahmslos trägt er seine Zeilen vor, als wolle er mit dem Entsetzen nichts zu tun haben, den sie verbreiten. Mit tonlos nasaler Stimme erzählt er, wie Jim sich mit Amphetamin aufpeitscht und dann seine Caroline zusammenschlägt. Und wie Caroline ihn verhöhnt, weil er kein Mann sei, jedenfalls nicht wie all die anderen, mit denen sie ihn betrügt.

Emotionale Versteinerung

Lou Reed ist 66 Jahre alt; die Songs, die er heute Abend singt, hat er vor 35 Jahren aufgenommen. Er stand selber unter Speed, damals, ging durch eine Scheidung und fiel an seinen Konzerten fast von der Bühne. In diesem Zustand nahm er zusammen mit dem Produzenten Bob Ezrin 1973 «Berlin» auf, das Konzeptalbum über ein kaputtes Paar, das in einer Abwärtsspirale von Sadismus, Sex, Drogen und Gewalt zu Grunde geht. Die Mauerstadt Berlin, die Reed damals noch nicht kannte, geriet zur Metapher einer emotionalen Versteinerung.

Bei Erscheinen wurde das aufwändig arrangierte Werk von der Kritik verrissen und von den Fans ignoriert, was Reed schwer verletzte. Später erklärten es viele zu einem Meisterwerk, eine Überkorrektur; «Berlin» mag besser sein, als damals behauptet, es ist aber nicht so überragend wie heute herbeigeschrieben.

Ein Chronist ohne Moral

Jedenfalls beschloss sein Autor, die Platte integral aufzuführen samt Rockband, Orchester, Kinderchor und Filmbeigaben. Die Premiere fand im vorletzten Dezember in New York statt, gestern war das Werk im Hallenstadion zu hören. Konnte das gut gehen? Reed stellt seit langem den Kunstanspruch, was seiner Musik selten gut getan hat und im direkten Widerspruch steht zur rohen Musik seiner Anfänge mit den Velvet Underground. Das Resultat blieb denn auch zwiespältig. Die dreissig Musikerinnen und Musiker, die teilweise bombastischen Arrangements bewirkten das Gegenteil von dem, worum es Lou Reed mit seiner Musik und seinen Texten immer gegangen ist.

So missriet die Aufführung immer dann, wenn der Chor die bitteren Zeilen des Sängers nachsüsste und die Band sich in überlangen Soli erging. Für eine solche Orchestrierung bietet Reeds Musik harmonisch zu wenig. Dann aber, vor allem im zweiten Teil desKonzerts und bei Stücken wiedem meisterhaft herausgespielten «How Do You Think it Feels?», entwickelte sich die Eindringlichkeit aus der Einfachheit heraus, die Reeds beste Musik ausgezeichnet hat, und sein schmuckloser Vortrag wurde dem Thema des Albums gerecht. Dann überbrachte der Sänger mit der kühlen Sprechstimme die Zuckungen seiner Protagonisten wie einen Obduktionsbefund, als Chronist ohne Urteil und Moral, mitleidlos und präzis.

Die Zugaben dann, darunter «Satellite of Love» und «Rock ’n’ Roll», wurden wieder durch den Kinderchor oder die Bläser weichgespült und in einen Waschmittelspot verkehrt. «Es gibt nichts Besseres als zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug», hat er einmal geschrieben; hätte er sich doch daran gehalten.

Lou Reed: Berlin. CD, neu gemastered.

Julian Schnabel: Lou Reed’s Berlin. DVD des Konzerts, erscheint am 11. Juli.

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